Heft 
(1859) 8 08
Seite
226
Einzelbild herunterladen

226

gen an den Wänden, ein großer Wandſpiegel, ein runder Tiſch aus Nußbaumholz, ein Sopha und zwei Fauteuils bildeten das ganze Ameublement.

Auf dem Sopha ſaß die Kommerzienräthin, eine ſtattliche Frau von hohem Wuchſe und ſchar⸗ fen Zügen. Ihre Haltung, überhaupt ihr ganzes Weſen bekundete Sicherheit und Entſchiedenheit. Ihr gegenüber ſaß ein Mann in vorgerückten Jah⸗ ren. Sein Haar war ſtark mit Grau untermiſcht, noch mehr der mächtige Schnurrbart, der ſich der auffallendſten Sorgfalt des Beſitzers erfreute. Das war der Bruder des Kommerzienraths. Er hatte lange im Militär gedient und ſich endlich mit einem Orden und dem Hauptmannstitel bei ſeinem Bru⸗ der zur Ruhe geſetzt. In der Familie hieß man ihn nurder Hauptmann, die Kinder nannten ihn Onkel Hauptmann und die Dienſtleute ſetzten ihm einHerr vor.

Der Kommerzienrath ſetzte ſich ſeiner Frau zur Rechten in den Fauteuil.

Was iſt denn vorgefallen, Liebe? fragte er; warum wird ſo unverhofft die Rathsglocke ge⸗ läutet?

Die Kommerzienräthin warf ihrem Gemal einen ſtrengen Blick zu, den dieſer ruhig aushielt, dann ſagte ſie:

Hier iſt ein Brief von meinem Bruder.

Vom Geſandten? fragte der Hauptmann.

Von demſelben, verſetzte ſie.

Und was ſchreibt denn mein Schwager Ex⸗ cellenz? fragte der Kommerzienrath.

Abermals erhielt er einen ſtrafenden Blick von ſeiner Gemalin. Mit der rechten Hand griff ſie nach der Perlenſchnur an ihrem Halſe und ſchob mit dem Zeigefinger die einzelnen Perlen über den Daumen herab, die linke hielt den Brief.

Lies, ſprach ſie nach einer Weile,lies ihn laut, damit der Hauptmann ebenfalls erfährt, was er enthält.

Der Kommerzienrath ſchob das Couvert zurück, entfaltete das Schreiben und las:

Vielgeliebte Schweſter!

Es iſt mir leid, daß ich keine Ausſicht ſehe, Deinen Wunſch und mein Verſprechen zu erfüllen, da die Erfüllung nur in einem Theile von mir abhängt. Dein Sohn iſt zwar ein mit vielen Vorzügen begabter junger Mann; er be⸗ ſitzt Talente, die einen Andern weit bringen würden, er hat ein ausgezeichnetes Wiſſen nach vielen Richtungen; aber es fehlt ihm jener Ernſt, der alles dieß zur Geltung bringt, er iſt noch zu ſehr Student und hat manche üble Gewohn⸗ heiten von der Burſchenſchaft abzulegen vergeſ⸗ ſen. Wenn ich ihm auch nicht die Befähigung zur Diplomatie abſprechen mag, ſo iſt er doch allenfalls zu jung, zu wenig Herr ſeiner ſelbſt, als daß ich mir für die nächſten Jahre etwas von ihm verſprechen könnte, und ſomit rathe ich

Dir, ihn in eine andere Sphäre zu bringen,

Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

was mit ſeinen Intentionen gewiß übereinſtim⸗ men könnte.

Indem ich Dich und Deinen Gemal auf's Herzlichſte grüße, bleibe iſt ſtets Dein liebevol⸗ ler Bruder

Ernſt Baron von Roſenhain.

Der Banquier legte das Blatt auf den Tiſch und ſah ſeine Frau lächelnd an. Der Hauptmann drehte mit der linken Hand bald die eine, bald die andere Spitze ſeines Schnurrbartes und trommelte mit der rechten einen Sturmmarſch auf der Sei⸗ tenlehne des Fauteuils.

Nun, was ſagſt Du zu dieſem Briefe mei⸗ nes Bruders? fragte die Frau.

Bittere Mandeln diplomatiſch überzuckert, entgegnete der Kommerzienrath.Ich habe es vor⸗ aus gewußt, Anna, was aus dieſer diplomatiſchen Geſchichte werden wird, ich kenne meine Actien. Einen ähnlichen Brief habe ich ſeit zwei Monaten jeden Tag erwartet, nun wundert's mich nicht, daß er endlich angekommen iſt.

Daß er endlich angekommen iſt, wieder⸗ holte die Kommerzienräthin mit bitterem Accent. Du freuſt Dich vielleicht gar, daß Dein Sohn ein Taugenichts iſt und daß ihm mein Bruder ein Zeugniß, wie dieſes da, vorausſchickt.

Halt, Frau Schwägerin! brach jetzt der Hauptmann los, indem er ſeinen Marſch mit einem raſchen Fingerlauf ſchloß und darauf die Hand, wie abwehrend, ausſtreckte;den Taugenichts bitte ich zurückzunehmen. Otto ein Taugenichts? Ein Teufelsjunge iſt er, der ſeinen eigenen Kopf hat und ſich nicht ſchicken mag in jenen diplomatiſchen Kram, wo manches nicht recht klappen will. Dort geht alles zickzack und er marſchirt gradaus er bückt ſich nicht, er rückt ſich nicht. Otto iſt ein Kerl, ſag' ich Ihnen, der das Zeug zu was Rech⸗ tem in ſich hat! 3

Ich wiederhole noch einmal, was ich ſchon oft geſagt habe, nahm der Kommerzienrath das Wort;mein Bruder Hauptmann hat recht, Otto iſt zum Diplomaten nicht geboren.

In dieſem Augenblicke erſchollen Stimmen im Korridor.

Ich will Sie zuerſt anmelden, ſie ſind im grünen Zimmer, ließ es ſich deutlich vernehmen.

Mach' keine Komödien, alter Hans, ent⸗ gegnete darauf eine andere klangvolle Stimme,ich werde doch in meinem Elternhauſe nicht anticham⸗ briren müſſen!

Und ſofort näherten ſich Schritte, die Thür⸗ klinke wurde kräftig ergriffen. Der Hauptmann war hinzugeeilt, hatte raſch den Schlüſſel der Thüre, welche nach dem Korridor führte, umgedreht, den Riegel zurückgeſchoben und ein junger Mann trat ei⸗

Onkel Hauptmann! rief der Eingetreene und ſchlang ſeine Arme kräftig um den Bau des Hauptmanns, doch ſchnell machte er ſich von dieſem los und war mit einigen Schreten bei

1 fou fAn.