Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Miszellen. Literatur.
Die Goetheliteratur wächſt in's Unendliche und wohl noch in keinem Jahre ſind ſo viel Schriften, die unſern großen Dichter betreffen, erſchienen, als im Laufe des vergangenen. Unter den biografiſchen Wer⸗ ken, welche Goethe's ganzes Leben umfaſſen, ſind außer dem trefflichen Werke des Engländers G. H. Lewes, das von Freſe überſetzt wurde und auch in Deutſchland in einer billigern engliſchen Ausgabe erſchien, vor allem die zweite Auflage von Schäfer’s„Goethe's Leben“ und die Monografie über Goethe in Gödeke's„Grundriß zur Geſchichte der deutſchen Dichtung“ hervorzuheben. Schätzbare Beiträge zur Lebensgeſchichte des großen Dichters gaben unter anderm H. Siegfried in ſeiner „Epiſtel an G. H. Lewes“, C. Jügel in ſeiner erſt kürzlich in den Buchhandel gelangten Schrift„Das Puppenhaus“ und Kneſchke in„Goethe und Schiller in ihren Beziehungen zur Frauenwelt“. Manches Neue über die beiden Koryphäen der deutſchen Literatur theilt Diezmaun im„Goethe⸗Schiller⸗Muſeum“, ſowie in dem künſtleriſch reich ausgeſtatteten„Weimar⸗Album“ mit; viele kleinere Beiträge brachten auch mehrere Zeitſchrif⸗ ten, wie das„Bremer Sonntagsblatt“, das„Frankfur⸗ ter Muſeum“, die„Blätter für literariſche Unterhaltung“, das„Deutſche Muſeum“ u. ſ. w. Oldenburg ſchrieb „Grundlinien zur Pädagogik Goethe's“, Clemens über „Schiller im Verhältniß zu Goethe“, der Holländer van Ooſterzee„Ueber Goethe's Stellung zum Chriſten⸗ thume“, Aderholdt„Ueber Goethe's Farbenlehre“. Auch die Erläuterungsſchriften über einzelne Werke Goethe's ſind durch mehrere neue vermehrt worden. Dahin ge⸗ hört zunächſt die Goethe betreffende Abtheilung der bei Hochhauſen in Jena erſcheinenden„Erläuterungen zu den deutſchen Claſſikern“, welche von Düntzer beſorgt wird. Es liegen aus derſelben bereits„Hermann und Dorothea“,„Werther“,„Wilhelm Meiſter's Lehrjahre“, die„Wahlverwandtſchaften“ und„Wilhelm Meiſter's Wanderjahre“ vollſtändig vor. Hierzu kommen noch die zweite Auflage von H. Düntzer’s„Goethe's Fauſt, voll⸗ ſtändig erläutert“, ſowie deſſen Erklärung von„Goethe's lyriſchen Gedichten“(2 Bde.). Viſcher veröffentlichte „Kritiſche Bemerkungen zu dem erſten Theil von Goe⸗ the’'s Fauſt“ und Schnetger ſchrieb„Der zweite Theil des Goethe'ſchen Fauſt“. Eine Nachleſe zu Goethe's kleinern Dichtungen gab der Philolog Th. Bergk in „Goethe's Acht Lieder“. Beachtenswerth ſind auch die „Briefe Goethe's und der bedeutendſten Dichter ſeiner Zeit an Herder“, herausgegeben von H. Düntzer und von Herder. Schon 1857 gab Lancizolle eine„Ueber⸗ ſicht der wichtigſten Schriften von und über Goethe“, welche den großen Reichthum der Goetheliteratur er⸗ kennen läßt.(Cent.⸗Anz.)
Neue Dramen. Bald wird man unſere geſammte neue Literaturgeſchichte in Szene geſetzt ſehen. Gottſched und Gellert, Bürger und die Hainbundsgenoſſen nebſt dem„Vater Gleim“, Schiller und Goethe wurden be⸗ reits auf die Bühne gezerrt(der Letztere freilich nur als halbwüchſiger Junge und werdendes Genie); und nun erſcheinen auch Leſſing und ſein Moſes Mendels⸗ ſohn als die Hauptfiguren eines fünſaktigen Schauſpie⸗ les, welches einen Dr. Otto Girudt zum Verfaſſer hat.
König Maximilian II. von Baiern hat zur Förderung der dramatiſchen Poeſie abermals eine Preis⸗ konkurrenz eröffuet und zu dieſem Behufe einen Preis von 200 Dukaten für das beſte Trauerſpiel oder Schau⸗ ſpiel ausgeſetzt. Der Stoff des Drama's muß der Ge⸗ ſchichte Bäaierns oder der Pfalz entnommen ſein; die Ausſührung neben den Forderungen der Aeſthetik auch den Anſprüchen der gegenwärtigen Bühne genügen.
