292 Erinnerungen. Illuſtrirte Bätter für Ernſt und Humor.
Pandolfello kniete vor ihr nieder und küßte ihre Hände. V
„Du biſt mir treu! Wie lohne ich es Dir? Du leideſt durch Dein Mitgefühl mit meinem Elend. An der Seite eines ungeliebten Gatten ſoll ich leben, dienend ſtatt befehlend, gefangen ſtatt in gold'ner Freiheit, haſſend ſtatt liebend, entbeh⸗ V rend und doch ſo heißverlangend. Ich, die Köni⸗ gin Neapels, die Enkelin ſo vieler Könige! Wo iſt die ſchöne Zeit, die uns einſt gelächelt! Schönes Oeſterreich, du holdes kühles Alpenland, in deſ⸗ ſen Thälern Glück, Friede, Herzensgüte und Liebe wohnen, wie ein ſtiller Segen des Himmels, warum verließ ich dich! Alopo, dort waren wir ſelig, müſ⸗ ſen wir genoſſenes Glück mit dem Herzblut zahlen?“
„Königin, denkt, es war ein ſchöner Traum voll Glanz, aus dem der Strahl der Morgenſonne zum wirklichen Leben uns weckt!“
„Konnte er nicht länger währen, Alopo? Aus vollem Herzen habe ich Dich geliebt, jede ſeine Regung war nur Dir geweiht! O trauriges Los der Herrſcherin, die nie ihrem Herzen folgen darf! Ach, der Thron iſt ein rauher Fels, wo keine Blumen blühen!“——
„Cäſar, wie gefällt Dir dieſe Szene?“ ſprach plötzlich eine ſchneidend kalte Stimme in der Nähe.
Die Königin fuhr erſchrocken auf. An der Schwelle des Gemaches ſtand hohnlächelnd König Jakob und ihm zur Seite Julius Cäſar.
„Madame, warum entzieht Ihr Euch beſtän⸗ dig meiner liebenden Nähe?“ ſprach Erſterer mit einer Schärfe des Tones, daß die Königin im Grunde ihres Herzens erbebte;„ich hoffe, daß meine Sorge um Euch den Dank in Eurer Freundlich⸗ keit erntet.“
Die Königin erhob ſich. V
„König Jakob,“ ſprach ſie mit leiſer, zittern⸗ V der Stimme,„hier iſt meiner Väter Halle, hier iſt mir die Macht gegeben, die meine Gunſt Euch ver⸗ lieh. Gebrauchet ſie nun gegen mich, die ich ſchutz⸗ V
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los daſtehe.“
„Euer Glück iſt auch das meine!“ ſprach Ja⸗ kob und reichte ihr den Arm, um mit ihr das Gemach zu verlaſſen. Johanna warf einen weh⸗ müthigen Blick, den letzten ſchmerzlichſten des Schei⸗ dens auf den unglücklichen, beſtürzt daſtehenden Pandolfello Alopo und folgte Jakob.
Cäſar nahte Alopo, indent ein feines Lä⸗ cheln des Spottes über ſeine ſonſt düſteren Ge⸗ ſichtszüge glitt.
„Herr Großkämmerer, Eures Amtes iſt es nicht mehr, an dieſem Orte zu weilen, wo Ihr ſonſt ſo würdig gewaltet!“
Pandolfello blickte ruhig auf.
„Ich weiß es! Der Kerker, das Schaffot wird jetzt mein Platz ſein. Ich ergebe mich der Noth⸗ wendigkeit. Drum laßt mich nicht lange in peinli⸗ cher Unſicherheit leiden, beſchließet ſchnell, was mit
mir geſchehen ſoll.“
trauet meiner Liebe!
„Dir iſt der Tod beſtimmt!“ ſprach Cäſar dumpf.
„Der Tod! Und ſchön und reizend lacht mir noch das Leben!“ rief Pandolfello ſchmerzlich. „Doch ſei es, ich wußte das ja lange, und was mein Haupt treffen ſoll, iſt Gottes Fügung!“
„Leiden, ſterben, vergeſſen werden, das iſt der Menſchheit allgemeines Los; was wilſſt Du mehr? Trag' Dein redlich Theil. Doch ſprich— kann ich Dir Deinen letzten ſchweren Gang erleichtern?“
„Wollt Ihr den Segen eines Sterbenden, Julius Cäſar, ſo zürnt denen nicht, die im
Leben liebend an mir hingen. Groollt nicht meiner
Schweſter, die ich ſo hilflos zurücklaſſen ſoll. Ihr Gemal liegt im Kerker, ihr Bruder ſtirbt, die Kö⸗ nigin kann nicht mehr für ſie ſorgen. An Eure Ehre, an Eure Großmuth wende ich mich! Ver⸗
ſprecht mir, daß Ihr Katharina zu Mar⸗
garetha, Sforzas Schweſter, bringen werdet; Ihr habt Macht, Euch gelingt dieß Werk der Gnade! Schlagt ein, Julius Eäſaxl!“
„Hier meine Hand! Meine Ehre ſei Dir Bürge!— Doch ſtill, da im Gemache nebenan
hör' ich Stimmen!“
Cäſar öffnete die Thüre des anſtoßenden Gemaches. In der Dämmerung desſelben ſtand Katharina, blaß, zitternd und mit der Rechten ſich an die Lehne eines Stuhles haltend. Ihr glü⸗
hendes, von Thränen rothes Auge blickte verzwei⸗
felnd und Hilfe ſuchend im Zimmer umher. Vor ihr ſtand Francesco Sforza, der Sohn ihres Gemals.
„Um Alles in der Welt beſchwöre ich Euch!“ rief dieſer in jugendlicher Gluth auflodernd,„ver⸗ Aus allem Drangſal hol⸗ ich Euch heraus und ſollt' ich mit meinem Herz⸗ blut Euer ruhiges Aufathmen zahlen. Aus der Ferne kam ich, keine böſe Ahnung trübte meine Seele. Da traf mich die empörende Kunde, daß mein Vater im Kerker ſchmachte. Alle meine An⸗
ſtrengungen ihn zu retten, ſind vergebens. Ich hörte, daß Ihr bedroht ſeid wie Euer Bruder, trotz allen
Wehrens drang ich zu Euch, wo mein Sinn ſtets geweſen. In meiner Seele lebte immer Euer Bild, doch jetzt erſt, da ich für Euch wirken, für Euch mich opfern kann, bekenne ich, daß ich Euch liebe.
Za, ich liebe Euch, wie der Himmel die ſchöne
Erde, über die er ſich lächelnd, ſegnend ſpannt!“ Entflammt rief Francesco die Worte, Ka⸗
tharina, wie von einem jähen Blitzſtrahl getrof⸗
fen, fuhr zurück und wehrte mit der Miene des höchſten Schreckens der weiteren Rede des jugend⸗ lich ungeſtümen Mannes, der jetzt nur um ſo lei⸗ denſchaftlicher fortfuhr:
„Ich, ich liebe Dich, mehr wie mein Leben, meine Seligkeit! Du mußt mein werden, ſollt ich dem Himmel oder der Hölle Dich entreißen!“
„Willkommenes Verderben, was zagſt du ſo lange?!“ rief Katharina und rang vom höch⸗


