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254 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
zert, bei welchem mehrere Liſzt'ſche Kompoſitionen auf⸗ geführt wurden. Nach der ſymphoniſchen Dichtung„die Ideale“ wurde ein ſchwacher Beifallsverſuch mit Ziſchen erwiedert, worauf der Konzertgeber die Ziſchenden auf⸗ forderte, den Saal zu verlaſſen, was dieſe aber nicht thaten, und das Konzert dann ruhig zu Ende ging. Das Publikum hat ſich für dieſe Inſulte nun durch einen Witz gerächt, indem es behauptet: Herr v. Bülow könne zwar die Leute mit Liſzt aus ſeinen Konzerten vertrei⸗ ben, aber nicht mit Gewalt.
Eine amerikaniſche Zeitung erzählt allen Ernſtes von einem Manne, der die Kunſtfertigkeit abge⸗ richteter Bienen zeigt, und damit ungeheueres Aufſehen erregt. Vor ſich auf einem Tiſch hatte er einen Bienen⸗ korb ſtehen und nicht eins der Thierchen läßt ſich blicken. Dann ertönt von dem Mann das Kommandowort und hui! kommen die Bienen heraus, wo ſie ſich auf den Hut eines Zuſchauers ſetzen. Wiederum Kommando und die Bienen ſetzen ſich auf die entblößten Arme ihres Herrn und Meiſters, daß die Arme ausſehen, als hätte ſie der Mann in einen Muff geſteckt. Kommando und die Bienen ſitzen auf ſeinem Geſicht, daß man glaubt, er habe eine Maske umgebunden. Endlich müſſen ſie auf einer langen Tafel marſchiren, Schwenkungen vor⸗ nehmen und dergleichen mehr.
Der Amerikaner Barnum ſoll Sr. Majeſtät Sou⸗ louque und ſeinem Vaſallen, dem Herzog de la Marlade, eine Zivilliſte von 1 Mill. mit allen ſeinem ſouveränen Rang gebührenden Ehren angeboten haben, wenn Aller⸗ höchſtderſelbe geruhen wollen, mit ihm eine Rundreiſe durch Europa zu machen. Er behält ſich nur den Tri⸗ but vor, welchen die kaukaſiſche Neugierde zu den Füßen der ſchwarzen Majeſtät niederlegen werde.
Am 2. März wurde eine rieſige Krinoline, die eine junge Dame aus Eupen barg, von dem Mauth⸗ beamten in Verviers angehalten und viſitirt. Es ergab ſich, daß dieſelbe außer der Dame noch 117 Paar weißer Kltüm d barg, die nach Belgien eingeſchmuggelt werden ollten.
„Du liebe Zeit, Frithe, wie alt ſiehſt Du aus?“ ſagte ein Bekannter beim Wiederſehen nach langer Tren⸗ nung zu einem andern.—„Närrchen, warum wundert Dich dieß denn? Ich bin ja auch all' mein Lebtage noch nicht ſo alt geweſen als heute!“
Gerichtliches.
Am 4. März wurde beim Ofner k. k. Landesge⸗ richte eine Gerichtsverhandlung abgeführt, welche in Hinſicht auf den Gegenſtand, der das eingeleitete Straf⸗ verfahren bedingte, von mehrfachem Intereſſe iſt. 32 Individuen, Männer, Weiber und Mädchen, die ſich zu einer geſetzlich nicht anerkannten religiöſen Sekte beken⸗ nen und den Namen:„Nachfolger Chriſti“ führen, er⸗ ſcheinen vor den Gerichtsſchranken. Mehr als die Hälfte von ihnen ſind Slovaken aus der Liptau, in der Gegend von Hradek und Szt.⸗Miklös, die andern Vorſtadtbe⸗ wohner von Peſt. Der Gerichtshof hat in Berückſich⸗ tigung vieler mildernder Umſtände die Sektirer zu ein, anderthalb und zwei Monaten Arreſt verurtheilt; die meiſten der nach Peſt Zuſtändigen haben die Berufung angemeldet, während die Slovaken mit dem Urtheil zu⸗ friedengeſtellt, nur baten, ihre Strafzeit in der Heimat zurücklegen zu dürfen.(Die Anhänger dieſer Sekte nen⸗ nen ſich auch„Fröhlichianer“, da der vor zwei Jahren verſtorbene Stifter dieſer Sekte Fröhblich hieß, welcher ſich bald in der Schweiz, bald in Frankreich aufhielt, den Anhängern ſeiner Lehre zahlreiche Briefe ſchrieb und den Erhebungen nach von den Beiträgen ſeiner An⸗ hänger ein ganz behagliches Leben führte. Zwei Schloſ⸗ ſergeſellen aus Ungarn, Ludwig und Emerich Hencsey,
