Makame des zweideutigen Briefes. 215
nen„Nein“ ſagt;— einen Brief, der unvergleich⸗ bar— und unerreichbar,— als Wunder ange⸗ ſtaunt vom Volk im Land,— in deſſen Mitte er entſtand;— Fürſtentöchter, die ihn ſahen, konnten ihren Beifall nicht verhehlen,— ihn prieſen ſelbſt die ſtolzen Seelen,— die von ihm gehört erzäh⸗ len.— Lieſ't man ihn von Anfang bis zu Ende, — dann ſchlägt für ihn das Herz behende,— dann zeigt es ſich, daß Lob er ſpende,— dann gleicht er einem Frauenbild,— das ſanft und mild;— doch lieſ't man ihn zurück— mit um— gewandtem Blick,— dann tritt hervor das Unge⸗ heuer,— dann wird der Storch zum Geier,— dann wandelt ſich der Beifallszoll— um in Miß⸗ fallsgroll,— dann wird das Adeln— zum Ta⸗ deln,— und der Segensſpruch— zum Fluch.— Dieſer Brief zündet ein Licht in der Finſterniß an — und läßt zurück die Sonne geh'n auf ihrer
Bahn,— ſo daß Alle, die dieß Wunder ſchauen, — überfällt ein Grauen;— er iſt ſchwärzlich,— aber ergötzlich,— ein Lächeln thront in ſeinem Munde,— doch ein Sticheln wohnt im Hinter⸗ grunde;— er trägt Sanftmuth im Blicke,— und hegt im Herzen Tücke;— ſeine Zunge iſt des Honigs Stelle,— ſein Inn'res aber eine Hölle;
— beim Vorwärtsgange iſt er ſüßes Brod,— beim Rückwärtszwange aber bitterer als der Tod;
— er iſt doppelgehaltig,— wie das Schaubrod geſtaltig;— wer ihn lieſ't auf die rechte Weiſe
und das Süße koſtet, das in dieſem Gleiſe,— wird ausrufen:„Dieſe Koſt iſt Engelsſpeiſe!— dieſer Moſt ſtammt aus des Himmels Kreiſe!“—
Doch wendet man ihn um,— gleicht er dem Schaubrod, das entfernt ward aus dem Heilig— thum;— denn er iſt des Guten wie des Böſen mächtig,— iſt zwillingsträchtig;— die Kinder in ſeinem Leibe— machen ein Getreibe,— und her⸗ aus kommt der Eine, voll Unſchuld und Milde,— dann folgt der Andere, voll, Unhuld, Böſes füh⸗ rend im Schilde.—
Dieſen Brief hab' ich erfunden— und um der Dichtung Stickerei gewunden,— mit Sorg⸗ falt ihn gepflegt— und mit meiner Worte ſchön⸗ ſten Perlen ausgelegt,— um als Waffe ihn zu ſhwingen— wie die Zeiten es bedingen;— er iſt an Würze reich,— an D Duft der Myrrhe gleich; — unter Allen,— denen beigefallen,— auf ſei— nem Pfad zu wallen— und zu lauſchen ſeinem Hallen und Schallen,— wollt' es Keinem gelin— gen,— Aehnliches ſerorzubeirgen⸗— Mit die⸗ ſem Briefe wollte ich bezwecken,— daß die Tho— ren meiner Zunge Geißel ſchmecken,— auch wollte ich die Gecken— aus ihrem Hochmuthstraume wecken.— Ich habe dieſen Brief verfaßt auf Einen jener Großen,— welche um ſich ſtoßen,— jener hemreinde. Leiter und Lenker,— die nur gemeine Streiter und Zänker,— jener Frommen,— die den Nächſten um laſſen kommen,— und jener Hirten,— die die Schafe vierten.— Ich hatt'