Hinſichtlich der Form wird der Vers gewünſcht. Die Einſendung hat an das Kapitel des Maximiliansordens für Wiſſenſchaft und Kunſt zu München im Verlaufe des Monates November im Jahre 1860 zu geſchehen. Die Entſcheidung wird von einem durch Se. Maj. den König zu ernennenden Preisgericht ausgehen, u. z. in der Art, daß die Richter zunächſt eine Anzahl der vorzüg⸗ licheren Stücke zur Darſtellung auf der Münchner Hof⸗ bühne vorſchlagen, ihr letztes Urtheil aber erſt, wenn der Cyklus der Aufführungen geſchloſſen iſt, unter Mit⸗ berückſichtigung der erzielten Bühnenwirkung abgeben. Die Namen der Preisrichter werden vor Ablauf des zur Einlieferung der Drameu angeſetzten Termins ver⸗ öffentlicht.
Bildende Kunſt.
Unter den bildenden Künſtlern Wien’s, welche bisher in mehrere, einander ſchroff gegenüber⸗ ſtehende Parteien geſpalten waren, hat ſich gelegentlich der bevorſtehenden akademiſchen Ausſtellung eine Ver⸗ ſöhnung angebahnt. Die Akademie hat ſich endlich be⸗ wogen, die„Eintracht“ förmlich anzuerkennen, und die Mitglieder der letzteren Genoſſenſchaft, zu welcher Künſtler wie Rahl, v. Haanen, Gurlitt, Greefe, Aigner u. v. A. gehören, werden ſich in Folge deſſen in Maſſe an der Ausſtellung betheiligen. Der„Eintracht“, welcher na⸗ mentlich viele junge Künſtler angehören, ſteht bekanntlich der„Albrecht⸗Dürer⸗Verein“ gegenüber, zu welchem namentlich Anhänger der Akademie und überhaupt Ael⸗ tere zählen.
Eine Gruppe von klaſſiſcher Schönheit iſt jetzt vom Bildhauer Fraikin in Brüſſel vollendet, und in deſſen Atelier zur Anſicht ausgeſtellt worden. Aphrodite, die ſchaumgeborene Göttin, ſteht, ihren Schleier als Segel gebrauchend, in einer Muſchel, welche von Amor, ihrem Sohne, mit dem Bogen gelenkt wird. Die Formen dieſer in Lebensgröße ausgeführten Figuren ſind ſo meiſterhaft, die Stellung und die Verhältniſſe ſo richtig
„und edel aufgefaßt, daß das allgemeine UÜrtheil dieſe
Gruppe für das beſte Erzeugniß Belgiens auf dem Ge⸗ biete der Plaſtik erklärt.
Der jetzt in München lebende griechiſche Maler Theodor Bryſakis wird den Befreiungskampf ſeines Vaterlandes durch eine Reihe hiſtoriſcher Gemälde ver⸗ herrlichen, von denen die drei erſten bereits vollendet ſind. Der Künſtler, welcher ſelbſt in den Reihen der Kämpfer gefochten und Perſonen wie Ort der Handlung aus eigener Anſchauung keunt, hat in dieſen ſo Vor⸗ treffliches geleiſtet, daß ihm die Anerkennung der Kunſt⸗ freunde wie auch die beſondere ſeiner Regierung zu⸗ theil geworden iſt.
Das Miſſale, an welchem im Auſtrage Sr. Majeſtät des Kaiſers ſeit einigen Jahren von Mitglie⸗ dern der k. k. Akademie der Künſte gearbeitet wird und das für S. H. den Papſt beſtimmt iſt, wird im Jahre 1860 vollendet ſein, und ſeiner Beſtimmung zugeführt werden können. Bei den Arbeiten wurden die verſchie⸗ denſten Zweige der bildenden Künſte in, ihrer edelſten Richtung verwendet.
Muſik.
Die aus Muſikern beſtehende Kommiſ⸗ ſion, welche damit beauftragt war, auf Mittel zu ſin⸗ nen, um in allen muſikaliſchen Inſtituten Frankreichs eine gleichmäßige Stimmung herzuſtellen, hat dem Staatsminiſter unterm 1. Februar ihren Bericht einge⸗ ſandt. Mit Zugrundelegung der darin ausgeſprochenen Anſichten hat der Miniſter die Einführung einer„Nor⸗ mal⸗Stimmgabel“ verfügt, bei welcher für das ſtimman⸗ gebende A 870 Schwingungen auf die Sekunde kommen.


