Heft 
(1859) 8 08
Seite
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236 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Otto antwortete nicht, ſondern ging ſchweigend neben Emma und blickte gedankenvoll vor ſich.

Sind Sie ſchon lange bei der Bühne? fragte er nach einer großen Pauſe, während welcher Emma ihn unabläſſig betrachtete.

Ein Jahr, antwortete Emma.

Und haben Sie dieſen Beruf aus Liebe zur Kunſt gewählt?

Ich liebe die Kunſt, ich liebe ſie vom Herzen, verſicherte Emma,ich liebe ſie jetzt erſt neu, da ich durch Sie erkannt habe, daß es etwas Erha⸗ benes iſt um die Kunſt. Aber um aufrichtig zu ſein, wählte ich meinen Stand um mir Unabhän⸗ gigkeit zu ſchaffen. Mein Vater war Stadtſchrei⸗ ber in einer Landſtadt und ſtarb früh, meine Mut⸗ ter ließ mir einigen Unterricht ertheilen, ſie wollte mich zur Gouvernante ausbilden. Ich wurde auch Erzieherin. Doch viele Umſtände trugen dazu bei mir dieſe Stellung auf immer zu verleiden. Ich ſehnte mich nach Unabhängigkeit, nach Freiheit, und wurde Schauſpielerin.

Und haben Sie in dieſem Stande die ge⸗ wünſchte Unabhängigkeit gefunden? fragte Otto.

Leider nicht, antwortete Emma;ich habe erkannt, daß man ſich auf Erden nirgends ohne Feſſeln bewegen kann; ich bin auch hier eine Skla⸗ vin, aber es iſt dieß wenigſtens eine leichtere Skla⸗ verei, als die frühere, und dazu gewährt mir meine Beſchäſtigung manche Freude, wenn ich mir hie und da etwas recht mache. Leider werden aber dieſe Momente der Selbſtzufriedenheit je weiter, immer ſeltener. Ach es fehlt mir noch viel, ſehr viel, bis ich es dahin bringe, wohin ich gelangen möchte, und Sie haben nun den Abgrund, der mich von meinem Ziele trennt, wohl um ein Großes erweitert.

Sie ſprachen weiter über die Verhältniſſe, welche bei dieſer Theatergeſellſchaft herrſchten, und Otto entſetzte ſich faſt vor dieſem troſtloſen Bilde einer Kunſtgenoſſenſchaft, welche kein höheres Ziel hatte als ein dürftig Brod, das ihnen mehr durch das Mitleid des Publikums als durch ihr eigenes Ver⸗ dienſt gereicht wurde.

Emma, das hatte Otto ſchon früher erkannt, war die Seele, der eigentliche Lebensnerv der ganzen Truppe. Ihr zuliebe verfammelte ſich allabendlich das Publikum, wenn ſie nicht ſpielte war das Haus leer, und da der Direktor keine feſten Gagen zahlte, ſondern die Schauſpieler ſich nach jeder Vor⸗ ſtellung umg die Einnahme nach beſtimmten Ver⸗ hältniſſen eilten, ſo war Emma mehr als gebühr⸗ lich, faſt über ihre phyſiſchen Kräfte beſchäftigt, denn ſie mußte überall ſpielen, mochte es Poſſe, Luſtſpiel oder was immer ſein, das da aufgeführt wurde.

Otto hatte, nachdem er Emma verlaſſen, ſo viel zu denken, daß er für einige Stunden an ſeine beabſichtigte Abreiſe vergaß. Als er am Nach⸗ mittage jedoch ſich dazu anſchickte, pochte es an ſeine Thür und Emma mit dem Langen traten

ein. Emma erröthete und Herr Bianchi überreichte Otto einen von ſeiner Hand geſchriebenen Theater⸗ zettel, der zur heutigen Vorſtellung, welche dem Vortheile von Fräulein Emma Reich gewidmet war, einlud. Otto nahm einen Sitz und drückte dem Schauſpieler eine Note in die Hand.

Als ſie das Zimmer verlaſſen hatten, warf Otto den Stock in eine Ecke. Seine Gedanken von Vormittag kehrten wieder.

Wenn ich da helfen könnte, ſprach er zu ſich;aber was vermag ich? Sie iſt dem Elend verfallen, wie manches Talent vor ihr und neben ihr. Es gäbe mehr Großes in der Welt in Kunſt und Wiſſenſchaft, wenn jeder Gottesfunke, der in mancher Menſchenſeele verborgen glimmt, zur wah⸗ ren Flamme angefacht werden könnte. Oefter bleibt er jedoch unentdeckt, öfter iſt es ſchon zu ſpät, denn die Kohle iſt langſam verzehrt worden, nichts blieb zurück als die todte Aſche.

Er erhob ſich und griff nach ſeinem Felleiſen, um es auf den Rücken zu ſchnallen und den Stab weiter zu ſetzen, da fiel ſein Blick auf den Theater⸗ zettel und auf den Namen Emma Reich.

Er warf das Felleiſen ab und blieb. Er wußte nicht, warum er ſeinem Vorſatz untreu wurde, aber es ließ ihn nicht fort. Es gibt ſchon ſolche Augenblicke im Menſchenleben, wo man frei han⸗ deln könnte, und dennoch nicht Herr ſeines Wil⸗ lens iſt.

Der Abend brachte der Benefiziantin ein vol⸗ les Haus, viel Applaus und Kränze. Ein für die Kunſt oder vielleicht für die ſchöne Künſtlerin begeiſterter junger Patrizier hatte ſogar von dem Hauptſchullehrer ein Gedicht ſchreiben und auf ei⸗ gene Koſten drucken laſſen, welches am Schluß des dritten Aktes im Parterre herumflatterte. Otto kam mit der erneuerten Ueberzeugung auf ſein Zimmer, daß aus Emma etwas werden könnte, wenn nun wenn die Verhältniſſe nicht eben die Verhältniſſe wären.

Sie iſt verloren, murmelte er und ſchlief ein und träumte von ihr.

Die Sonne ſchien bereits in ſein Zimmer, als er erwachte. Er trat an's Fenſter. Im Garten war Emma. Raſch war er angekleidet und faſt inſtinkt⸗ mäßig zog es ihn zu ihr.

Ich erwartete Sie, mein Herr, ſprach Emma, ihm die Hand bietend.

Sie erwarteten mich? fragte Otto überrojhi

Ja, was ſoll ich läugnen? antwortete Ema. Mir ſagte etwas, daß ich Sie hier wiederſehen werde. Ich will Ihnen nur mittheilen, daß ich geſtern zum letzten Male geſpielt habe.

Otto ſah ſie mit großen Augen an. Ueber⸗ raſchung verſagte ihm die Worte.

Sie wundern ſich über den raſchen Ent⸗ ſchluß? fuhr Emma fort;aber er iſt nichts deſto weniger feſt. Ich bin zur Ueberzeugung gekommen, daß ich wohl den beſten Willen habe eine Künſtle⸗