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Walter Lindau: Der Verlorene.
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„Wie mir ſcheint, ſind Sie alle drei kranken Herzens?“ bemerkte Otto.
Sie ſahen einander an.
„Ja, das ſind wir,“ beſtätigte der Zerriſſene. „Was ſollen wir es Ihnen verbergen, der Sie mit Ihrem Scharfblicke alles erſpähen? Wir tra⸗ gen ſämmtlich eine unglückliche Liebe im Herzen⸗“
„Sie laufen nur ſo nebenher,“ ſagte der Lange zu dem Zerriſſenen.„Kann ſich Ihr Schmerz mit dem meinen meſſen? Erreicht er auch nur den zehnten Theil jener Höhe bei Ihnen, zu der er ſich bei mir erhebt?“
„Ihre Höhe freilich nicht,“ entgegnete der Charakterſpieler und blickte zu dem Langen empor, „aber dafür iſt er bei mir wieder tiefer.“
„Wer ſeine Liebe meſſen kann, der liebt nicht recht,“ ſagte das blaue Männchen.„Meine Liebe hat weder Höhe noch Tiefe— ſie iſt— ſie iſt— ich kann kein Maß, keinen Vergleich finden. Doch, wozu Worte? Laßt mich meinen Schmerz einſam tragen, nur die Einſamkeit kann ihn erleichtern und erträglich machen.“
Nach dieſen Worten machte er einige raſche Schritte, welche ihn ſchnell der Geſellſchaft entführten.
„Dem ſitzt der Haken tief im Herzen,“ be⸗ merkte der Charakterſpieler,„er wird noch men⸗ ſchenſcheuer als ſonſt.“
„Und verſchmäht die beſte Geſellſchaft,“ er⸗ gänzte der Lange.
Niemand wird ſchneller bekannt und vertraut mit einem Fremden, als ein reiſender Schauſpieler, und ſo währte es auch nicht lange und Otto er⸗ fuhr, daß ſeine Geſellſchafter zu einer Truppe ge⸗ hörten, welche in der nächſten Stadt mit dem kom⸗ menden Tage ihre Vorſtellungen eröffnen wollte. Die Drei waren die letzten Nachzügler, welche dem Bagagewagen als Bedeckung beigegeben waren; der Direktor mit dem Kern der Truppe war bereits an Ort und Stelle und bemüht, alles für die erſte Vorſtellung ſo glänzend als möglich zu arrangiren. Auch über die Liebe ſeiner Reiſegefährten erfuhr Otto ſo viel, als den Liebenden ſelber bekannt war.
Es war nämlich ein junges Mädchen vor Kurzem in das Fach der Liebhaberinen und Hel⸗ dinen bei dieſer Truppe getreten und entflammte nicht nur die drei Schauſpieler, die wir bereits kennen, ſondern ſämmtliche männliche Mitglieder der Geſellſchaft zu einer unſinnigen Liebe. Emilie Reich, ſo hieß die verführeriſche Schauſpielerin, war aber gegen Alle eben ſo kalt wie liebenswür⸗ dig, und vergebens mühten und beſtrebten ſich Hel⸗ den, Liebhaber, Intriguanten, ja ſelbſt der Direktor um die Gunſt der Spröden.
Der Weg bis zur nächſten Stadt nahm noch etwa drei Stunden in Anſpruch und Otto kam während dieſer Zeit in ein recht vertrautes Ver⸗ hältniß zu dem Langen und dem Zerriſſenen. Der
„Kleine marſchirte unabläſſig voraus und wandte
ſich nur zuweilen um, wenn das Geſpräch hinter
Erinnerungen. 1859,
ihm gar zu laut wurde, oder wenn ſein Name ge⸗ nannt wurde, was nicht ſelten geſchah, denn der Charakterſpieler ſchien es darauf anzulegen, ſeinen Kollegen Tankred zu ärgern, wo ſich nur eine Gelegenheit bot.
Endlich erreichten ſie die Stadt, als ſchon der Abend hereindämmerte. Es war dieß einer jener vielen Orte, welche zu groß für ein Dorf, zu klein für eine anſtändige Stadt, ſo eine Art Zwitter⸗ charakter haben, wo der eigentliche Bürgerſtand nicht recht hervortreten kann. Solche Orte werden gewöhnlich von den wenigen Beamten, die daſelbſt die laufenden Geſchäfte leiten, und von den vier oder fünf Offizieren, welche da ſtationirt ſind, be⸗ herrſcht. Die Stadt an und für ſich hatte übrigens eine ſchöne Lage, und aus den Höhenzügen auf ihrer entgegengeſetzten Seite ſchloß Otto, daß einige hübſche Partien in ihrer Umgebung ſein mögen, welche einige Blätter in ſeiner Reiſemappe zu füllen Gelegenheit bieten dürften. Der Lange, beſtätigte ihm dieſe Vermuthung, indem er einige beſonders hervorragende Punkte beſchrieb, welche er ſelbſt vor zwei Jahren kennen lernte, wo er in derſelben Stadt einige Wochen mit einer andern Theatergeſellſchaft zugebracht hatte. Auch von einem Gemälde Dürer's erzählte er ihm, welches der Be⸗ ſitzer eines Nachbarſchloſſes nebſt noch anderen werthvollen Bildern in ſeiner Sammlung hatte.
„Was bleibt einem beſcheidenen Menſchenkinde dann noch zu wünſchen übrig?“ ſprach Otto, als er die Beſchreibung des Langen, der ſich übrigens Herr Bianchi nannte, vernommen.„Hier will ich Hütten bauen, denn es ſcheint, als gäbe es auf Gottes weiter Erde kein lieberes Plätzchen. Eine ſchöne Natur, darſtellende und bildende Kunſt, und, wie mir die Geſichter der Damen, die in ihrer Abendpromenade uns entgegenkommen, unwider⸗ ſprechlich ſagen, auch ſchöne Frauen. Mein Gott, was verlangt ein Mann mehr, um glücklich zu ſein d4
Sie hielten vor dem größten Wirthshauſe an. Da war bereits der Tanzſaal zum Theater herge⸗ richtet. Die beſcheidenen Hinterzimmer im erſten und zweiten Stock waren an Schauſpieler und Schauſpielerinen vergeben, nur der Direktor hatte ein Frontezimmer genommen, ſeiner hohen Würde gemäß. Otto nahm ſeine Wohnung ebenfalls in demſelben Gaſthofe. Der Wirth, der ihn anfangs ebenfalls für einen Schauſpieler hielt, zuckte die Achſeln und meinte, er hätte nunmehr alle ſeine Räumlichkeiten an die Herren Schauſpieler verge⸗ ben, es wäre nur noch das noble Gaſtzimmer übrig. Er war aber nicht wenig erſtaunt, als Otto eben dieſes Gaſtzimmer für ſeine Perſon anſprach und dem verdutzt Dreinſchauenden die Miethe für eine Woche im vorhinein bezahlte.
„Der gnädige Herr ſind alſo nicht von den Schauſpielern?“ erkundigte ſich der Dicke, während er die ihm von Otto übergebene Note umwechſelte.
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