brachten vor 15 Jahren die Irrlehre dieſer Sekte aus der Schweiz, wo ſie durch Fröhlich verführt worden, nach Ungarn. Dieſe Sekte hat ihre nicht zahlreichen An⸗ hänger in der Schweiz, in Frankreich, Deutſchland, Nie⸗ deröſterreich, Böhmen, Ungarn und im Banate. Ihre Proſelyten nehmen ſie aus allen chriſtlichen Konfeſſionen, der katholiſchen ſowohl wie der lutheriſch⸗ und kalviniſch⸗ evangeliſchen und aus allen Nationalitäten Ungarns. Den Kirchenbeſuch verwerfen ſie, weil ihr Herz der „Tempel Gottes“ ſei, ſie verſammeln ſich aber ſehr oft in ihren Wohnungen zur Leſung der heiligen Schrift. Ihre Ehen ſchließen ſie nicht vor der„weltlichen Macht“, ſondern ſie umgehen hierbei dieſe wie die Kirche gänzlich. Auch werden„Freunde“ und„Freundinen“ jene ihrer Mitglieder genannt, welche erklären, ihrer Sekte ange⸗ hören zu wollen, aber die Wiedertaufe noch nicht erlangt haben, alſo ihre ſogenannten Katechumenen; während „Brüder“ und„Schweſtern“ jene genannt werden, welche in die Sekte durch die neue Taufe vollkommen aufge⸗ nommen werden. Charakteriſtiſch an dieſen Sektirern iſt ihr außerordentlich frömmelndes Weſen und ein be⸗ ſtändiges Zitiren von Stellen der heiligen Schrift alten und neuen Teſtamentes. Sie nennen ſich in aller Be⸗ ſcheidenheit„Heilige“ und behaupten, daß ſie rein ſind von Sünde; dabei aber überhäufen ſie alle chriſtlichen Kirchen mit den größten Schmähungen und die Erhe⸗ bungen konſtatirten, daß auch unter dieſen„Reinen“ Unreine, und Böcke unter den Schafen ſind.
New⸗York. Der Senator Sickles war vor wenigen Jahren unter Buchanan Geſandtſchafts⸗Sekretär in Lon⸗ don. Seine junge Frau, die Tochter eines in New⸗York auſäſſigen italieniſchen Muſikmeiſters, erregte dazumal bei Allen, die ſie kannten, wegen ihres heitern kindlichen Benehmens, lebhafte Theilnahme, und von ihrem Manne wurde ſie geradezu vergöttert. Letzterer wurde im Jahre 1856 von einem New⸗Yorker Wahlbezirke in den Kon⸗ greß gewählt, und zählte ſeitdem zu den populärſten und hoffnungsvollſten Mitgliedern. Herr Key, ein Neffe des Oberrichters der Vereinigten Staaten, ein Mann von 42 Jahren, Witwer und Vater von vier Kindern, kam oft in das Sickles'ſche Haus, und, darüber iſt kein Zweifel mehr, verführte die junge Frau. Das verbrecheriſche Verhältniß ſcheint im April vorigen Jahres begonnen zu haben; Key hatte ein Haus gemie⸗ thet, wo geheime Zuſammenkünfte ſtattfanden; endlich kam ein anonymer Brief, der dem betrogenen Ehemanne die Augen öffnete, und damit war das Schickſal des Verführers beſiegelt. Sickles überzeugte ſich vor Allem, daß der Brief die Wahrheit ſagte, er erhielt von ſeiner Frau ein volles Geſtändniß ihrer Schuld; er erfuhr durch ſie die geheimen Rendezvous⸗Signale, die ſie mit ihrem Verführer zu wechſeln pflegte, und gerade als die Unglückliche in Thränen Alles geſtanden hatte, er⸗ blickte ihr Mann den Verführer vom Fenſter aus, wie er eben zu einem Stelldichein hinaufwinkte. Das war zuviel für dieſes Mannes Herz, der ſeine gefallene Frau zärtlich liebte. Er ſtürzt in ſeine Stube, erfaßt zwei Piſtolen und einen Revolver, ſtürzt hinab auf die Straße, ereilt den falſchen Freund auf dem eleganteſten Puds Waſhingtons, und mit dem Ausruf:„Schuft, Du mußt ſterben!“ ſchießt er ein Piſtol gegen ihn ab. Die Kugel ſtreift Key's Wange; dieſer wirft, waffenlos wie er iſt, ein Opernglas, das er bei ſich hat, Sickles entgegen, um ihn abzuwehren, verſucht auch, ihm das andere Piſtol zu entwinden, aber es gelingt ihm nicht. Eine zweite Kugel wirft ihn zu Boden, und unter dem Rufe „Tödte mich nicht!“ empfängt er eine dritte in die Bruſt, worauf er ſterbend zuſammenſinkt. Der Thäter übergibt ſich, nachdem er ſein Opfer lange angeſtarrt hat, freiwilliz den Gerichten. Die Frau mit dem älteſten Kinde ſchickt er in ihr Vaterhaus zurück. Kein Menſch zweifelt, daß Sickles von den Geſchworenen freigeſprochen werden wird.