ihm anfangs Lob geſpendet,— er aber hat mir keinen Lohn darob geſendet;— drum hab' ich ihn geſchildert nun in dieſem Briefgedichte,— damit es die Geſchichte— der Nachwelt treu berichte.— Wenn das Gedicht gelangt in jenes Kauzes Hände — und er es lieſ't behende,— wird er ve rmei⸗ nen, daß es Lob ihm paude— und nicht hdn daß es ſeinen Namen ſchände;—„ein überlauter Morgenſegen, der in Fluch verwandelt ſich am Ende.“— Und nun merkt auf— und lauſcht
des Briefes ſtaunenswerthem Lauf!— Und er begann und ſprach: „Gebieter!— Unglücks⸗Verhüter!— Glück⸗
Verbreiter,— Mißgeſchicks⸗Beſtreiter!— Fudofe Vermehrer,— Leiden⸗ Zerſürer!— Ruhm Beſchee
rer,— Kummer⸗Wehrer!— Glanz⸗Spender,— Schmach⸗Abwender!— Heil— Errichter,— Unheil⸗ Vernichter!— Tugend-Freund,— Laſter⸗ Feind — Vol ks⸗Beglücker,— Frevler⸗ Entrlikert— Er⸗ löſung-Bringer,— Feinde⸗Bezwinger! Witwen⸗ Beſchirmer,— Räuber⸗Beſtürmer!— Waiſen⸗Er⸗ nährer,— Sünder⸗Bekehrer! ſcheinheiliger Menſchen, der Tugend entſchiedener Verächter,— Haſſer und Befechter!— Du biſt voll Adel,— ohne Tadel!— Du haſt Seele,— keine Fehle,
— Du biſt gerecht,— nicht ſchlecht,— freigebig, — nicht ſchäbig,— mild,— nicht wild,— zart,
— nicht hart.— Sei beglückt,— nicht gedrückt! — Dir werd' Verehrung,— nicht Zerſtörung!—
Sei beneidenswerth,— nicht bemitleidenswerth! — heiße Sieger,— nimmer Unterlieger!— Er⸗ ziele Geſundheit,— nicht fühle Wundheit!— Du ſollſt erben Reichthum,— nicht Siechthum!— Du ſaüſ werden alt,— nicht ſterben bald!— Hin— terla ſſe Ruhm,— nicht komme un!“—
Darauf ſprach er zu ihnen:
Das iſt die Hymne, die Adel ertheilt,— dahinter aber Tadel weilt;— ſeh't! ich lege vor Euch heute einen Spruch,— der Segen in ſich faßt und Fluch;— woll't Ihr ihn nach der Ord⸗ nung leſen,— wird harmlos zeigen ſich ſein We⸗ ſen,— doch woll't die Ordnung um Ihr kehren — und den graden Bau zerſtören,— ſo fangt vom Ende an— und ſchreitet rückwärts auf der Bahn,— dann werdet Ihr leſen:
„Umkomme! nicht Ruhm hinterlaſſe! bald ſterben,— nicht alt werden ſollſt Du!— Siech⸗ thum, nicht Reichthum erben ſollſt du!— Wund⸗ heit fühle,— nicht Geſundheit erziele!— Unter⸗ lieger, nimmer Sieger heiße! Bemitleidenswerth, nicht beneidenswerth ſei! Zerſtörung, nicht Vereh⸗ rung werd' Dir! gedrückt, nicht beg lückt ſei! Ha
— nicht zart,— wild, nicht mild,— ſchäbig, nicht zraigebi— ſch lecht, nicht gerecht biſt Du; — Feyhle, keine Seele haſ Du;— Tadel hne
Adel) voll biſt Du.— Befechter und Haſſer, Ver⸗ ächter entſ ſchiudener Tugend der Menſchen! ſchein⸗ heiliger Bekehrer!— Sünder⸗Ernährer!— Wai⸗ ſen⸗Beſtürmer,— Räuber⸗Beſchirmer,— Witwen⸗


