Heft 
(1859) 8 08
Seite
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240 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Lebendigkeit ſind ja, wie die natürlichſten Folgen jener Eigenſchaften, ſo auch gerade die nothwen⸗ digſten Erforderniſſe des echten lyriſchen Gedichtes. Nicht ſtellt uns ein ruhiger Dichter, der künſtleriſch mit ſeiner Empfindung zu gebahren weiß, das zarte Spiel derſelben in der glatteſten Form dar: die Empfindung ſelbſt ſpricht unmittelbar aus dem Sänger. Heftig und tief von derſelben bewegt, ſpringt er von Extrem zu Extrem, erregt mit Einer Wendung, Einem leiſen Anſtoß Rührung oder Erſchütterung, lächelt unter Thränen und weint unter Lachen.

Wir ſind mit dieſer allgemeinen Charakteriſtik ſchon ziemlich ſtark in's Liebeslied gerathen, das ja der eigentliche Hoch⸗ und Kernpunkt des deut⸗ ſchen Volksgeſanges iſt. Ehe wir dieſes aber näher betrachten, nur noch ſchnell etwas Hiſtoriſches.

Aus derſelben Zeit, wo neben der verfallenden höfiſchen Poeſie der Meiſtergeſang auf⸗ blühte kann man eigentlich nicht ſagen erfahren wir zuerſt wieder etwas Näheres über das lyriſche Volkslied. Neben der Bemerkung nämlich, daß die volksmä⸗ ßige Muſik nach der Mitte des 14. Jahrhundertes vervollkommnet worden ſei, was wir ſchon wiſſen, ſind uns auch einzelne Strofen und die Anfänge mehrerer damals gangbaren Volkslieder mit Er⸗ wähnung der Heimat und Verbreitung derſelben überliefert. Wir können auch vermuthen, daß viele von denen, die uns erſt das 16. Jahrhundert über⸗ mittelt hat, aus dieſen älteren Zeiten ſtammen.

Wie ſehr aber dieſe volksmäßige Lyrik mit der älteren höfiſchen zuſammenhing, zeigen uns ganz beſtimmt die Poeſien einiger namhafter Dich⸗ ter aus dem Ende des 14. und dem Anfange des 15. Jahrhundertes, in denen, bei großer Volksmä⸗ ßigkeit, doch noch ſowohl die allgemeinen Züge der früheren Kunſt, als auch deren ganz beſondere Formen(Wächter⸗ und Tagelieder ꝛc.) und Be⸗ handlungsarten wiederkehren, die ſich, wie ſchon oben bemerkt, zum größten Theile auch in's 16. Jahrhundert hineinziehen. Auch entſtrömte noch nicht Text und Melodie Einem Munde. Der Herr machte das Lied, die Weiſe der Diener. Und nun können wir uns endlich zum Liebesliede wenden.

Die äußere Form theilt es mit allen andern. Was aber ſchon bei manchen Liebesromanzen der Fall iſt, daß wir nämlich bei denſelben eigenthüm⸗ liche Einleitungsverſe finden, die uns ein Natur⸗ gemälde, irgend ein kleines Geſchehniß in derſelben, kurz etwas mittheilte, das meiſt nicht in äußerem Zuſammenhange mit dem folgenden ſteht, aber in deſto überraſchenderem inneren; wie z. B. in:

Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht

Wohl über die ſchönen Blaublümlein,

Sie ſind verwelket, verdörret wodurch die ganze folgende Geſchichte ſymboliſch dargeſtellt iſt: das finden wir viel häufiger bei den lyriſchen Gedichten, die uns dadurch oft in zarte⸗

ſter Weiſe ſchon bei der erſten Strofe in die Stim⸗ mung des Gedichtes verſetzen:

Wie ſchön blüht uns der Maien,

Der Sommer fährt dahin,

Mir iſt ein fein's Jungfräulein

Gefahren in den Sinn. Oder die welken Blätter rieſeln von den Bäumen aus iſt's mit der Liebe und mit der Freude:

Entlaubet iſt der Walde

Gen dieſem Winter kalt,

Beraubet werd ich balde

Meines Liebs, das macht mich alt.

Sollte aber nicht auch trotz Sturm und Eis das Herz glühen dürfen? Außen Froſt und Tod, innen Gluth und Leben auch das iſt möglich. Dage gen aber ſingt wieder Einer:

Ach, Bäumchen, du ſtehſt grüne,

Gott gab dir lang zu ſteh'n.

Ich hab' mein Lieb verloren,

D'rum muß ich trauern geh'n. . Dieß findet man nun in jeder Weiſe; das Korn iſt ſchon reif, der Herbſt naht:

Ich hör' ein Sichlein rauſchen,

Wohl rauſchen durch das Korn,

Ich hör' ein Mädchen klagen,

Sie hätt' ihr Lieb verlor'n.

Oder, wer zweifelt an der Roſe? Iſt ſie nicht ſchön und herrlich?

Wer will mit in den Roſenthal geh'n,

Allwo die Roſen am ſchönſten ſteh'n?

Steh'n der Roſen im Garten ſo viel,

Kann man brechen wo man will.

Haben wie Roſen beiſammen geſeſſen,

Du biſt mein Schatz, mein Engel geweſen;

Hätt' mir nicht gebildet ein,

Daß mein Schatz ſo falſch könnt ſein.

Das wußte alſo jener allerdings beſſer, der behauptete:

Es iſt kein Röslein ſo roſenroth,

Es ſitzt ein Würmchen darin;

Kein Mädchen von achtzehn Jahren,

Es hat einen falſchen Sinn.

Bisweilen iſt indeß der Zuſammenhang ziem⸗ lich loſe; ſo z. B. iſt beides gleich natürlich:

Wenn alle Brünnlein fließen,

So ſoll man trinken.

Wenn ich mein'n Schatz nicht rufen darf,

Thu ich ihm winken..

Doch auch am Ende des Gedichtes findet man dergleichen; ſo z. B. in einem Abſchiedsliede:

Saßen einſt zwei Turteltäubchen

Dort auf einem dürren Aſt;

Wo ſich zwei Verliebte ſcheiden,

Da verwelket Laub und Gras.

Mit ſcharfen Sinnen beobachten die Dichter dieſer Lieder die Natur; uralte Volksſagen, uralter Volksglaube findet bei ihnen Bedeutung und An⸗

wendung, alles lebt und bewegt ſich wie ſie. Die