216 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Bezwinger,— Feinde⸗Bringer,— Erlöſung⸗Ent⸗ rücker,— Frevler⸗Beglücker,— Volks⸗Feind,— Laſter⸗Freund,— Tugend⸗Vernichter,— Unheil⸗ Errichter, Heil⸗Abwender,— Schmach⸗Spender, — Glanz⸗Wehrer,— Kummer⸗-⸗Beſcheerer,— Ruhm⸗Zerſtörer,— Leiden⸗Vermehrer,— Freu⸗ den⸗Beſtreiter,— Mißgeſchicks⸗-Verbreiter,— Glück⸗Verhüter,— Unglücks⸗Gebieter!“—
Und er ſprach zu ihnen: auch folgende zwei Verſe kann man, gleich dem Briefe, rückwärts leſen, — ſo daß ſie zeigen ein widerſpenſtig Weſen.— Und er hob ſein Gleichniß an und ſprach:
Hoheit, nicht Keckheit beſitzeſt Du,— biſt tugendſtark, nicht ſchwach!
Rohheit iſt fremd Dir, nicht eigen,— Dein iſt Ruhm, nicht Schmach!—
Und er bemerkte wieder:— wer dieſe Lieder — leſen will verkehrt,— der wird geſteh'n, daß Gottes Zorn in ihnen ſich bewährt: Schwach, nicht tugendſtark biſt Du, beſitzeſt Keckheit, nicht Hoheit! Schmach, nicht Ruhm, iſt Dein eigen, nicht Dir fremd iſt Rohheit!—
Darauf ſchwieg er beinahe eine Stund',—
dann öffnete er ſeinen Mund— und rief: bei Dem, Der in der Höhe wohnt— und im Ver⸗ borg'nen thront,— Deß Blick durchdringt die
Schranken— der Gedanken,— ſchwör' ich's! daß dieſes Briefgedicht— den Hochmuth aller Dichter
bricht,— daß es erreicht wird nicht— von den Sängern in Oſten und Weſten,— weder von
Arab's, noch von Eber's Muſen⸗Söhnen, den beſten!— Denn ſolche Stickerei iſt Niemand noch gelungen,— ſolche Dichtungsart iſt keinem Ohre noch erklungen;— vor diefer Dichtung Fluthen muß Arab's Dichter⸗-Strom ſich neigen,— da ſie die höchſten Berge überſteigen.— Ja, wer ſich befliſſen— im arabiſchen und hebräiſchen Wiſſen, — der wird verſteh'n zu koſten meiner Dichtung ſüßen Biſſen,— der wird zu unterſcheiden wiſſen.—
Der Erzähler fuhr fort:
Wir hörten zu, und unſer Muth begann zu wanken,— irre und wirre wurden unſere Gedan⸗ ken,— Alles ſtand wie gebannt in Schranken— vor ſeinen ſtolzen Mienen,— wir erſchienen uns wie Heuſchrecken, und ſo ſind wir auch ihm er— ſchienen.— Nur nach ſeinem Namen fragten wir den Alten— und wo er pfleg' ſich aufzuhalten,— wir ſprachen zu ihm:„wir möchten kennen gern— dieſes ſelt'nen Schatzes Herrn,— möchten wiſſen, von welchem Stern— dieſes Lichtes heller Kern, — und dieſe Weisheit, aus welcher Fern'’?“—
Lächelnd hörte er uns an— und begann ſodann:—
Ich bin ein Dichter, der ſein Wort verwendet
Für blödes Aug' iſt mein Gedicht ein Licht,
Das nur für meine Haſſer dunkel endet.
Mir ſind die Muſen freundlich zugethan,
Obgleich von allen andern abgewendet.
Wer zu erklimmen meine Höh' ſich müht,
Dem rufe zu:„wie ſehr biſt Du verblendet!—
Du wirſt Dich plagen, nicht erjagen, drum
Hüt, Dich, daß Deine Seel' nicht werd' gepfändet! Willſt Deine Ehre ſetzen Du auf's Spiel?— Verſchulden, daß Dein Name werd' geſchändet?“—
Als dieſes Lied wir hörten, haben wir er⸗ kannt,— daß der Alte Cheber ha⸗Keni iſt benannt;— ich warf mich an ſeine Bruſt,— umarmte ihn voll Luſt— und weilte läng're Zeit — an ſeiner Seit’,— um meine Tage zu verle⸗ ben in Heiterkeit.— Endlich ließ der Trennung Rabe hören zwiſchen uns ſein Krächzen,— und ich ſchied von ihm mit Seufzen und mit Aechzen. — So mußte Juda weiter ziehen,— unter Pla⸗
gen, unter Mühen!— doch nahm ich mit mir die Erinnerung an ihn,— die mir als würz'ge
Reiſekoſt erſchien.—
In der Schmiede.
Zu der Bilder⸗Beilage dieſes Heftes.
. Ghlenn⸗Annchen ſitzt beim Schmied, dem alten,
☛ Der raſtend gern ſein Fläſchchen preiſt.
80„Willſt, Kleine,“ lacht er,„mit mir halten? 's iſt ein beſonders ſtarker Geiſt.“
Die Kleine dankt verſchämt dem Meiſter, Und altklug fügt ſie noch hinzu:
„Es gibt gar bitterböſe Geiſter;
Laßt mit dem ſchlimmſten mich in Ruh'.“
Der Alte ſchmunzelt:„Kind bedenke, Dein Unverſtand beleidigt mich;
Es iſt der Geiſt hier im Getränke Ein Meiſter Schmiedd ſo gut wie ich.
Denn merke: bei dem erſten Gläschen Fängt er die Gluth zu ſchüren an,
Daß man den Dampf gleich in dem Näschen Mit Wohlbehagen ſpüren kann.
Beim zweiten ſteigert er die Wärme, Und bringt das Eiſen recht in Gluth; D'rauf hämmert er mit wildem Lärme Beim dritten ſchon in unſ'rem Blut.
Im Kopf, als ſeiner Arbeitsſtätte, Da hauſt zumeiſt der flinke Schmied; Er füget dort an eine Kette
Bei jedem Glas ein neues Glied.
Die Kette kann man zwar nicht greifen, Doch hängt ſie ſchwer herab vom Kopf; Man muß ſie oft am Boden ſchleifen Als einen laugen Eiſenzopf.
Die Kette bringt den ſtärkſten Zecher Am Ende aus dem Gleichgewicht. Das alles thut der Schmied im Becher,—
Zu Lob, das er Gemeinde⸗Häuptern ſpendet. Aus meinem Munde quillt ein Segensſtrom, Der aber meinem Feind in Fluch ſich wende
Doch mir, dem Zunftgenoſſen, nicht.“
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