232 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
daß er Etwas ſein ſolle. Wie wenn ich ein Gendarm wäre und Sie fragen würde: Herr, wer ſind Sie?“
„Sie ſetzen mir das Meſſer an die Kehle,“ ſprach Otto, der kaum das Lachen über die ſon⸗ derbare Weiſe des Zerriſſenen unterdrücken konnte, der bei Beginn ſeiner Rede plötzlich den Schritt anhielt und ſeine Fratze drohend und pathetiſch mit bezeichnender mimiſcher Aktion hervorbrachte.„Ich glaube gar, Sie ſind ein verkappter Polizeiagent und nehme deßhalb keinen Anſtand, mich Ihnen unter dem Namen Otto Röber, Doktor der Rechte aus N.., vorzuſtellen.“
„Doktor der Rechte?!“ wiederholte der Zerriſ⸗ ſene, ſeinen Hut lüftend, mit einem lauten Ausrufe.
Die beiden Andern, welche um einige Schritte voraus waren, blieben bei dieſem Ausrufe ſtehen, ſahen ſich nach den Zurückgebliebenen um und der Lange ſtieß den Blauen an und ſagte halblaut:
„Ein Doktor.“
Der Blaue nickte zum Zeichen des Verſtänd⸗ niſſes mit dem Kopfe und ging ruhig weiter, der Lange wartete auf die Herankommenden.
„Ich bitte um Entſchuldigung, Herr Doktor,“
fuhr der Zerriſſene fort, nachdem er von ſeinem
Staunen über die unerwartete Entdeckung zurück⸗ gekommen war,„doch ich wußte nicht— ich bin Schauſpieler—“
„Das habe ich erkannt,“ unterbrach ihn Otto; „und die beiden Herren ſind Ihre Kollegen?“
„Aufzuwarten, Herr Doktor,“ antwortete der Zerriſſene.„Dieſer Herr hier,“ und er deutete auf den Langen, den ſie inzwiſchen erreicht hatten, „ſpielt die Helden und Liebhaber, jener Herr im blauen Frack iſt unvergleichlich in komiſchen Par⸗ tien und meine Wenigkeit iſt ſtolz darauf, ſich Ihnen als Charakterſpieler vorſtellen zu können.“
Bei den letzten Worten machte der Sprecher eine tiefe und graziöſe Verbeugung und hakte den einzigen übrig gebliebenen Knopf ſeines Paletots in das über ſeine natürlichen Grenzen erweiterte Knopfloch, um ſich ein Air von Anſtand zu geben.
„Ich bin erfreut über dieſe Entdeckung,“ ent⸗ gegnete Otto mit jenem verbindlichen Tone, wel⸗ cher die Jronie unter dem Schein von Höflichkeit verbirgt;„und wenn Sie nichts gegen meine Ge⸗ ſellſchaft einzuwenden haben, ſo möchte ich mir das Vergnügen machen, den Weg bis zur nächſten Stadt gemeinſchaftlich mit Ihnen zurückzulegen.“
„Allzugütig, Herr Doktor,“ verſetzte der Char⸗ akterſpieler verbindlich.—
„Geſelligkeit in Freud und Leid, Des Wandersmannes Herz erfreut!“
deklamirte der lange Liebhaber und Heldenſpieler. „Wir wollen uns gemeinſchaftlich die lange Weile des Weges verkürzen.“
„Dieſer Herr iſt zugleich der Dramaturg, die eigentliche poetiſche Seele unſerer Geſellſchaft,“ er⸗ klärte der Zerriſſene auf den Langen deutend;„ein
Dichtergenie, das in allen Formen zu Hauſe iſt und beſonders ſehr leicht und gut improviſirt, wie Sie ſoeben eine Probe ſeiner Kunſt erhalten haben.“
„Das iſt mir lieb,“ verſicherte Otto.„Man trifft in dieſem Leben voll Proſa ſo wenig poetiſche Ausnahmen, daß man dieſe Wenigen nur ſogleich an's Herz drücken ſollte.“
„Sie ſind ein Mann, der noch die Kunſt
Und mithin auch den Künſtler ehrt,
Drum macht der holden Muſen Gunſt Sie meines Lobgeſanges werth.“
So improviſirte der Lange, dann fuhr er in Proſa fort:
„Herr Doktor, ich bin ſonſt verſchloſſener Na⸗ tur, aber in Ihrer Stimme liegt etwas, das mir Zutrauen erweckt und mir ſagt, daß Sie eine Aus⸗ nahme ſind von den Menſchen, die mit theilnahms⸗ loſem Herzen unter der Sonne wandeln. Erlauben Sie, daß ich Ihnen die Hand drücke, fremder Mann,
Deß Stimme wunderſam erklingt,
Wie wenn man Lieb' und Freundſchaft ſingt.“
Obſchon dieſe Sprache für den, der nicht daran gewöhnt war, ungemein lächerlich erſcheinen mußte, ſo lag doch etwas Gutmüthiges, ja Rüh⸗ rendes in dem Tone der Worte, daß Otto die dargebotene Hand ergriff und den Druck derſelben erwiederte.
„Halt, Tankred!“ rief der Lange dem Blauen zu, der unbekümmert um ſeine Vereinſamung lang⸗ ſam vorwärts ſchritt.
Der Blaue blieb ſtehen und ließ die Anderen herankommen.
„Wo ſich ein redlich Herze findet,
Das ſich dem Herzen ſchnell verbindet,
Da ſtimme jeder Brave ein,
Um mit den Braven ſich zu freu'n.“
Dieß deklamirend faßte er das kleine dürre Männchen bei den Schultern, ſchob ihn vor Otto und drückte ihn nieder, daß er ſich verbeu⸗ gen mußte.
„Sie ſcheinen Geſellſchaft zu meiden?“ fragte Otto den Blauen.
„Die Welt iſt ſchlecht, Monſieur,“ entgegnete der Kleine;„ein redlicher Menſch thut am beſten ſich zurückzuziehen und ſie zu verachten.“
„Das ſind düſtere Lebensanſichten, mein Herr,“ bemerkte Otto,„ich will von Ihrem Urtheil, das aus ſeiner Allgemeinheit auf mich übertragen ziem⸗ lich unangenehm klingt, abſehen; aber wie kann ein Mann wie Sie, der, wie ich gehört habe, die Komik zu ſeinem Fache gewählt hat, ſolche Anſichten haben, die dem Herzen alle Freudigkeit rauben?“
„Es herrſcht keine Treue in der Welt. Was da lebt iſt werth, daß es vergehe; denn nur die Liebe macht das Leben ſchön,“ antwortete der Blaue.
„Denn nur die Liebe macht das Leben ſchön,“ wiederholten die beiden andern Schauſpieler mit 8 einem tiefgeholten Seufzer.
4


