256 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Ehrenzeichen an öſterreichiſchen Orden: das Kommandeurkreuz des militäriſchen Marie⸗Thereſienordens, das militäriſche Verdienſt⸗ kreuz und die Großkreuze des Leopold⸗ und St. Stefanordens.
Prinz Napoleon.
Napoleon Joſef Karl Paul Bonaparte, zweiter Sohn des ehemaligen Königs von Weſtfalen Hieronymus und der Prin⸗ zeſſin Friederike von Württemberg, wurde am 9. Sept. 1822 in Trieſt geboren. Er iſt ein Vetter des gegenwärtigen Kaiſers und befand ſich wie dieſer in Italien, als 1831 die Revolution in der Romagna ausbrach. Aber während Ludwig Napoleon mit ſeinem Bruder an der Bewegung Theil nehmen konnte, mußte Prinz Napoleon, damals erſt acht Jahre alt, natürlich in Rom ein ruhiger Zuſchauer bleiben, trotzdem aber nach der Unterdrückung des Aufſtandes den Kirchenſtaat verlaſſen und ſei⸗ nen Aufenthalt in Florenz nehmen. 1835 begab er ſich nach der Schweiz, blieb zwei Jahre in einer Penſion in Genf und trat 1837 in die württembergiſche Militärſchule in Ludwigsbürg. Nach Vollendung eines dreijährigen Kurſes nahm er jedoch keine Dienſte, da er nicht ſeinem Vaterlande dienen konnte, und brachte fünf Jahre auf Reiſen in Deutſchland, England und Spanien zu. Erſt 1845 erhielt er nach vielen fruchtloſen Verſuchen von dem Miniſterium Guizot die Erlaubniß, unter dem Namen eines Grafen von Montfort nach Paris zu kommen, wo ihn aber ſeine Verbindungen mit der demokratiſchen Partei bald verdäch⸗ tig machten und ihm nach viermonatlichem Verweilen einen Aus⸗ weiſungsbefehl zuzogen; doch durfte er mit ſeinem Vater bereits 1847 wieder nach Frankreich zurückkehren.
Der Sturz der Dynaſtie Orleans ließ jedem Ehrgeiz freie Bahn und Prinz Napoleon verfehlte nicht, ſich bereits am 24. Fe⸗ bruar auf dem Stadthauſe in Paris bemerklich zu machen. Zwei Tage ſpäter veröffentlichte er einen Brief, durch welchen er ſich der proviſoriſchen Regierung zur Verfügung ſtellte und erklärte, „daß es die Pflicht jedes guten Bürgers ſei, ſich der Republik anzuſchließen.“ Noch entſchiedener ſprach er ſeine republikaniſchen Grundſätze in einem Sendſchreiben an die Wähler Korſika's aus, wo er als Kandidat für die konſtituirende Verſammlung auftrat. Aus der Wahlurne als Erſter auf der Liſte hervorge⸗ gangen, ſchloß es ſich in der Verſammlung den gemäßigten Re⸗ publikanern an.
Am 10. Februar 1849 zum bevollmächtigten Miniſter am Madrider Hofe erngunt, pard er nach ſehr kurzer Zeit abberu⸗ fen, weil er ſeinen Poſten ohne Urlaub verlaſſen hatte. Seitdem ſchloß er ſich der Oppoſition an und ſaß in der geſetzgebenden Verſammlung, auch dießmal für Korſika gewählt, auf den Bän⸗ ken der Linken. Nach dem Staatsſtreiche zog er ſich ganz in das Privatleben zurück.
Als die Wiederherſtellung des Kaiſerreiches es wünſchens⸗ werth machte, den Verwandten Ludwig Napoleon's eine ausge⸗ zeichnete Stellung anzuweiſen, trat auch Prinz Napoleon aus der bisherigen Zurückgezogenheit hervor. Ein Dekret vom 18. De⸗ zember 1852 erklärte ihn, in Ermangelung anderer Erben, zum Thronfolger, und durch Senatsbeſchluß vom 23. desſelben Mo⸗ nats erhielt er den Titel eines franzöſiſchen Prinzen und als ſolcher einen Sitz im Senat und im Staatsrath; gleichzeitig empfing er das Großkreuz der Ehrenlegion und, obgleich er noch gar nicht gedient hatte, die Ernennung zum Diviſions⸗General.
Der Krieg gegen Rußland ſtellte dem neuen General Ge⸗ legenheit in Ausſicht, ſich Lorbeern zu erwerben, und auf ſeinen Wunſch gab ihm der Kaiſer den Befehl über eine Infanterie⸗ Diviſion, die in den Schlachten an der Alma und bei Inkerman die Reſerve bildete. Kränklichkeit war wohl blos der Vorwand, daß Prinz Napoleon gegen den Schluß des Jahres ſein Kom⸗ mando niederlegte und nach Frankreich zurückkehrte.
Nach dieſer militäriſchen Epiſode wendete ſich Prinz Napo⸗
leon wieder friedlichen Beſchäftigungen zu und wurde zum Prä⸗ ſidenten der kaiſerlichen Kommiſſion der großen Induſtrie⸗Aus⸗ ſtellung des Jahres 1855 ernannt, wo er eine von den Aus⸗ ſtellern und den Abgeordneten des Auslandes anerkannte er⸗ ſprießliche Thätigkeit entwickelte. Seit dem Kaiſer ein Sohn geboren worden, hat ſich der Prinz Napoleon faſt ganz von den Staatsgeſchäften zurückgezogen und erſt ganz neuerdings hat er wieder eine politiſche Rolle übernommen. 1857 unternahm er auf der Korvette Reine Hortenſe eine Reiſe nach Island und dem Polarmeere, die in einem kaiſerlich ausgeſtatteten Pracht⸗ werk beſchrieben iſt, und nach ſeiner Rückkehr, als die nach dem Jännerattentat von der Regierung ergriffene Repreſſivpolitik den Franzoſen zu ſchwer auf den Schultern zu laſten anfing, war es Prinz Napoleon, der wiederholt Anlaß nahm, ſich öffentlich, wenigſtens in der Theorie, für liberalere Grundſätze zu erklären und auf die Nothwendigkeit größerer Preßfreiheit und einer Lockerung der ſtaatlichen Centraliſation hinzuweiſen. Am 24. Juni 1858 trat er an die Spitze des neugebildeten Miniſteriums für Algerien und die Kolonien und iſt im vorigen Monat aus demſelben geſchieden. Seine Vermälung mit der Prinzeſſin Klo⸗ tilde, der älteſten Tochter des Königs Viktor Emanuel, wurde binnen vierzehn Tagen aus einem unverbürgten Zeitungsgerüchte zu einer vollendeten Thatſache, ſo ſchnell hat ſie die drei Sta⸗ dien der Werbung, Verlobung und Trauung durchlaufen, welche letztere am 30. Jänner ſtattfand.
Der Prinz Napoleon, durch Geſichtsbildung und Wohlbe⸗ leibtheit ſeinem großen Onkel am ähnlichſten von allen Napoleo⸗ niden, affektirt auch das Napoleoniſche Koſtüme bis zum grauen Ueberrock und dreieckigen Hütchen. Aber weder dieß noch ſeine liberalen Reden haben ihm die Popularität gewonnen, die zu erwerben er immer eifrig beſtrebt geweſen iſt⸗(Eur.)
W
Rnnuntlllün
Nebus von K-y.
Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag.
Ausgegeben am 1. April 1859,


