Heft 
(1859) 8 08
Seite
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Feuilleton.

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Biografieen von Zeitgenoſſen. Heinrich Freiherr von Heß,

k. k. öſterr. Feldzeugmeiſter und Chef des Generalquartiermei⸗ ſterſtabes der öſterreichiſchen Armee, wurde im Jahre 1788 zu Wien geboren. Im Jahre 1805 begann er ſeine militäriſche Laufbahn im kaiſerlich öſterreichiſchen Heere, in der es ihm be⸗ ſchieden war, gleich anfänglich an den großen vaterländiſchen Kämpfen, wenn auch in den unterſten Offiziers⸗Graden, mit Auszeichnung Theil zu nehmen. Seine hervorragende Intelligenz verſchaffte ihm ſehr bald den Eintritt in den Generalquartier⸗ meiſterſtab, in welcher Stellung er den Feldzügen von 1805, 1809, 1813, 1814 und 1815 beiwohnte. Im Jahre 1809 zum Oberlieutenant und für bewieſene Tapferkeit in der Schlacht bei Wagram noch in demſelben Jahre zum Kapitänlieutenant in dieſem Korps ernannt, begleitete Heß 1813 u. A. den General Graf Bubna bei deſſen bekannter diplomatiſcher Miſſion nach Dresden; ſpäter machte er, in deſſen Stabe zum Hauptmann aufgerückt, die Schlacht bei Leipzig, 1814 die Gefechte bei Genf und Lyon mit. 1815 befand er ſich im großen Hauptauartier, wo er zum erſten Male Gelegenheit fand, in die Operations⸗ pläne großer Armeen Einſicht zu nehmen. Noch im nämlichen Jahre ward er Major, und nach Beendigung des Krieges ſchmück⸗ ten bereits vier Orden die Bruſt des 2 7jährigen Stabsoffiziers. Kriegsgeſchichtliche und militär⸗geografiſche Arbeiten bildeten die mit Vorliebe betriebenen wiſſenſchaftlichen Beſchäftigungen in den nun folgenden Friedensjahren. 1819 ward Heß zum 33. Infanterie⸗Regiment verſetzt, 1822 Oberſtlieutenant in demſelben Regiment, 1829 Oberſt und Kommandant des 2. In⸗ fanterie⸗Regiments. 1830 erfolgte ſeine abermalige Verſetzung zum Generalquartiermeiſterſtabe und zwar zum Chef der Gene⸗ ralſtabsabtheilung der mobilen Korps in Ober⸗Italien. Dieſe wichtige Stellung führte ihn an die Seite des kommandirenden Generals Grafen Radetzky, deſſen Vertrauen er ſich in höch⸗ ſtem Grade erwarb und deſſen Ideen und Entwürfe er mit ſeltenem Verſtändniß ausführte. Radetzky's klarem Geiſte waren die Gebrechen und Uebelſtände nicht unbekannt, welche der öſter⸗ reichiſchen Armee namentlich in Betreff ihrer Manövrirfähigkeit anhingen. Aber erſt in der unabhängigen Stellung eines kom⸗ mandirenden Generals war es ihm möglich, ſeine auf die Be⸗ ſeitigung dieſer Gebrechen gerichteten Ideen zur Ausführung zu bringen. Heß wurde das geſchickte Werkzeug, dieſelben ſchriftlich in's Leben zu rufen, denn aus ſeiner Feder floſſen dieFeld⸗ Inſtruktion und dieManövrir⸗Inſtruktion, welche die Augen aller intelligenten Offiziere Europa's bald auf die italieniſche Armee richteten, als dieſelbe in der praktiſchen Einübung dieſer Vorſchriften deren Vortrefflichkeit bekundete. Trotz aller Wider⸗

