294 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Ihr Vorſatz ſtand feſt und die Ausführung desſelben erſchien ihr leicht. Wie eine Amazone ſchnallte ſie den Stahlpanzer um ihre Bruſt, deckte das Haupt mit einem funkelnden Helme, umgürtete ſich mit einem Schwerte, und die ihr faſt willen⸗ los folgende Katharina mit der Linken führend, ſchwang ſie in der Rechten das Kriegesbanner Sforza's und eilte ſo durch die Stadt.
Die erſtaunten Bürger Tricarico's ſcharten ſich um ihre kühne Gebieterin, die die Stufen an der Marienſtatue am Hauptplatze hinaufſtieg und von dort mit kräftiger Stimme ihre Herzen an⸗ feuerte.
„Was zögert ihr hier in feiger Unentſchloſſen⸗ heit? Wißt ihr nicht, daß man dort im Schloſſe um des edlen Sforza Leben handelt, kennt ihr die Schmach nicht, die ſein ehrwürdiges Haupt be⸗ troffen? Was zagt ihr noch! Wollt ihr den Helden nicht mit den Waffen in der Hand befreien, daß er euch zu neuen Thaten des Ruhmes führen könne? Seht mich an, ein Weib, will ich doch ringen und lieber verderben, als ruhig ihn leiden ſehen. Seht dieſes junge, ſchöne bleiche Weib an! Ihren Bru⸗ der, der ihr halbes Leben war, traf der Groll unverſöhnlicher Feinde und warf ihn in die Arme des Todes, doch ihrem geknechteten Gatten ſchafft ihr die Freiheit! Auf, mir nach zum würdigen Werke, Gottes Segen wird es krönen!“
Margaretha rief mit mächtiger Stimme dieſe Worte, die in jedem Herzen einen freudigen Widerhall fanden. Alles griff zu Wehr und Waffen, und folgte der weiter eilenden Heldentochter, die mit unwiderſtehlicher Kraft Alles mit ſich fortriß.
Umgeben von ihrer leidenſchaftlich erregten Schar drang Margaretha in den Saal, wo
die Geſandten ſich beriethen.
Plötzliches Erſtaunen lähmte Alle bei ihrem Erſcheinen. Die Bürger Tricarico's beſetzten alle Räume.
„Was ſoll das Rathen!“ rief Margaretha; „ſind das Männer, die ſtatt zum Schwerte zu grei⸗ fen, um mannhaft ihres Führers Freiheit zu er⸗ zwingen, zu Federn und zum eitlen Rathen ſich wenden? So wahret ihr eure und eures Führers Ehre? Glaubt mir, wäre einer von euch gefangen und Sforza frei, er würde mit bewaffneter Hand ohne langes Berathen ihn befreien!“
Geſenkten Blickes ſtanden die Hauptleute da und wagten keine Gegenrede. Margaretha fuhr fort:
„Ich weiß, daß Zorn eure Herzen erfüllte, als ihr von der Sforza angethanen Unbilde hörtet. Ihr ließet das Schwert nicht roſten, doch nur Plünderung und Beute war euer Ziel und Zweck.— Julius Cäſar, Graf von Capua ſandte Geſandte. Warum nahmt ihr ſie auf, warum ginget ihr Unterhandlungen ein? Was iſt wohl die Sendung von Abgeordneten anderes, als das Bekenntniß eigener Schwäche! Frieden brauchen ſie und ſenden darum um ſolchen, oder ſie brauchen
Zeit, um ſich während der Scheinunterhandlungen rüſten zu können. Warum habt ihr den richtigen Zeitpunkt nicht ergriffen, wie es eure heilige Pflicht geweſen! Mit mächtiger ſtürmender Hand hättet ihr gegen Neapel vordringen ſollen, um euch eueren Führer mit eurem Blute zu befreien, der Königin die ihr ſo ſchlau und ſo trugvoll entriſſene Macht wieder zu erkämpfen und die verhaßte, entwürdi⸗ gende Fremdenherrſchaft zu ſtürzen. Doch ihr habt's verſäumt; was ihr nicht gethan, das werde ich vollbringen!“ und zu den Geſandten ſich wendend, die bleich und um den Verlauf der ſeltſamen Be⸗ gebenheit bekümmert daſaßen, rief ſie:
„Wie konntet ihr es wagen, da doch Krieg zwiſchen mir, Sforza's Heer und euch beſteht, hieher zu kommen! Wie Lanntet ihr hoffen, un⸗ verletzt mein Gebiet betreten zu dürfen? Unbedacht betratet ihr dieſen Ort, und nicht unbeſtraft werdet ihr ihn verlaſſen. Seht euch um da ſtehen die Treuen aus der Stadt meines Mannes! das iſt meine Wehr und euer Verderben. So lange mein Bruder Mutius degli Attendolo Sforza, ſo lange mein Gatte von eurem Könige gefangen ge⸗ halten werden, ſo arhabe ich Befehl und Macht in dieſer Stadt. Wollt 1 fandeln, ſo müſſen alle eure Forderungen an—— von mir genehmigt werden. Doch jeder Unkerhuandlung ſei mein Herz verſchloſſen. Ihr betratet recht⸗ und ſchutzlos mein Gebiet und ſo erkläre ich euch denn nach Kriegsrecht für meine Gefangenen. Nehmt ſie in eure Mitte, meine Treuen! Und hört: Nur wenn meines Bruders Kerker ſich öffnet, geht an eurem Hanpte das zum Todesſtreich geſchwungene Schwert vorüber!“
Die Bürger Tricarico's bemächtigten ſich der Geſandten, ohne daß von Seite der Räthe und Hauptleute eine Einſprache geſchah.
So war die Berathung geſprengt, Marga⸗ retha hatte ihren Zweck erreicht; ruhig ſchritt ſie durch die ihr bewunderungsvoll und freudig zu⸗ jauchzende Menge ihrer Wohnung zu, ſorgſam Katharina leitend und ſich um ihr Wohl er⸗ kundigend.
Die Nachricht von Margarethas kühner That erreichte Neapel. Man ſtaunte über die Frau, die durch ihr gewagtes Spiel vom Könige alles ertrotzen wollte. Jakob fürchtete wirklich für das Leben ſeiner franzöſiſchen Edelleute, und mit im⸗ mer dringenderen Bitten beſtürmten ihn die Ver⸗ wandten der neapolitaniſchen Adeligen, die von Mar⸗ garetha gefangen gehalten wurden, daß er das Spiel nicht mit blutigem Ernſte enden laſſen möge.
Da von Margarethas feſtem unerſchro⸗ ckenem Geiſte alles zu erwarten ſtand, ſo geſchah, was Kriege und Bitten nicht vermochten: Jakob willigte in Margaretha's Forderungen ein.
Sie und ihr Gemal Michelino Ravignano, V der ſeiner Haft entlaſſen wurde, in die er bei einem Streifzuge gegen Neapel gefallen, durften im Reiche
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