Heft 
(1859) 7 05
Seite
210
Einzelbild herunterladen

210 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

keit ſeinerWenn und Aber ihm darzuthun und brachte es endlich durch zehn Haupt⸗ und nicht weniger Nebengründe dahin, daß ſichder Kieſel⸗ kopf entſchloß, den Redoutenſaal in der Maske eines Pierrot nächſtens zu betreten.

Der erwartete Abend kommt.

In einem weißen, mit fauſtgroßen ausgeſtopf⸗ ten Knöpfen gezierten Hanswurſtkleide, als Al⸗ bino der Harlekins, ſchreitet Ehrennuzi, eine ungeheure höckerige Wachsnaſe wie ein Fühlhorn vor ſich ſtreckend(die Larve hatte er, als beängſti⸗ gend, abgelehnt), mit uns über die breite Treppe, in die bisher unnahbaren Regionen des Tanzſaa⸗ les auf.

Jetzt mußt Du aber auch die leichtfertige Geberde, Deiner Charaktermaske angemeſſen, zeigen, das zudringlich dreiſte, queckſilberne Weſen eines Pierrot annehmen, mußt Jedermann necken und mit Deiner Pritſche hübſch unter der Naſe ſpielen! belehrte Grüner der Schalk ſeinGimpelchen in der Schlinge.Wenn Du Deine ſchwerfällige Grandezza beibehältſt, ſo biſt Du aus Deiner Rolle gefallen und wirſt ſelbſt die Zielſcheibe Deiner ſcheckigen Brüder.

Als wir eben über die Schwelle in die feen⸗ haft erleuchteten Räume des Redoutenſaales zu tre ten uns anſchicken, nadelt der loſe Grüner, den paſſenden Augenblick benutzend, ihm ein Papierblatt von auffallender Größe auf den Rücken. Nuzi, den tiefgehenden Stich fühlend, wendet ſich und ſagt etwas verdrießlich:Was ſtichſt Du mich?

Iſt mir nicht eingefallen! leugnete der Schelm,ich habe Dir blos eine Falte ausgeglät⸗ tet. Jetzt aber Schnecke werde zur Schlange! Was ſeufzeſt Du? Der Menſch kann Alles, was er will, wenn er nur will, was er kann.

Und ſiehe! die fußbreite Steinſchwelle iſt Scheidelinie einer ſeltſamen und unerhörten Meta⸗ morphoſe eines Wunders geworden!

Ja, das ſind die Bewegungen des raſchge⸗ ſchmeidigen Reptils! ſo rinnt das Queckſilber unter den fangenden Fingern fort! Iſt's doch, als wäre er an mehren Stellen zugleich ſichtbar. Welche Energieentfaltung! Alles ſtäubt vor den Schlägen ſeiner Pritſche auseinander und er gewinnt drei Schritte um ſich freien Raum. Das Hochgefühl des Sieges ſchwellt ſeine nach Luft ringende Bruſt.

Da ſchallt es plötzlich von ſeiner Kehrſeite: Doktor Pafnuzius, Herr von Wurſtbekg und Schinkenheim, Ritter des Salamuziordens, vieler freſſologiſchen Geſellſchaften wirkliches Mitglied!

Pſt! droht der Gerufene, vermeinend, ich und Grüner wären die Höhnenden, verweiſend nach rückwärts.

Seine Kehrſeite wird Andern ſichtbar und der Ruf wiederholt ſich vielſtimmiger und erſtickt nur zeitweilig in einem homeriſchen Gelächter. Ein mit gemalten Kränzen von Schnitt⸗ und Knoblauch, Salat und Krauthäuptern, dann Peterſilienſtengeln

umflochtenes Wappen, worin der Erzpater der Plunzen im Kreis einer artigen Menge aller Wurſtgattungen im biergelben Feld ſich abzeichnet, iſt nebſt der Signaliſirung in Aller Auge gefallen.

Das Orcheſter hat eben ſeine rufenden, beflü⸗ gelnden Schallwellen auszuſenden begonnen. Nie⸗ mand tritt an; die vom erſchütterten Zwerchfell ausgehenden Töne übertäuben die des Metalles Terpſichore iſt von Comus vollſtändig aus dem Felde geſchlagen.

Jetzt fängt ein Harlekin an, zu dem Chaos dieſer Töne auf dem Rücken des Verblüfften, dem die Schelle anhängt, den Takt zu ſchlagen; loſe Masken reißen ihm die Polſterknöpfe ab. Des An⸗ gegriffnen Beſtürzung äußert ſich erſt in zweifel⸗ haften Bewegungen, er öffnet die Lippen die Stimme erſtickt in einem unartikulirten Knurren dann ſteht er horchend ſtill. Ein tüchtiger Naſen⸗ ſtüber galvaniſirt ihn aufs neue, er fängt an, wie ein von der Schnur gelaſſener Kreiſel ſich völlig geiſtesbar um ſeine eigene Achſe auf den Fußſpitzen umzudrehen.

Ich ſah ein holdes Weſen neben mir lachen, dem ein vorbrechender Thränenquell das zarte Roth von der Wange ſpülte.

Die Muſik iſt verſtummt ſie hat in die⸗ ſem Augenblick weder Zweck noch Wirkung.

Endlich erbarmt ſich ein gutmüthiger Junge des Gehetzten und nimmt ihm die Firma ab. Und ſiehe! da ſteht er das leibhafte Ebenbild des Stroh⸗ mannes im Feld, um den luſtige Vöglein flattern. Seine Hand hält das verhängnißvolle Wappen, ſein Auge haftet gebannt an den lockenden Inſi⸗ gnien desſelben ſeine Zähne zum erſtenmal in ſeinem Leben bei ſolchem Anblick! wäſſern ihm nicht. Man ſieht, wie ſein Genius ringt, die Fä⸗ den der auseinandergeriſſenen Gedanken wieder ſam⸗ melnd anzuknüpfen. Endlich iſt die Erſtarrung über⸗ wunden, er ſammelte die abgeriſſenen Knöpfe vom Boden, betupft zählend die leergewordenen Stellen ſeiner Bruſt, dann addirt er die gefundenen Ballen und füllt die Taſchen ſeiner Schöße damit. Er zieht ſie wieder hervor und zählt abermals könnte er ſich doch beim erſtenmale verrechnet haben. Was würde der Garderobier ſagen, wenn eintheures Haupt ihm fehlte? wenn falſches Ehrgefühl über ſeine Ordnungsliebe geſiegt und er ſich als Kahl⸗

gerupfter hinausgedrückt hätte? Endlich iſt er ſeiner

Sache gewiß und nun erhaben über Schickſals⸗ und Menſchentücken, nimmt er die Wachsnaſe ab, zieht dann ſein ehrwürdiges Rad aus der Hoſen⸗ taſche, der Zeigefinger ſchlägt wie im Triumphe ſchallend den Deckel, es klappt, und nie haben breitere Finger mit bedächtigerem, würdevollerem Anſtand dem Geſichtsvorſprung ſein Labſal zugeführt.

Hierauf ſeine Naſe wieder auſſetzend, ſchreitet er mit der Gravität eines Senators, der die Tri⸗ bune verlaſſen, durch die Menge, die keines Blickes gewürdigt wird, hinaus. Wie er über die verhäng⸗