Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Eruſt und Humor.
des Doktor Burger erledigte Stelle vorzuſchlagen. und die Kommis lächelten, wenn er wiederholt ſeine
Sie ſiud zwar noch jung, aber der Miniſter hat meine Vorſtellungen als begründet gefunden. Hier haben Sie das Dekret.“
Otto ſtand da und ſtarrte den Präſidenten an, als hätte der ihm etwas Unverſtändliches geſagt, dann ſagte er kurz:
„Ich kann die Stelle nicht annehmen.“
„Sie ſind zu ſtrupulks,“ verſetzte der Präſident, „Sie haben wohl noch nicht die Praxis, welche dieſes Amt erfordert, aber mit Ihrem Fleiße und Ihrem Talent ſind Sie in einem Monat vollkommen in die Geſchäfte eingeweiht.“
„Darum iſt mir auch nicht bange,“ entgegnete Ottoz„aber habe ich Verdienſte, die mich zu einem ſolchen Amte berechtigen? Ich keune einen, ja ich kenne mehrere Männer, die jahrelang ihre beſten Kräfte dem Staate geopfert haben, ſie leben mit ihren Familien in beſchränkten Verhältniſſen, ich⸗kann die⸗ ſen Männern nicht in den Weg treten, ich müßte mich ſchämen.“
Der Präſident ſah den jungen Mann groß an.
„Sie ſind ein Narr,“ ſprach er und wandte ſich von ihm ab.
Otto ging; aber von dieſem Augenblicke war ihm der Dienſt verleidet. Dazu kamen die Vorwürfe der Kommerzienräthin, welche das direkte Gegentheil von dem bewirkten, was ſie bewirken wollten, und nach acht Tagen erklärte er dem Familienrathe im grünen Zimuier ſeinen Entſchluß, dieſe Sphäre auf⸗ zugeben, weil ſie nicht geeignet ſei, ſeine Neigung zu befriedigen.
„Er iſt ein Verlorener,“ klagte die Kommier zienräthin, nachdem ſich ihr erſter Zorn etwas ab⸗ gekühlt hatte;„er wird zu gar nichts taugen.“
„Er wird zu gar nichts taugen, er iſt ein Ver⸗ lorener,“ wiederholte der Vater.
„Laßt ihn reiſen, ſag' ich euch,“ ermahnte der Hauptmann,„jung Blut muß austoben.“
„Das fehlte noch!“ rief die Kommerzienräthin.
„Er bleibt bei mir,“ entſchied der Vater, und ſo blieb es.
Am folgenden Tage ſaß Otto im Komptoir an einem breiten ſchwarzen Pult, addirte und mul⸗ tiplizirte, kopirte Briefe, um ſich in das Kauderwelſch des kaufmänniſchen Geſchäftsſtyls hineinzuſchreiben, und es klang recht komiſch, wenn der erſte Buch⸗ halter, ein noch junger Mann, dem Sohne ſeines Herrn ein oder das andere Blatt überreichte mit den Worten: Herr Doktor, wollen Sie gefälligſt dieß oder jenes u. ſ. w., was ſonſt gewöhnlich Sache eines fünfzehnjährigen Lehrlings war.
Otto war geduldig. Er malte Ziffern, machte Auszüge und ſchrieb Briefe ab. Am ſchwierigſten ging es ihm mit den Rechnungen. Da war er herz⸗ lich ungeſchickt. Er hatte als Student die ſchwierig⸗ ſten mathematiſchen Aufgaben gelöſt, er hätte auch jetzt noch die verwickeltſte Gleichung beſſer aufgefaßt, als ein einfaches Diskonto berechnet. Der Buchhalter
Berechnungen zurücknehmen und überrechnen mußte und er ſelbſt wurde bald unmuthig und unzufrieden mit ſich.
Dieſe Unzufriedenheit jedoch ſuchte er ſo gut es ging, zu bemeiſtern; er wollte doch zu etwas in der Welt gut ſein, und der beſte Wille ſtand ihm in ſeinem Vorſatze bei; aber trotzdem erkannte er im⸗ mer deutlicher, daß er nicht zum Kaufmanne gebo⸗ ren ſei. Die regelmäßigen Geſchäftsſtunden, welche mit dem Schlage der achten Stunde bis Mittag, und von zwei bis ſechs Uhr dauerten, wurden ihm zur Pein, die todte Beſchäftigung, womit er ſeine Zeit hinbrachte, ohne auch nur dabei denken zu kön⸗ nen, widerte ihn an, dazu kam noch die Unzufrieden⸗ heit der Mutter, welche es nicht verſchmerzen konnte, daß ihr Sohn ſich ſo leichtſinnig jede Karriere ab⸗ geſchnitten natte.
Es währte nicht lange, und Otto fühlte ſich gedrungen, ſeinem Vater zu erklären, daß er nicht den Beruf in ſich fühle, um dem Wunſche desſelben gerecht zu werden, und daß er überhaupt noch gar nicht abſehen könne, welche Richtung ſeine Neigun⸗ gen nehmen werden.
„Er iſt verloren,“ murmelte der Banquier be⸗ trübt für ſich,„ſie hat recht, wenn ſie ihn einen Verlorenen nennt.“
„Er iſt verloren,“ wiederholte auch unabläſſig die Kommerzienräthin und das Weinen war ihr ſo nahe wie der Zorn.
Der alte Hauptmann aber ſagte nichts mehr, denn die Kommerzienräthin wollte keine Vernunft annehmen und ſein Bruder ſtand in den wichtigen Angelegenheiten der Familie zu ſehr unter dem Pan⸗ toffel ſeiner Frau, als daß er irgendwie für ſeinen Liebling,„den Verlorenen,“ wie er ihn auch nun, aber blos ſcherzweiſe nannte, hätte wirken können.
Ein wolkenloſer Himmel überwölbte die Erde, und das klare Sonnenlicht zeichnete den Geſichtskreis ſcharf und klar. Ringsum Bäume mit reifen Früch⸗ ten und die Felder waren bereits mit Stoppeln ab⸗ gelohnt für ihre Fruchtbarkeit.
Auf der ſteinigen Landſtraße ſchritt ein einſamer Wandersmann. Wir wollen ihn dem geneigten Leſer nur ſogleich zu erkennen geben. Es war Otto. Ja, Otto, der Sohn des reichen Kommerzienrathes, ein Ränzlein auf dem Rücken, einen dicken Knotenſtock, wie jeder anſtändige Wandersmann, in der Hand, mit leichtem grauen Gewande bekleidet. Er war nun frei, frei wie der Vogel in den Zweigen. Vater und Mutter hatten ihn in die Welt geſchickt, daß er ſich ſelbſt einen Berufskreis wähle unter den tauſenderlei Beſchäftigungen, die den Menſchen zu einem nütz⸗ lichen Gliede der Geſellſchaft machen können; aber da er nun ſelbſtändig ſeine Zukunft beſtimmen wollte, ſollte er auch nur allein für ſeine Gegenwart ſorgen. So lautete der Ausſpruch der ſtrengen Mutter, und


