Erinnerungen.
Pllu⸗krirte Blätker für Wrnsk und Bumor. 77. Band.(Neununddreißigſter Jahrgang.) Heft VIII.
Der Verlorene.
Novelle von Walter Lindau.
ie gnädige Frau läßt den Herrn Kommer⸗ zienrath in's grüne Zimmer bitten,“ meldete ein Bedienter, indem er ehrfurchtsvoll an der Thür des kleinen Zimmers ſtehen blieb, welches an ein großes Komptoir ſtieß.
Der Kommerzienrath blickte langſam von dem Hauptbuche auf, in deſſen Zahlen er ſich eben vertieft hatte, ſah den Bedienten einige Sekunden forſchend an, als wollte er ſich überzeugen, ob die⸗ ſer auch die Wahrheit geſprochen habe, dann ſagte
„Gut.“
Der Diener zog ſich mit einer Verbeugung gräuſchlos zurück. Der Kommerzienrath legte die Beer, ohne ſie vorerſt von der Tinte gereinigt zu had⸗ auf den Tiſch, was bei ihm ſtets ein Zei⸗ chen v. Nachdenken war, ſonſt unterließ er es nie, die Fedr zu trocknen, ehe er ſie niederlegte.
„Vis iſt denn vorgefallen, daß ſie mich in's Ehnnerungen. 1859.
grüne Zimmer rufen läßt?“ ſprach er halb laut vor ſich hin und ſchüttelte dabei bedenklich den Kopf.
Er hatte auch allen Grund ſich zu verwun⸗ dern, der gute Kommerzienrath, denn das grüne Zimmer war ſo eine Art Konklave, wo die wichtig⸗ ſten Angelegenheiten der Familie verhandelt wur⸗ den. Ein Fremder hatte dieß Heiligthum noch nie betreten und auch der Kommerzienrath hatte eine Art Scheu vor dieſem Raum, den er nur ſelten ſah. Faſt drei Monate waren verfloſſen, ſeit er das grüne Zimmer zuletzt verlaſſen, und damals hatte er, oder vielmehr ſeine Frau über die Zukunft ihres Sohnes entſchieden, der dieſer Entſcheidung zufolge ſich der politiſchen Laufbahn widmete, nach⸗ dem er zuvor zum Doktor der Rechte geſtempelt worden war.
Langſam ſtieg er die Treppe hinauf in den erſten Stock, trat in das Boudoir ſeiner Frau und von da in ein Gemach, welches die Zimmerreihe des rechten Flügels ſchloß. Das war das grüne Zimmer, nicht groß, aber hell durch zwei Fenſter beleuchtet, die Tapeten an den Wänden von einem wohlthuenden Grün. Vier Porträts, die Eltern des Kommerzienraths und ſeiner Frau vorſtellend, hin⸗
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