228 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
blicke iſt mir alles gleichgiltig und ich werde auch nicht widerſprechen, was immer über mich verfügt wird; ich muß es nur als einen Verſuch betrachten, der mit mir angeſtellt wird, um meine Fähigkeiten zu prüfen, und kann ich mir ſelber genügen, ſo will ich dann mit Freuden die Richtung verfolgen, die ich eingeſchlagen habe.“
Die Kommerzienräthin hatte noch Manches einzuwenden und der Kommerzienrath half ihr ge⸗ treulich, aber ſie vermochten es nicht, ihrem Sohne ein beſtimmtes Verſprechen abzugewinnen, oder ihn in einer Richtung zu befeſtigen.
„Was wollt ihr?“ unterbrach endlich der Hauptmann die unerquickliche Debatte.„Fangt doch einmal mit etwas Vernünftigem an. Stellt ihn irgendwo hin und ſeht, ob er dort aushält oder nicht. Ich meine, Otto taugt ſeinem Charakter nach am beſten zum Soldaten. Wetter! ich möcht' ihn einmal als Lieutenant ſehen!“
Die Kommerzienräthin erklärte ſich mit dieſem Vorſchlage durchaus nicht einverſtanden, auch der Kommerzienrath war damit nicht zufrieden und Otto war es gleichgiltig. Der Hauptmann mußte ſeinen Schnurrbart gewaltig drehen, um das unan⸗ genehme Gefühl zu verwinden, welches ihm ſeine Niederlage bereitet hatte.
Endlich fand es die Kommerzienräthin am geeignetſten, ihren Sohn bei einem Departement im Miniſterium des Innern unterzubringen, zumal ſie vermöge ihrer adeligen Abkunft Verwandte be⸗ ſaß, deren Einfluß es gelingen konnte, ihm in kur⸗ zer Zeit eine ihrem Ehrgeize entſprechende Stellung zu verſchaffen. Otto hatte nichts dagegen und ſo war das Ganze vor der Hand arrangirt.
Gleich in den nächſten Tagen trat Otto die Bahn ſeines neuen Berufes an und das mit allem Eifer, deſſen der gute Wille fähig iſt. Er wünſchte es aus vollſtem Herzen ſeine Eltern zu befriedigen, er ſetzte ſich auch vor, dieſe Befriedigung durch Aufopferung eines Theiles ſeiner Selbſtändigkeit zu erkaufen; freilich nur bis zu gewiſſen Grenzen, denn bis zur Selbſtverleugnung mochte er ſich in einem Falle, wo es ſich um das Glück ſeiner Zu⸗ kunft handelte, nicht erheben. Uebrigens war ihm ſein Dienſt wirklich leichter als manchem Anderen in dieſer Stellung, denn ſeine Vorgeſetzten ſahen in ihm den Sohn eines der reichſten Männer der Reſidenz, der ſich zudem der allgemeinen Achtung erfreute. Otto erkannte dieß bald und äußerte ſich voll Verſtimmung darüber gegen den Haupt⸗ mann, an dem er noch immer in derſelben Zu⸗ traulichkeit hing, wie er dieß als Knabe gewohnt war:„Ich mag es nicht, daß man mich protegirt. Was ich werde, will ich blos meinem eigenen Ver⸗ dienſte zu danken haben und ich will es dem Prä⸗ ſidenten bei der erſten Gelegenheit ſagen.“
Die Kommerzienräthin war inzwiſchen mit ihrem Sohne zufrieden, denn die Berichte, welche ihr über ſeine Thätigkeit zufloſſen, waren ganz von
der Art, wie ſie ihrem Mutterherzen am wohlſten thaten. Aber ihr Geiſt, der für das Glück ihres Sohnes unermüdlich thätig war, freilich nur in ihrem Sinne, fand bald einen Hebel, der ihn in der einmal eingeſchlagenen Richtung mit einem Male weit vorwärts bringen ſollte.
Sie war es von jeher gewohnt, an ihrem Geburtstage eine kleine Soirée zu veranſtalten. Auch dießmal ward allen Freunden eine ſolche kleine Soirée angekündigt, doch war der Ausdruck„kleine“ in Anbetracht der ausgedehnten Zurüſtungen, die zu dieſem Zwecke gemacht wurden, ein unpaſſendes Epitheton. Die Kommerzienräthin wollte allen Glanz ihres Reichthums entfalten, um die Augen der Gäſte zu blenden. Dieß geſchah jedoch nicht ohne beſonderen Zweck.
Am Nachmittage desſelben Tages, an dem die Soirée ſtattfinden ſollte, nachdem alle Glückwünſche und Geſchenke bereits angebracht waren, nahm die Kommerzienräthin ihren Sohn bei Seite und machte ihm eine vertrauliche Mittheilung.
„Mein Sohn,“ ſprach ſie,„ich wünſche, daß Du in der heutigen Soirée Deine Aufmerkſamkeit wenn nicht ausſchließlich, doch mit beſonderer Rück⸗ ſicht der Tochter des Freiherrn von Ellen zu— wendeſt. Sie iſt die Nichte Deines Chefs und ſchon deßhalb Deiner Auszeichnung empfohlen, wenn ſie auch minder ſchön und⸗geiſtreich wäre, als ſie es in der That iſt. Zudem iſt ſie ein Liebling des alten Herrn, der an ihr ſeine größte Freude hat, weil er ſelbſt kinderlos iſt. Es wäre mir übrigens nicht unangenehm, wenn ſie Dir nicht blos ein flüch⸗ tiges Intereſſe abgewinnen würde, doch will ich Dei⸗ ner Neigung in keiner Weiſe irgend einen Zwang auflegen.“
Otto blieb in Gedanken allein, denn ſeine Mutter wartete nicht auf Antwort, ſondern ging um eine letzte Heerſchau über alle Zurüſtungen zum heutigen Feſte zu halten. Er fühlte ſich durch das eben Gehörte unangenehm berührt; die Freiheit ſei⸗ nes Willens ſchien ihm dadurch beeinträchtigt.
„Nein,“ ſprach er zu ſich,„ich will mich nicht in Feſſeln ſchmieden laſſen. Das Fräulein von El⸗ len hat kein größeres Recht auf meine Auszeich⸗ nung, als jede andere der anweſenden Damen, wenn ſie gleich die Nichte und meinetwegen auch der Lieb⸗ ling meines Cheſs iſt.“
Der Abend kam.
Die Gäſte waren verſammelt und in Gruppen theils im Saale, theils in den verſchiedenen Ge⸗ mächern vertheilt. Alte Herren ſaßen bei den Spiel⸗ tiſchen, ältere Damen in Fauteuils, die jüngeren hatten im Saale hinreichende Beſchäftigung. Die Muſik und neckiſche Plaudereien in den Pauſen ſorg⸗ ten für die Unterhaltung der Jugend.
Otto war es ziemlich unbehaglich inmitten dieſes geſelligen Durcheinanders. Die angeführten Worte ſeiner Mutter hatten ihm die gemüthliche Unbefangenheit im vorhinein genommen. In jedem


