Heft 
(1859) 8 08
Seite
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Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

ſen alten Sagen oder auch auf Zeitbegebenheiten, die aber ganz in ähnlicher Weiſe behandelt wur⸗ den. Glückliche oder unglückliche Begebenheiten Lie⸗ bender, merkwürdige Vorfälle, komiſche Auftritte und Schwänke, bei denen meiſt auch die Liebe etwas zu thun hat, dieſes und ähnliches iſt der Inhalt der meiſt romanzenartigen Lieder, bei denen man zuweilen, wo ſie handſchriftlich überliefert ſind, die Namen der Perſonen am Rand angemeerft ün⸗ det, zum Beweis, daß eine wirkliche Begebenheit zu Grunde liegt. Bald finden die alten Eltern ihre verlorene, todt geglaubte Tochter:

Es hatt' ein König ein Töchterlein,

Mit Namen hieß es Annelein.

Es ſaß an einem Rainelein,

Las auf die kleinen Steinelein.

Es kam ein fremder Krämer in's Land,

Er warf ihr dar ein ſeiden Band.

Jetzt mußt Du mit mir in's fremde Land.

Er trug's vor einer Frau Wirthin Haus,

Er gab's für einen Bankert aus.

Hier muß ſſie nun nach Kräften dienen. Da kommt ihr Bruder, iſt entzückt über das wunder⸗ ſchöne Mädchen und erkennt in ihr endlich die Schweſter. Er eilt mit ihr heimwärts.

Und wie er durch den Hof einritt,

Seine Mutter ihm entgegen ſchritt:

Biſt mir willkommen, Du Sohne mein,

Und auch dieß zarte Fräuelein.

Es iſt doch nicht mein Fräuelein,

Es iſt doch nur Euer liebſtes Kind,

Das uns ſo lang verloren ging.

Und nun iſt ſie wieder das Königskind.

Bald werden in irgend einer Weiſe Gefährdete gerettet, bald wieder Unglücksgeſchichten zum Beſten gegeben, bei denen die Sänger nicht ahnten, daß ſie eigentlich an uralte Dinge, an Hero und Lean⸗ der(es waren zwei Edelkönigskinder) u. ſ. w. ihre

Theilnahme verſchwendeten.

Das Erſchütternde, Schroffe, Tragiſche mil⸗ dert ſich zwar eine Zeit lang hie und da und be⸗ ſonders in der Muſik in's Weichere und Rührende; aber in den wilderen Zeiten zu Ende des 16. und noch im 17. Jahrhunderte kehren jene blutigen und ſchauerlichen Geſchichten wieder, und das Ge heimnißvolle und Myſteriöſe in der Behandlung, die draſtiſche Kürze gerade bei den bedeutendſten Punkten der Erzählung und der durch den gleichen Refrain und die gleiche Melodie herbeigeführte Anſchein dertgrößten Ruhe verleihen dieſen Ge⸗ dichten einen ungemeinen Reiz, ſehr oft auch wirk⸗ lich bedeutenden, ungemeinen Werth.

Wie herrlich iſt z. B. das Gedicht:Die Mordeltern(Es waren einmal zwei Bauernſöhne), wo der Sohn mit Silber, rothem Gold und unga⸗

riſchen Dukaten aus dem Kriege heimkehrt und, ohne erkannt zu ſein, unvorſichtiger Weiſe ſeine

Nichts läßt uns die Gedanken der Da heißt es plötzlich:

Schätze verräth. Mutter ahnen.

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Und als die Mitternacht aubrach, Die Frau zu ihrem Manne ſprach: Wir wollen den Reiter erwürgen.

Zwar warnt der Gatte, aber:

Die Frau ſtund. auf, mit vielem Fleiß Macht ſie das Fett im Pfännchen heiß, In'n Hals thut ſie's ihm gießen.

S nahm ihn bei der ſchneeweißen Hand, chleift ihn in Keller in kühlen Sand: Da lieg' und bleib' verſchwiegen. So weit und auch noch weiter, bis die ruch⸗ loſe That entdeckt iſt, bleibt der Dichter ruhig. D

dann aber ruft er aus:

Ei, du verfluchtes Geld und Gut,

Bringſt Manchen um ſein junges Blut

Und um ſein jung friſch Leben. um aber gleich wieder zur Erzählung zurückzukehren:

Die Frau wohl in den Brunnen ſprang,

Der Mann ſich in der Scheuer erhang:

Drei Mord an einem Tage.

Oder wie ergreifend wirkt in dem Liede:Es ſollt' ein Mädchen die Lämmlein ꝛc. das plötzliche Umſchlagen des Refrains: lachte das Mäd⸗ chen ſo ſehr in das Traurige:Da weinte das Mädchen ſo ſehr, was ſich noch bis zur Wieder⸗ holungſo ſehr, ſo ſehr ſteigert.

Was aber die Liebesromanzen betrifft, ſo ſind dieſelben ſchon um ihres Inhaltes willen die an⸗ ziehendſte Gruppe unter dieſen Liedern.

Sehr oft iſt der Konflikt Folge der Vermi⸗ ſchung ungleicher Stände.

Es ſpielt ein Graf mit einer Magd, Sie ſpielten mit einander.

Da

Er überläßt ſie dann ihrem Schickſale und die

Arme ſtirbt. Doch nun:

Des Nachts wohl um die halbe Nacht Dem Grafen träumt es ſchwere, Ihm träumt von ſeiner herzlieben Magd, Daß ſie geſtorben wäre. Der Graf zu ſeinem Reitknecht ſprach:

Sattel mir und Dir zwei Pierde, Wir wollen weiter Tag und Nacht, Bis wir den Traum erfahren. Bald hören ſin die Glocken läuten und:

Als ſie woh l auf d den Kirchhof kamen,

Wohl unter die hohen Thöre,

Da trugen ſie ſein Feinsliebchen daher

Auf einer Todtenbahre.

Noch einmal muß er ſie ſehen ſie iſtuts wirklich:

Du biſt fürwahr mein Schatz gewef

Und haſt's nicht wollen glauben.

Und hätt' ich keinen Freund gehabt,

Du wärſt mein ehliche Fraue.

Er zog ſein Schwert von rothem Gold

Und ſtach es ſich in's Herze.

Doch auch umgekehrt ereignet es ſich wohl, meiſt aber mit minder traurigem Verlaufe.