Feuilleton.
Prager Sprechſtübchen.
Faſtenzeit!
Der Karneval hat ausgetobt, die Zeit der Reue beginnt. Gar Vielen liegt ein ſchwerer Stein auf dem Herzen und ſie ſeuſzen:„Herr, laß dieſen Stein Brod werden.“
Faſtenzeit!
Kaum hat uns der Aſchermittwoch erinnert, daß all' unſer Trachten und Dichten eitel ſei, ſo führt uns der Erfolg der Philippine Welſer wieder dieſen Ge⸗ danken nahe.
Faſtenzeit!
Zwiſchen dem tollen Faſchiug und den heitern Oſtern liegt die düſtere Faſtenzeit mit ihren Konzerten mitten inne. In medio Virtuos.
Faſtenzeit!
Die Schreckenszeit für die Stockfiſche. Wenn die⸗ ſelben, um nach Leſſing zu reden, in dieſen Tagen den Kopf nicht verlieren, ſo haben ſie keinen zu verlieren.
Die Faſtenzeit bringt uns heuer Frühlingswetter. Heiter lacht der Himmel über uns— über die Poſſen⸗ ſpiele auf Erden; die Lerchen trillern friſch an jedem Morgen, ohne durch Heiſerkeit das Repertoire der Natur zu ſtören; die erſten Schmetterlinge melden ſich unter den Angekommenen in den Zeitungen; Goldkäfer ma⸗ chen dem Frühling Reklame, als wäre er ein reiſender Künſtler; an Bäumen und Sträuchen ſchlagen die nicht politiſchen Blätter aus, im Gegenſatze zu den politiſchen, die jetzt bei dem Winde aus Süden recht einzuſchlagen beginnen.
Krieg oder Frieden? das iſt die Frage, welche jetzt jedes Zeitungsblatt, ja jede Konverſation in friedliche oder kriegeriſche Weiſe erörtert. Das Zeichen unſerer Zeit iſt und bleibt nun einmal das 2
Erinnerungen. 1859.
Cinis— fumus!
Unſere Zeit gleicht einem Katechismus, Frage folgt auf Frage. Kein Wunder, der Menſch iſt ja ſelbſt ein Räthſel, das immer fragt bis zu ſeiner— Auflöſung.
In unſerer Stadt hat eine Auflöſung ſogar ei⸗ nen räthſelhaften Charakter. Wenn ſonſt drei Perſonen erforderlich ſind ein Kollegium zu bilden, ſo genügen hier ſchon zwei, um eine Zunft in Beſtand zu halten. Die Bäckerzunft der Neuſtadt beſteht aus nicht weniger als zwei Meiſtern, von denen der eine als Obervor⸗ ſteher an der Spitze— des andern ſteht.
Räthſelhaft ingleichen mag es erſcheinen, daß Prag, die Hauptſtadt im„Lande der Töne“, bisher ohne einen Männergeſangverein war. Jetzt endlich ſoll, wie die Kunde geht, ein ſolcher unter der Leitung des Kapell⸗ meiſters Tauwitz in der Bildung begriffen ſein. So mit geſchieht wieder ein Schritt, den Vorwurf, es fehle in Prag an geſelligem Ton, an geſelliger Stimmung und Harmonie zu widerlegen.
Prag iſt nicht nur die Stadt der Töne, ſondern auch der Monumente. Man ſagt, jeder Stein in Prag ſei hiſtoriſch, und ſo koönnte man, wie Schelling die Architektur eine„gefrorene Muſik“ nannte, Prag als — die„verſteinerte Geſchichte“ bezeichnen. Es iſt jetzt im Werke, zur Erinnerung an die akademiſche Legion im Jahre 1899 ein Denkmal außzuſtellen, das der verſtor⸗ bene Bildhauer Joſef Max vor Jahren zum Zwecke der 500 jährigen Jubelfeier unſerer Univerſität model lirt hatte. Es ſtellt dieſes trefflich gelungene Kunſt⸗ werk einen böhmiſchen Studenten aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges vor und iſt daher zugleich ein Denkzeichen einer anderen Geſchichtsepoche, in welcher die ſtudirende Jugend unſerer Univerſität in kräftiger Abwehr des Feindes ſich männlich bewährte.
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