Heft 
(1859) 8 08
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Erinnerungen. Trägheit, die Mutter der Unreinlichkeit, in wel⸗ cher die Neapolitaner wahrlich unübertrefflich ſind. Schmutziges Geſchirr und beſchmutzte Hände bei der Zubereitung der Speiſen erfüllen uns mit Ekel, Zimmer, in denen keine Gäſte empfangen werden, wäſcht man mehrere Jahre hindurch gar nicht. Be⸗ fleckte und zerriſſene Kleider trifft man ſelbſt bei Vermöglichen, und manche varnehute Dame beſitzt vielleicht mehr ſtrahlende Brillanten als reine Wäſche. Viele Weiber der niederen Klaſſe kämmen ihre Haare an Wochentagen nicht.

Um wenigſtens die Kinder vor Ungeziefer zu ſchützen, wird denſelben das dichte Haar ganz ab⸗ geſchnitten und der Kopf in ein turbanartig zuſam mengerolltes Tuch gewickelt.

Ueberall liegen Haufen von Miſt namentlich in den Seitengaſſen.

Wo keine Scham zu finden, da iſt auch Man gel an Ehrgefühl. Ein neapolitaniſcher Marcheſe

und Koth,

warnte mich einyr als er hütt⸗ daß ich bei einem Handwerker Arbeit beſtellt habe:Signore, ſeien Sie auf Ihrer Hut, alle Neapol itaner ſind Schur

ken!Ha, dann werden Sie am Ende auch einer ſein! rief ich halb im Scherz, l halb ergrimmt aus.Ja, ja, aber nur ein hal lber Schuft, erwiederte er, helllaut auflachend. Vergaß ſein Diener etwas zu kaufen, verfiel der Marcheſe in furchtbaren Zorn, nannte ihn einen Eſel, einen Schelm und drohte ihm mit Abzug ſeines Monats⸗ lohnes. Dieſe Drohung wirkte mehr deun alle S himpfnamen.Eecellenza! leh ihn der Diener ,prügeln Sie mich, nur Geldſtrafen legen Sie mir nicht auf, denn das Geld thut mehr wehe! Züngſt gab ich einem zur Erde gebeugten Knaben ſcherzweiſe Anen Klaps. Dieſer erhob ſich und ſprach:Signore, bezahlen Sie mich dafür. Das Geld iſt der Hebel, der die Bewohner Neapels in Bewegumg ſetzt. Gelv wird für die ge ringfügigſte Dienſtleiſtung, ja für einen Scherz ge fordert. Sie lachen fürs Geld, ſie ſpringen für's Geld, ſie tanzen fürs Geld, ſie ſingen fürs Geld. Einſt ging ich längs dem Meerbuſen an einer Gruppe Matroſen vorüber. Sie ſaßen im Kreiſe um einen Greis, der ihnen einige Geſchichten zum Beſten gab. Von Neugierde getrieben blieb ich ſte hen, der Greis hielt jedoch in ſeiner Erzählung inne.Ich will Euch nicht ſtören, ſagte ich. Meine Erzählung iſt zu Ende, erwiederte er, falls der Signore nicht zahlen will. 7Wohlan denn! rief ich aus,ich will Euch bezahlen, ver haltet Euch nur hübſch artig. Bei den Wor tenich will Euch bezahlen fing der Alte wie begeiſtert ſeine Erzählung von vorn an. In dieſer wurden mir Helden des Meeres und des Feſtlan des, Helden des Himmels und der Hölle vorgeführt.

Die Neapolitaner legen ihre Worte durchaus

nicht in die Wagſchale. Sie ſchwören bei allen Heiligen, kreuzen die Finger und ſprechen feierlich: Ich ſchwöre beim heiligen Kreuze Gottes den⸗

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

noch aber haben ſie gelogen. Die Kaufleute kennen keine feſtgeſettte Preiſe und laſſen dem, der mit ihnen zu handeln ve rſieht zwei Drittel, ja ſogar drei Viertel der verlangten Summe nach. Hier wird um Alles gehandelt; man handelt nicht allein um die Speiſen und Getränke in der Kneipe, ſon⸗ dern auch ſogar um Einlaßkarten in's Bad, ja um die Poſtgebühr.

Der Neapolitaner verſpricht Alles, ſelbſt wenn er ſein Verſprechen zu halten nicht im Stande iſt. Man muß daher im Ungange mit ihnen vor unbe⸗ dingtem Vertrauen ſich hüten. Der Neapolitaner hält vas Vertrauen für Dummheit und will aus demſelben eben ſolchen Nutzen ziehen, wie vom ſchmutzigen Geizhals, den er verachtet.

Betrügereien gibt es hier eben ſo gut wie in anderen Städten. Man erzählte mir von einem Herrn, welcher beim Fabrikanten Wachs kaufte und um 2000 ducali Wachskerzen und dieß ſogleich auf Maulthieren heimtransportiren ließ. Vor den Kaufmann ſtellte er zwei ſchwere mit Gold und Silber vollgeſtopfte Säcke auf den Tiſch. Dieſer Herr hatte bereits 20 ducali herausgenommen, als zwei Bettler mit der Bitte um ein Almoſen in den Laden traten.Packt euch zum Teufel! ſchrie der Fremde ergrimmt ob der Störung beim Geldzäh⸗ len. Die Bettler gehen nicht von der Stelle; er wird leidenſchaftlich, ergreift den Stock, drängt ſie zur Thüre hinaus und zeigt ſich nicht mehr. Un⸗ heil ahnend leert der Kaufmann die Säcke und findet noch gegen vierzig Stück echten Goldes, das übrige war alles falſch.

Von Diebſtählen hört man übrigens ſelten, wiewohl der pfiffige und gewandte Neapolitaner ſehr große Fähigkeiten hiezu beſitzt. Er hat zu kleine Bedürfniſſe und verſteht es, die paar Gran, die er zum Lebensunterhalte bedarf, auf leichte Art zu verdienen. Unredlicher Erwerb wird buscare genannt, und wer den Diebſtahl verdammt, ſieht nichts Böſes darin, wenn ein armer Teufel buscirt. Der Koch, welcher ſeiner Herrin Gemüſe am Markte einkauft, zahlt für eine Schüſſel mit Gemüſe um vier Gran weniger als zu Hauſe; er buscirt daher zwei Gran für ſich und zwei erſpart er noch ſeiner padrona. Der Diener, der für ſeinen Herrn einen Wagen miethet, erhandelt zwei Carolini und buscirt einen für ſich. Sein Herr weiß es und zahlt ihn dafür erbärmlich.

Will man Jemand eines augenſcheinlichen Diebſtahls zeihen, ſo muß man hiebei ſehr vorſich⸗ tig zu Werke gehen. Gegen Seidentücher ziehen ge⸗ wöhnlich zwei Gauner zu Felde, von denen einer geſchickt und leiſe das Tuch aus der Taſche zieht. Bemerkt man dieß und fpackt Auan ihn bei der Hand mit dem Zuruf:Halt, Du Dieb! ſo wird er mit der unſchuldigſten Miene antworten:Che volete?(Was wollen Sie?) und zeigt die leeren Hände, denn das Tuch nahm ſein im Menſchen⸗ gedränge verſchwundener Spießgeſelle mit.Che