Heft 
(1859) 7 05
Seite
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220 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Das ruſſiſche Telegrafennetz umfaßt bereits 34 Gubernial⸗Hauptſtädte, und es zählt 80 Stationen. Sechs Linien gehen von Petersburg aus: 1. nach War⸗ ſchau und Preußen, 2. nach den Oſtſee⸗Provinzen, 3. nach Abo in Finnland, 4. über Kiew und Odeſſa nach Simferopol, 5. nach Charkow, und 6. nach Wladimir und Niſchney⸗Nowgorod. Im Laufe dieſes Jahres wer⸗ den 460 Wegſtunden neue Linien gebaut; u. A. ſoll die Linie von Niſchney⸗Nowgorod bis Kaſan, von dort bis Laiſchew und ſpäter bis Orenburg verlängert werden.

Dem Unternehmen des transatlantiſchen Te⸗ legrafen wird von der engliſchen Regierung eine Di⸗ vidende von 8 Proc. auf 25 Jahre garantirt.

Der Einfluß des Druckes auf die elektri⸗ ſche Leitungsfähigkeit metalliſcher Drähte iſt von Profeſſor Wartmann in Genua zum Gegenſtand einer Reihe von Verſuchen gemacht worden. Die in⸗ tereſſanten Ergebniſſe derſelben laufen dahin hinaus, daß ein Druck von 30 Atmoſphären das Leitungsver⸗ mögen eines Kupferdrahtes vermindert, und daß dieſer nachtheilige Einfluß mit der Vermehrung des Druckes wächſt.

In England ſind Verſuche im Großen angeſtellt worden, die Feldarbeiten durchgehends mit Dampfkraft zu betreiben, wozu Halkett die Anregung gegeben hat. Es werden zur Anfuhr des Düngers, zum Ackern, zur Einbringung der Erde u. ſ. w. bewegliche Eiſenbahnen benutzt und alle landwirthſchaftlichen Verrichtungen durch von Dampf bewegte Maſchinen betrieben.

Techniſches. Induſtrielles.

Man hat jetzt in Boſton die Aufgabe in gelungener Weiſe gelöſt, ein fotografiſches Bild unmittelbar auf Stein in einer Weiſe zu fixiren, daß dasſelbe ohne weitere Vorbereitung zum Druck dienen kann.

Schuhe aus Alligator⸗ oder Krokodilhaut verfer⸗ tigt ein gewiſſer Benedict in Galveſton; ſie ſind fein und weich wid kalbslederne, haben aber das Anſehen wie Schildkrötenſchale.

Man kaun ſich leicht ſelbſt Dochte für Nacht⸗ lichter anfertigen, indem man Feuerſchwamm nimmt, dieſen in der Form von kleinen Dochten ſchneidet, mit den Fingern rundet und dann in den Schwimmer des Nachtlichtes ſteckt. In gut gereinigtem Oel brennt die⸗ ſer Docht mit kleiner Flamme durch eine ganze Nacht äußerſt wenig Oel verzehrend.

Gelatine wird als wohlfeiles und ſchönes Erſatz⸗ mittel für farbiges Glas in Vorſchlag gebracht, wovon bereits Illuminationslampen gefertigt werden, welche von der ſchönſten Wirkung ſein ſollen.

Eiſen ſpielt bekanntlich eine wichtige Rolle in der neueren Medizin, namentlich in Fällen der Blutarmuth u. ſ. w. Doch wollte es bisher nicht gelingen, dasſelbe mit Stoffen zu verſetzen, welche keinerlei ſtörende oder ſchädliche Wirkung auf den menſchlichen Organismus ausübten. Der Apotheker Baſtick in London behauptet aun, daß die Verbindung von Leberthran und Eiſen alle Eigenſchaften beſitze, welche die Heilkunde verlan⸗ gen könne.

Zur Verpackung von Schnupftabak bedient man ſich bekanntlich Blei⸗ oder Zinnfolien, wodurch mancherlei Gefahren für die Geſundheit entſtehen kön⸗ nen. Um dieſe zu beſeitigen, bedient man ſich in eini⸗ gen Tabakfabriken Deutſchlands mit gutem Erfolge zur Verpackung von Schnupftabak der Guttapercha.

Möbel aus Kautſchuk. Verſuchsweiſe werden ſehr hübſche Möbel aus Kautſchuk verfertigt. Der Kaut⸗ ſch 9

ſchuk erhält durch Zuſatz von Schwefel und etwas Pech eine hornähnliche Geſtalt. Die Möbel ſehen aus wie vom ſchönſten Ebenholz angefertigte und ſind nicht viel theuerer als Möbel von Eichenholz.

