214 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
dung dieſer Fopperei gegeben. Am Abend war eine Entdeckung um ſo weniger zu beſorgen, da ſie die ſchützende Wachshülle vom Geſicht nur im Dü⸗ ſter der ſchattigſten Pfeiler auf Augenblicke abzog. Unmittelbar vor der Raſtſtunde übernahm auf Ver⸗ abredung Nuzi ihre Rolle und zwängte für ſein kurzes Debüt den etwas widerſtrebenden Korpus mit zierlicher Anſtrengung in die Chryſalide. Der beſtellte Lohnkutſcher auf der Treppe wartend, war — ſein Signal, das ſcheinbar zufällige Anklingen eines Meſſers am Glas, bei Grüners ſtürmiſcher Begrüßung— vernehmend, ſogleich eingetreten und er und der Schreck gönnten dem Getäuſchten nicht eine Minute Zeit, bei näherer Beobachtung des Sitzenden in Argwohn zu verfallen. Daß Vater Nuzi lobeſam, aus allen Kräften auf des Abwe⸗ ſenden Unkoſten dann ſeine„Beſtimmung“ an der lieben Gottesgabe erfüllte, findet man wohl ganz natürlich und auch— recht! Die Niederlage ſei⸗ ner Ehre im Ballſaal konnte nur durch Heka⸗ tomben geſühnt werden.
Makame des zweideutigen Briefes.*)
(Von einem Briefe, der— grade geleſen— verleihet Adel,— Doch rückwärts geleſen, ausſpricht Tadel.—)
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Neman, der Esrachite, ſpricht: Ich befand mich im Egypter⸗Land,— — zur Zeit, als es in Flor noch ſtand,— o lieblich, wie Jeruſalem, war anzuſchauen, =.— da ſeine Auen— weit und breit— d voll waren jeder Köſtlichkeit,— und edle Bäume— verherrlichten ſeiner Gärten Räume;— es glich einer Braut im Feierkleide,— der Nil— ſtrom war ſein Halsgeſchmeide;— es war er⸗ hellt,— als wär's beſtellt— zum Leuchtthurm für die dunkle Welt.— Bald machte ich Bekannt— ſchaft— mit junger Mannſchaft,— die aus wer— then Leuten beſtand— und gelehrt zu ſtreiten ver⸗ ſtand;— ſie waren im Stand,— Dunkles auf— zuhellen— und mit Verſtand ein Urtheil zu fäl⸗ len;— ſie vermochten das Meer der Wiſſenſchaft zu ſpalten— und aus harten Felſen Weisheit zu entfalten.— Sie waren das Poſtament,— auf dem der Dichtung vielarmiger Leuchter ſich erhebt, — oder das Firmament,— an dem der Sterne Lichtkranz ſchwebt;— durch ihres Geiſtes Schleier — ſtrahlte Diamanten-Feuer,— ihrer Worte Fluß glich einem erquickenden Regenguß;— für die begierigen Hörer war ihre Rede,— wie ein Waſſerſtrom in dürrer Oede,— und ihr Herz war für der Dichtkunſt Gedeihung—„das Thal der Prophezeiung“.— An edler Geſinnung waren Alle gleich,— Alle gedankenreich— und voll Er—
*) Siehe Buchſchau.
kenntniß aus dem höheren Bereich.— In ihrem Kreis— befand ſich ein Greis,— der auf dem Felde der Gelehrſamkeit— ſammelte, was zer⸗ ſtreut,— und im Gebiete der Dichtung— ſich befaßte mit Sichtung und Lichtung:— bald ver⸗
arbeitete er die Stoffe mit ſeinen Meiſterworten— zu kunſtgeſtickten Borten,— belegt mit dem Golde ſeines Verſtandes,— reizend, wie der Faltenwurf eines Schleppgewandes,— und bald fuhr er um⸗ her auf der Wiſſenſchaften weitem Meer,— um zu ſtillen die Wellen,— die ſchwellen,— um herauszufiſchen die Perlen aus den Muſchel⸗Quel⸗ len,— und aus der Strömung Buſen— zu ho⸗ len die Korallen der Muſen.— In ihn drangen,— die nach dem Waſſer ſeines Brunnens trugen Ver⸗ langen:— er ſoll ſie unterrichten— im kunſtge— rechten Dichten,— das ſo ſchwer zu erſtreben,— da ſein Pfad nicht nahe und nicht eben,— ſo
daß ſelbſt kühne Denker— und löwenmüthige Lenker— von der Wiſſenſchaften Kriegswagen— es nicht wagen,— ſeine Wege aufzuſuchen— und
auf ſeinen Stegen einen Lauf zu verſuchen;— denn das iſt ein Pfad, den Raubvögel nicht ken⸗ nen,— und eine Strömung, in die ſo leicht nicht Ruderſchiffe rennen.— Er erwiederte: ich will mein Beſtes laſſen zu Euch fließen,— will Euch erſchließen— der Räthſel Thor,— ſchenkt mir nur geneigtes Ohr.— Wiſſet! der Geſang— von Belang,— die Gedichte— von Gewichte,— die Briefe ſchweren Styls— und die Dichtung höh'ren
Ziels— haben verſchiedene Arten und Weiſen,— in deren Kreiſen— oft ſich verirren ſelbſt die Weiſen— auf ihren Fahrten und Reiſen.— Die
Kunſt, die über Alles geht,— die auf der höch⸗ ſten Stufe ſteht,— ſind die Briefe von doppeltem
Weſen,— die man vorwärts kann und rückwärts leſen,— wobei der Pfeil vom Bogen— rückwärts kommt geflogen,— und der Pfad, der ausgetre⸗ ten,— vermieden wird von dem Poeten:— lie⸗
ſeſt Du ſie grade,— ſo wandelſt Du auf ebenem Pfade,— doch kehrſt Du um das Ziel,— iſt Dir's, als umfluthete Dich der Nil,— oder als wenn der Jordan zurücke fiel.— Da rief die Verſammlung: dieſer Weg hat keinen Wandyrer noch geſpürt,— dieſe Kunſt iſt Jungfrau noch,
von keinem Mann berührt;— willſt Du ſie mit uns vermälen,— ſo magſt Du nach Belieben wählen— Dir eine Gabe,— dann ſollſt Theil Du haben an unſerer Habe.— Hierauf ſprach er zu ihnen:— o Kinder, laßt Euch dienen!— nur um Gottes willen lehr' ich,— und nicht Lohn
begehr' ich!— Ich will Euch regnen laſſen köſt⸗ liche Speiſe— aus der Wiſſenſchaft himmliſchem
Kreiſe,— will vor Euch leſen einen Brief, der lieblich und hold,— wie in Silber gefaßte Aepfel von Gold,— einen Brief, tiefſinnig erdacht,—
zur Rüſtkammer gemacht,— wie junges Reh voll Pracht,— doch auch einer Löwin gleich, die Grauen einjagt,— und wie ein Bogen, der beim Span⸗