ſprüche der Anhänger des Hergebrachten wurden dieſelben end⸗

lich bei der ganzen öſterreichiſchen Armee eingeführt und durch ſie iſt an die Stelle der frühern Schwerfälligkeit und Unbeholfen⸗ heit eine Gewandtheit getreten, welche die Siege der Oeſterrei⸗ cher 1848 und 49 weſentlich mit herbeiführen half und ihnen unter allen kontinentalen Armeen eine große Bedeutung verſchafft hat. Das Jahr 1834 rief Heß als Generalmajor und Briga⸗ dier der Infanterie nach Mähren, aber ſchon 1839 ward ihm die Leitung der Geſchäfte des Generalquartiermeiſterſtabes über⸗ tragen, in welcher Eigenſchaft er 1842 zum Feldmarſchall⸗Lieu⸗ tenant aufrückte. 1848 war er zum Ober⸗Kommandanten der in's Leben gerufenen Nationalgarde deſignirt, als ihn Radetzky's Wunſch, ihn wieder zur Seite zu haben, einem ihm mehr zu⸗ ſagenden Wirkungskreiſe zuführte. Er ward im Mai 1848 zum Generalquartiermeiſter der Armee in Italien berufen, und in dieſer Stellung war es, wo ihm unvergängliche Lorbeern zu pflücken beſchieden war. Heß fand bei ſeiner Ankunft in Italien die öſterreichiſche Armee zwar nicht entmuthigt, aber hilflos und zerſtückelt hinter die Etſch zurückgezogen. Nur 35,000 Mann ſtark, auf drei Seiten von feindlichen Armeen bedroht, lagerte ſie innerhalb des wichtigen Feſtungsvierecks Peschiera, Verona, Mantua, Legnago. Als aber am 25. Mai die erſten Reſerven (19,000 Mann unter Graf Thun) vom Iſonzo eingetroffen waren, begann Radetzky die tiefdurchdachten Pläne ſeines neuen Generalquartiermeiſters in Ausführung zu bringen. Die erſte ſchöne Operation, welche Heß entwarf, war der kühne Flanken

