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Ferd. Tauffer:
Vater Pafnuzi. 211
nißvolle Schwelle getreten, fällt ſchmetternder Fan⸗ farenjubel ein, der Tanz rangirt ſich—
Sie rauſchen auf, ſie rauſchen nieder— Den Jüngling ſieht Keiner wieder....
2.
„Ich bin doch begirrice ſprach ich Tags darauf als ich mit Grüner die gelungene Faſtnachtſchnurre, die bereits Stadtgeſpräch war, belachte,„was Vater Nuzi auf dieß für einen Trumpf bringen wird. Je ſchweigſamer er iſt, deſto ſicherer führt er etwas im Schilde oder grübelt, mit einem Plänchen in's Reine zu kommen. Sieh Dich vor! dießmal dürf⸗ deſt d u— der Streich war zu empfindlich— wenn Du in ſeine Falle gehſt, ordentlich Haare laſſen.“
Eine Woche war ohne Ereigniß vorübergegan⸗ gen, da ſtand wieder:„Große Redoute am**— an allen Straßenecken zu leſen.
Ich begegnete auf der Gaſſe dem eilfertig da⸗ herkommenden Grüner und hielt ihn an.
„Wohin?“ frug ich.
„In’'s Poſthaus!“ war die Antwort;„ich habe Emmelinen geſtern ſchriftlich auf die heutige Re⸗ doute geladen und ſie erſucht mir umgehend zu be⸗ richten, welche Maske ſie im Erſcheinungsfall wählen werde und an welche Erkennungszeichen ich mich zu halten habe. Ich gehe, mir jetzt die eben ange⸗ kommene, erſehnte Antwort zu holen.“
Emmeline war eine hübſche, diſtinguirte Erzieherin, derzeit in X... zwei Meilen von der Stadt, auf dem Gute des Grafen N.... ſich auf⸗ haltend unr Grüners riceen„Flamme“.
Ein roſiges Briefchen ward in Empfang ge⸗ nommen, geküßt und dann haſtig erbrochen— es enthielt nichts weiter, als in feinen, zierlichen Schrift⸗ zügen die Worte:„Domino blau— rothſeidenes Sternchen auf der linken Ehu ter, Quäſtchen von gleicher Farbe. Adieu! Ewig Deine Emmeline.“
Bald hatte Abends das ſpähende Auge mei⸗ nes Freundes das Zeichen, nach dem der Zug ſeiner Seele ging, wie das Auge des Seemann's nach dem Angelſtern, im Gewühle der Verlarvten auf⸗ gefunden, bald hing ſie dem Ueberſeligen am Arm. Die ſchönen Wellenlinien ihres ſchlanken und doch üppigen Leibes waren, wie ſie vorausgemeldet, von den neidiſchen Falten eines weiten blauen Dominos den Blicken vollſtändig entrückt, nur das rothe Trod⸗ delchen wiegte ſich graziös an den kennbar ſich ab⸗ zeichnenden reizenden Konturen der einen Schul ler Grüner brWüſtete ſich als altkaſtiliſcher Don. Der kurze ſteife Mantel fiel maleriſch über ſeinen Rücken und eine ſchneeweiße Halskrauſe ward von einer, an der Hutagraffe hangenden ſchwarzen Straußfeder in ſchwungvollem Bogen überdacht.
Die Inſtrumente ſenden wieder ihre elektriſi⸗ renden Schallwellen aus— Damenwahl! Mit welcher Anmuth Emmeline ilren Arm um den glücklichen Freund legt, wie ſie ihn anblickt, bezau⸗
bernd, ſelbſt durch die Larvenhülle— unwiderſteh⸗ lich, unbeſchreibl ich! Herz und Pulſe müſſen ihm im heftigeren Takte hämmern, a als die Muſik. Jetzt gleiten ſie fort— ſylphidenhaft!— im nächſten Augenblick hat der Wirbel des Reigens ſie meinem Blick entzogen.
Grüner war alle Stunden vor Mitternacht in roſigſter Stimmung, doch mir ganz unangenglic Ich ſah, an eine Säule der Galerie gelehnt, auf das bunte veränderliche Schauſpiel, da— vorüber⸗ huſchend wie ein Schatten aus Eliſium, flüſterte er mir einmal flüchtig zu:„Götterwonne! Meine Emmeline war nie ſo hingebend, wie heut'!“—
Kurz vor der Raſtſtunde entriß ſich die Ge⸗ nannte mit einer graziöſen Wendung plötzlich ſeinem Arm, ſchlug ihn neckend mit dem Fächer und ſprach mit affektirtem Schmollen:„Zur Strafe, weil Du mit der jönen Tirolerin dort immer Liebesblicke gewechſelt, verlaſſe ich Dich jetzt.“
„Em meliner rief der betroffene Grüner, indem er nach der, wie vom Wind Erfaßten, ge⸗ dankenſchnell Liu's Gedränge Entſchlüpfenden die Arme ſtreckt— ſie war verſchwunden.
In ziemlich ärgerlicher Stimmung über dieß plötzliche, unbegreifliche Benehmen ſeiner Huldin, dieſe„unzeitige Neckerei und Laune“, wie er ſich ausdrückte, betrat Grüner nach fruchtloſem Su⸗ chen, dem allgemeinen Menſchenſtrome folgend, den Eßſaal Arm in Arm mit mir.
„Dort ſitzt die Loſe— noch verlarvt 1“ ſagte ich, auf den nächſten Tiſch deutend.
„Spottvöglein!“ flötete Grüner, haſtig nach der bezeichneten Stelle ſchießend und das kennzeich⸗ nende Quäſtchen ängſtlich und krampfhaft, als könne es ihm zum zweitenmale entſchlüpfen, feſtfaſſend, „jetzt ſind Deine loſen Fittige in die Fänge eines Habichts gekommen, ich werde Dich fortan—“
Ein verſchobenes Meſſer klirrte an einem Glaſe — die Begrüßung war zu ſtürmiſch geweſen, es fehlte wenig, daß es zerſprang. Im nämlichen Au⸗ Waubi riß auch ein derber Griff an ſeine Schulter den Faden ſeiner zärtlichen Vorwürfe, die nun fol⸗ gen ſollten, ab und brachte eine unwillkommene Diſſonanz in die wiedergekehrte Harmonie ſeiner Gefühle.
Er wendete ſich barſch mit den Worten:„Was ſoll's?“
Ein bekannter Lohnkutſcher, der eben erſt ſchwe⸗ ren Trittes über die Treppe emporgekommen, ſtand vor ihm und mit den Worten:„Das hat mir ein Fremder für Sie übergeben!“ ſchob er ihm einen Brief in die Hand.
Grüner trat zur Gasflamme und las vom enthülsten Billet:(ich ſchaute über ſeine Schulter) „Begeben Sie ſich nderzüglic zur St. Mauriz⸗ ſäule!(im Luſtwäl bdche en außerhalb der Stadt) ich habe Ihnen dort eine euwecung von höchſter Wich⸗ tigkeit zu machen. Keine Minute Verzug! Ich be⸗
ſchwöre Sie bei Allem, was Ihnen theuer iſt. 27*