Die amerikaniſchen Journale erzählen von einer neuen Erfindung, welche Nachahmung verdient. Es ſind das Laternen, deren Lampe oder Kerze man anzünden kann ohne ſie zu öffnen. Dazu dienen Reib⸗ hölzchen, die von außen durch den Druck eines Stiftes aus einem Büchschen worin ſie liegen vorgeſchoben werden und dabei durch zwei Reiber gehen müſſen, wo⸗ bei ſie ſich ſelbſt entzünden und dann den Docht an⸗ glühen und auch entzünden. Will man die Laterne auslöſchen, ſo dient dazu ein zweiter Knopf, mittelſt deſſen man eine Platte über den Docht ſchiebt und den Luftzug hemmt.

Ein neues Verfahren zur Konſervirung der Bienenſtöcke theilt Nachtmann in denNeueſten Erfindungen mit. Wenn nämlich die Stöcke über Sommer nicht ganz ausgebant werden, ſo füllt er die leeren Räume im Herbſt aus, und zwar nicht mit Heu oder Stroh, ſondern mit Holzkohle und hat ihm Früh⸗ jahr das Vergnügen, alle ſeine Stöcke geſund und volk⸗ reich zu ſehen. Die Holzkohle iſt nicht nur der ſchlech⸗ teſte Wärmeleiter, ſondern zieht auch die Feuchtigkeit und alle übeln Gerüche an.

Unglücksfälle.

eeber den Einſturz der Stadtpfarrkirche in Wei⸗ ßenporn theilen die Augsburger und Ulmer Blätter folg die ſchon ſeit 3 400 Jahren ſteht, war in den letzten Paar Wochen Gegenſtand allgemeiner Befürchtung ge⸗ worden, während ſchon ſeit Jahren über den Bau der⸗ ſelben hin und wieder verhandelt wurde. Am Morgen des 22. Febr. nun fand um 6 Uhr früh, wie alltäglich, der Frühgottesdienſt ſtatt, zu dem ſich eine nicht geringe Zahl Gemeindeglieder eingeſtellt hatten. Während der Wandlung, um ½¼ über 6 Uhr bröckelte Kalk und Mauerwerk von der 50 Fuß hohen Decke in's Schiff. Faſt in demſelben Augenblick ertönte aus der Mitte der Andächtigen der Ruf:Macht, daß Ihr hinauskommt! Alles ſprang auf, um zu fliehen. Doch ſchon krachten die Balken des Gewölbes zuſammen, riſſen die Decke mit ſich und verſchütteten viele Anweſende. Bald darauf ſtürzte auch die ſüdliche Wand nach, ſo daß die Kanzel und der ſüdliche Altar ganz überſchüttet wurden. Das Krachen des Einſturzes und der darauf folgende ent⸗ ſetzliche Hilferuf ſchreckte die Leute auf den Platz des Jammers herbei. Alles wollte helfen, doch konnte man mit Wegräumung der Trümmer nur vorſichtig zu Werke gehen, da man den Einſturz der anderen Seitenwand ebenfalls zu fürchten hat. Eine Anzahl junger Leute (man ſpricht von 8 bis 10), die auf der Emporkirche waren, ſollen durch Herausdrücken des Fenſters und durch einen Sprung(etwa zwei Stock hoch) ſich geret⸗ tet haben. Die Geiſtlichen konnten ſich ſämmtlich in die Sakriſtei retten, während das Volk durch alle Thore und Thüren zu entkommen ſuchte. Dreizehn Menſchen⸗ leben ſind zu beklagen und noch über 20 ſind mehr oder minder beſchädigt. Die Unglücklichen wurden ganz verſtümmelt aufgefunden, nur eine Magd iſt bis heute noch im Schutte begraben. Viele von den Geretteten erlitten unter der Thüre noch Beinbrüche und Zer⸗ quetſchungen, indem der Andrang zu groß und Alle über einander zur Thüre hinausſtürzten..

Das preußiſche SchiffUrania iſt in der Oſtſee in der Nähe von Libau geſcheitert. Es ging dabei nicht blos die ganze Mannſchaft des Schiffes zu Grunde, ſondern auch die Schiffer, die dem verunglückten Fahr⸗

ude Einzelnheiten mit: Die Baufälligkeit der Kirche,