Heft 
(1859) 8 08
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246 Erinnerungen.

ſalon und nimmt in kurzen Abſätzen ſeinen, dam⸗ pfendenKapuziner zu ſich, nach jedem Schlucke wonniglich ſchmunzelnd. In ſeiner Linken hält er das Tagesblatt:Die Poſaune und ſtudirt gar fleißig einen Artikel desſelben. Man könnte wetten, er leſe ihn zum fünfzigſtenmale. Wir blicken ihm über die Schulter und ſtillen unſere Neugierde.

Die überaus zahlreiche Theilnahme des P. T. Publikums am geſtrigen Leichenbegängniſſe des Herrn Sammethändchen ließ uns mit tiefer Rührung die Liebe und Verehrung erkennen, die der Verblichene im Leben genoſſen. Und wirklich, Herrn Sammethändchen's Güte kannte keine Gren⸗ zen; er war ein Menſchenfreund im vollſten rein⸗ ſten Sinne des Wortes, und die Thränen, die wir in den Augen der Leidtragenden erblickten, ſie wa⸗ ren fürwahr ihm die ſchönſte Lobrede. Herr Sammethändchen ſtarb im neunzigſten Jahre ſeines ſegensreichen Lebens als Junggeſelle und demnach kinderlos. Friede ſeiner Aſche.

Sollte der nicht Herr Euſtachius Schna⸗ bel ſelbſt ſein, der ſeine Laufbahn als Notizenjäger ſo glänzend begonnen? Er lieſt ſeinen pracht⸗ vollen Aufſatz zum einundfünf fzigſtenmale. Plötzlich ſchreitet ein junger Mann in ſchwarzer eleganter Kleidung auf ihn zu und muſtert ihn mit höhni⸗ ſchen Blicken. Herr Schnabel ſchaut auf, wer der verwegene Störer ſei, der ihn in ſeiner Lektüre unterbreche.

Wünſchen der Herr vielleichtdie Poſaune? liſpelt er mit ſüßer Stimme und lächelt den Frem⸗ den freundlichſt an,iſt heute ſehr intereſſantdie Poſaune beſonders ein Artikel über das Be⸗ gräbniß des Herrn Sammethändchen man ſieht, daß es noch Menſchen gibt, denen das Herz am rechten Flecke ſitzt. Bald zu Thränen hätte mich der Aufſatz gerührt, wirklich bald zu Thränen.

Schnabel fährt mit dem Rockärmel über ſeine Augen.

Will Ihnen gleichdie Poſaune geben muß noch einmal leſen den trefflichen Artikel. Die überaus zahlreiche

Schnabel verſtummt, denn der Fremde legt ſeine Hand auf das Blatt und ſtarrt ihn wild und drohend an.

Mein Herr, Sie ſind 2

Euſtahins Schnabel, aufzuwarten, ſtottert erbleichend dieſer, und ſeine Augen irren hilfeſuchend umher.

Wohl, mein Herr! ſchreit der Fremde, Sie ſind der Schnabel und ich bin der Enkel Sam⸗ methändchen's, den Sie in Ihrem Eifer als ehrſamen Junggeſellen Fer ürden ließen.

Sie? S Sein Enkel? ſtammelte Schnabel.

Ja, ſein Enkel, und dieß als Dank für Ihr noch ſo wenig gewürdigtes Verdienſt

Wir laſſen den Vorhang fallen und blicken in die nächſte Nummer derPoſaune.

I Wie wir aus glaubwürdiger Quelle ver

Illuſtrirte B ätter für Ernſt und Humor.

nehmen, ſollen ſich geſtern im Kaffeeſalon des Herrn Maiſele zwei Herren auf Degen gefordert haben. Ueber den Grund hievon kurſiren verſchiedene Hy⸗ potheſen, die wir als ſolche unerwähnt laſſen. Wie ein Gerücht aber wiſſen will, ſoll das Duell wirk⸗ lich ſtattgefunden und einer der heißblütigen Lions eine ziemlich ſtarke Kopfwunde davon getragen ha⸗ ben. Doch wird eine Amputation des verletzten Gliedes hoffentlich nicht nöthig ſein.

II.

Herr Euſtachius Schnabel ſtreicht mit geſenktem Haupte durch die Gaſſen der Stadt, lang⸗ ſam, ohne alles Feuer, wie lebensüberdrüſſig; er, der ſonſt ſo hurtig durch das Gewühl ſich hindurch⸗ arbeitete, deſſen helle Aeuglein überall hinblinzelten, er, der bei dem leiſeſten Geräuſche aufmerkſam auf⸗ horchte, aus jedem nur flüchtig hingeworfenen Worte, aus jedem nur etwas abſonderlich ausſehenden Men⸗ ſchenantlitz eine merkwürdige Begebenheit ſchöpfte, die ſeine Phantaſie ausſchmückte und im Sonnen⸗ lichte derPoſaune ſtrahlen ließ ach, eine ſeltſame Mißſtimmung bemeiſtert ſein Herz, denn Spott lohnt den ſchönſten Eifer! Doch er ſchüttelt ſeine Locken und der böſe Traum iſt vorüber. Was ſchadet auch ein kleiner Regenſchauer? Alles blüht nur friſcher dann! Drum Roſen auf den Weg ge⸗ ſtreut und des Harm's vergeſſen!

Mit ſeinem Freunde Rapp verläßt unſer Euſtachius die dumpfe Stadt und treibt ſich in den Felſenpartien um, die ſich am Fluſſe hinziehen. In der freien Natur wird er wieder zum heiteren Kinde. Dieſes helle Auflachen, dieſes Herunagen, wie bezeugt es ſeine harmloſe Freude! Er klatſcht in die Hände und wälzt ſich auf dem Raſen, ſpringt dann auf, faßt Rapp am Arme und veranſtaltet ein luſtiges Wettrennen, um dann ſeinem keuchen⸗ den Freunde ein artiges Pröbchen ſeiner Lieblings⸗ kunſt abzulegen nämlich wie ein Schweinchen zu grunzen. Jetzt ſtehen ſie oben auf dem Berge und locken aus der gegenüber ſtarrenden Felswand die liebliche Echo. Wie herrlich hallt ſie die ausgerufe⸗ nen Schimypf⸗ und Spottnamen zurück und gar das Grunzen, welches Schnabel zur höchſten Freude Rapp's wieder anſtimmt!

Den Tag nach heſen Ausfluge des Herrn Eu⸗ ſtachius Schnabel leſen wir in derPoſaune:

* Der ähre Eifer für Wiſſenſchaft mißachtet jegliche prunkvolle Oſtentation, nur in der Stille entfaltet ſich ſeine Blüthe, dem Veilchen gleich, das jetzt im Frühling im verborgnen Buſche ſeine ſüßen

Düfte aushauchet worauf wir zugleich unſere blumenliebenden ſchönen Leſerinen aufmerkſam ge⸗ macht haben wollen. Auf dieſe unſere Gedan⸗

ken brachte uns die Thatſache, daß geſtern mehrere hieſige Gelehrte ganz im Stillen ſich verſammelten, um in den nahen, wahrhaft romantiſchen Felſen⸗ partien akuſtiſche Verſuche anzuſtellen, die glänzend