234 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
„Nein,“ entgegnete der Gefragte.
„So bitte ich den gnädigen Herrn tauſend⸗ mal um Entſchuldigung, daß ich—“
„Schon gut, wird angenommen,“ unterbrach ihn Otto lachend und blickte aus dem geöffneten Fenſter auf den großen Platz, den er ſo ziemlich leer fand.
Am folgenden Tage machte er einen Ausflug in die Gegend, welche ihm Bianchi geprieſen hatte. Er fand wirklich einige Partien, die ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit feſſelten.
Wir wollen uns nicht in einer detailirten Schilderung der Einzelnheiten ergehen, die unſern unſteten Doktor anzuziehen vermochten.
Wir finden ihn am Abende desſelben Tages unter den Zuſchauern in Parterre, welche dem ſel⸗ tenen Vergnügen einer theatraliſchen Vorſtellung in ihren Mauern wie einer Offenbarung lauſchten.
Otto fand gerade ſo viel, wie er ſich verſpro⸗ chen, nämlich— nichts.
Es war da, wie bei den meiſten wandern⸗ den Bühnen, ein zuſammengelaufenes Volk von den verſchiedenſten Qualitäten, nur nicht von der rechten. Jeder hielt ſich für einen vollendeten Künſtler, den nur die Ungerechtigkeit des Schickſals zu einem ru⸗ heloſen Wanderleben verdaumte, der aber unfehl⸗ bar auch an jeder Hofbühne ſein Glück machen müßte, wenn er eben noch aweniger Talent, aber etwas mehr Protektion haben würde. Unter Anderen gelang auch wohl hie und da mancher Ton, aber es war nicht das Verdienſt des Schauſpielers, was er recht machte, er kam dazu mehr aus Inſtinkt als durch klares Bewußtſein.
Unter den männlichen Mitgliedern war es vor⸗ züglich Herr Tankred, unſer dürre Bekannter im blauen Frack, der auf der Bühne wirklich ein Ta⸗ lent zur Komik entwickelte, welches aber in ſeiner Entwickelung ungedämmt ſich öfter in's Fratzenhafte überſchwang, was wohl dem Pöbel reichlichen Ap⸗ plaus entlockte, dem Kunſtſinnigen jedoch wenigſtens einen Zug des Mißmuths in's Antlitz rief.
Otto war auf die Erſcheinung der Dame begierig, welche dem männlichen Theil der Bühnen⸗ geſellſchaft ſo gefährlich geworden. Sie kam im letzten Akt. Otto hatte, ohne daß er ſich es zu⸗ geſtand, nach den Leiſtungen ihrer Kollegen ein Vorurtheil gegen Fräulein Emma Reich, deren Aeußeres jedoch, wie er gleich bei ihrem erſten An⸗ blick erkannte, vollkommen geeignet war, das Auge der Männer für ſich zu gewinnen; aber auch ihr Spiel unterſchied ſich, wenn nicht auffallend, doch für den aufmerkſamen Beobachter deutlich genug von dem der Uebrigen. Man merkte es ihr an, daß ſie mit Liebe zu ihrem Berufe erfüllt ſei, daß ſie das Geſprochene empfinde. Eine glückliche Naturgabe kam ihr nach außen zu Hilfe und ſie fand in vielen Fällen, ohne daß ſie es ſuchte, Ton und Miene. Doch ließ ſie im Ganzen noch alles zu wünſchen übrig, denn nirgends zeigte ſich Klar⸗
heit und Kunſt, es war alles blos ein Spielen mit dem Ungefähr, eine merkliche Unſicherheit, ein Tappen und Haſchen ohne Halt.
Otto fühlte ſich unangenehm berührt durch dieſe Wahrnehmung. Er hatte von jeher eine große Liebe für die Kunſt, und ſeine Erziehung geſtattete es ihm auch ſeiner Neigung in dieſer Beziehung zu folgen. Das Theater ſeiner Vaterſtadt, wo ausgezeichnete Kräfte zuſammenwirkten, kannte ihn als einen ſelten fehlenden Gaſt. Er war mit den beſten Schauſpielern perſönlich bekannt, und dieſe, welche ihn bei verſchiedenen Veranlaſſungen in Privatzirkeln und auf Liebhabertheatern zu ſehen Gelegenheit bekamen, waren voll verdienten Lobes für ſein ausgezeichnetes Talent; und wären ihm nicht die ariſtokratiſchen Geſinnungen ſeiner Mut⸗ ter, die ſoliden Grundſätze ſeines Vaters hinder⸗ lich geweſen, er würde ſeiner Neigung gehorcht und ſich der Bühne gewidmet haben.
Er erkannte in Emma ein Mädchen mit den beſten Gaben für's Theater, aber ohne jede Bil⸗ dung, welche allein den Schauſpieler zum Künſt⸗ ler macht, indem ſie ihn das Maß ſeiner Kräfte erkennen und praktiſch würdigen lehrt. In dieſer Geſellſchaft, davon war Otto überzeugt, mußte das beſte Talent in verhältnißmäßig kurzer Zeit ſich verflachen und zu Grunde gehen.
Mißgeſtimmt verließ Otto nach der Vor⸗ ſtellung den Saal und zog ſich auf ſein Zimmer zurück.
„Schade, daß ich nichts für ſie thun kann,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Aus dieſer Emma könnte wirklich eine Schauſpielerin werden, und deren gibt es noch immer nicht viele.“
Am folgenden Morgen ging er wieder hinaus. Die Eindrücke vom verfloſſenen Abend hatte ein geſunder Schlaf verſcheucht und er überließ ſich unbefangen, wie gewöhnlich, dem Einfluß der Na⸗ tur. Er zeichnete, er ruderte im See, er erkletterte Felſen, erſtieg Berge und träumte vor ſich hin, oder ſang ein Lied, das ihm eben die Stimmung brachte. Erſt als er in die Stadt zurück kehrte, erinnerte er ſich an die Schauſpieler und an Emma. Er war ſchon entſchloſſen dieſen Abend in einem Kaffeehaufe, dem einzigen in der Stadt, zuzubringen, um ſich der Wiederholung des unangenehmen Ein⸗ druckes zu entziehen, welchen er am verfloſſenen Abende aus dem Theater mitgebracht hatte. Aber da kamen eben der lange Herr Bianchi und Wun⸗ der, der zerriſſene Charakterſpieler auf ihn(zu. Bianchi ſprach ihn in Verſen an, Wunder, der ſeinem zerriſſenen Rock einige Flecke aufgeſetzt hatte, in Proſa. Sie waren beide heute beſchäftigt und Otto wurde demnach moraliſch, gezwungen ſeine Reiſegefährten debutiren zu hören. Auch Emma ſpielte wieder und Otto kehrte mit denſelben Ge⸗ danken und Empfindungen heim, wie am verfloſſe⸗ nen Abende.
Nahe eine Woche war Otto bereits in der
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