marſch, den die öſterreichiſche Armee faſt unter den Augen des Feindes von Verona auf Mantua ausführte. Sie führte zu den Kämpfen von Curtatone und Montanara, ſtrebte aber als hö⸗ heres Objekt den Entſatz von Peschiera an. Obgleich dieſer nicht gelang, ſo kam es doch zu ſtrategiſchen Nachtheilen für die feindliche ſardiniſche Armee. Noch ehe ſie dieſelben ausgeglichen hatte, erfolgte ein zweiter unerwarteter Schlag. Die Oeſterrei⸗ cher gingen eiligſt zurück, aber nicht in ihre alten Stellungen bei Verona, wie die Sardinier wähnten, ſondern mit der Haupt⸗ maſſe auf das neun Meilen entfernte, in ihrem Rücken gelegene Vicenza, welches 15,000 Mann päpſtliche und Nationaltruppen unter Durando beſetzt hatten. Die kühne und unerwartete Weg⸗ nahme dieſes Platzes, die mit einem Male das venetianiſche Feſtland vom Feinde ſäuberte, iſt eine der ſchönſten Waffenthaten der italieniſchen Armee. Als die Sardinier ſie erfuhren, ſtanden die Oeſterreicher bereits wieder bei Verona. Eine Periode der Unthätigkeit trat jetzt ein, den Oeſterreichern erwünſcht, um Verſtärkungen an ſich zu ziehen. Als dieſelben Mitte Juli ein⸗ getroffen waren, ward von ihnen die Offenſive ergriffen. Die ausgedehnte Stellung der Sardinier führte zu dem Gedanken, dieſelben in der Mitte zu durchbrechen und dann in Flanken und Rücken anzugreifen. Das Manöver gelang vollſtändig; in den dreitätigen Kämpfen von Cuſtozza ward die ſardiniſche Armee zerſprengt und eine energiſch betriebene Verfolgung wies dieſelben nach großen Verluſten in ihre Grenzen zurück. Die ganze Operation hatte nur ſiebenzehn Tage gedauert, worauf ein am 9. Auguſt abgeſchloſſener Waffenſtillſtand den Kampf bis auf Weiteres vertagte. Am 16. März 1849 kündigte ihn Sardinien, wie Radetzky lange erwartet hatte. Heß hatte indeß ſeinen Plan längſt fertig, doch blieb er ein tiefes Geheimniß bis zum Moment der Ausführung; auch gehörte zu dieſer letz⸗ teren eine Umſicht, Schnelligkeit und ein Nachdruck, wie ſie nur gute Armeen und Führer gewähren. Man wollte von Pavia aus mitten durch den Feind auf Turin operiren, vor der Front des Gegners aber, ſowie überhaupt in der Lombardie nur 10,000 Mann ſtehen laſſen. Der Erfolg des Planes war voll⸗ kommen. Die geſammte öſterreichiſche Armee, bei Pavia ſchnell und geheim konzentrirt, ging hier über den Po und drang über Mortara gegen Novara vor. Das ſardiniſche Heer ward in ſeinem Vormarſche vollſtändig durchſchnitten und der rechte Flü⸗ gel von der Armee getrennt. Am 23. März kam es zur Schlacht bei Novara, in der die ſardiniſche Armee vollſtändig geſchlagen wurde. Schon den 26. bat Viktor Emanuel um den Frieden, nachdem der ganze Feldzug kaum fünf Tage gedauert hatte. Nie iſt ein Krieg raſcher begonnen und beendigt worden und immer wird er lehrreich für das Studium bleiben. Mit edler Beſcheidenheit meldete Radetzky ſeinem Kaiſer:Dem Feldmar⸗ ſchall⸗Lieutenant v. Heß ich bezeuge es hiermit von ganzem Herzen gebührt der bei weitem größte Antheil an den Er⸗ folgen, den die Waffen des Kaiſers in dem letzten Feldzuge er⸗ rungen haben. Die Wahrheit dieſes Zeugniſſes war es auch wohl, die den Kaiſer veranlaßte, außer andern Belohnungen Heß den 27. September 1849 zum Chef des Generalſtabs der geſammten Armee und ſpäter zum Feldzeugmeiſter zu ernennen. Meiſterhaft ſind ſeine Anordnungen zu der Konzentrirung der öſterreichiſchen Armee 1850 zu nennen, als die Verwicklungen mit Preußen droheten. 1855 berief ihn der Kaiſer zum kom⸗ mandirenden General der zur Zeit des orientaliſchen Krieges gegen Rußland aufgeſtellten öſterreichiſchen Armeen. Auch hier bewährten ſich ſeine großartigen politiſch⸗ ſtrategiſchen Kombina⸗ tionen. Durch die Aufſtellung zweier Armeen, von denen die eine von Galizien aus Polen bedrohete, die andere in der Bu⸗ kowina und Siebenbürgen Front gegen die Donaufürſtenthümer machte, wurden die Ruſſen ohne Schwertſtreich genöthigt, den Vormarſch gegen den Balkan durch die Dobrudſcha aufzugeben und die Donaufürſtenthümer zu räumen. Oeſterreichs Einfluß war geſichert und der Krieg von ſeinen Grenzen entfernt. Feldzeugmeiſter v. Heß, ſeit 1849 in den Freiherrnſtand erho⸗ ben, iſt ein noch rüſtiger Greis und wohl die erſte im öſterrei⸗ chiſchen Heere befindliche militäriſche Kapazität. Er iſt ſeit April 1841 mit Marianne Freiin v. Diller verehelicht, ſeine militä⸗ riſchen Würden beſtehen außer den genannten noch in der In⸗ haberſtelle des Inſanterie⸗Regiments Nr. 49; hiernächſt iſt er k. k. wirkl, geh. Nath und beſitzt außer vielen ausländiſchen

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