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208 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Seine Geſtalt war kurz und unterſetzt, ein artiges Bäuchlein benahm ihm trotz ſeiner Jugend beinahe die Ausſicht auf's Knie, ein ſtereotypes Lächeln des wonnigſten Wohlbehagens ſpielte um ſein ehrliches, glänzendes, noch bartloſes Doppel⸗ kinn. Seine kleinen grauen Aeuglein blinzelten ſchalkhaft aus wulſtigen Lidern, das etwas ſteife ſtrohgelbe Haar trug er, ganz wider alle Studen⸗ ſitte,„à la Stoppel“ geſchoren und darüber thronte wie entwachſen dem„hiſtoriſchen Kopf“ das Pracht⸗ gebäude eines ſchmalkrempigen, nach obenhin ſich topfartig erweiternden Cylinders. Ein blauer, mit glänzenden Meſſingknöpfen gezierter Frack, nach einer Mode des vorigen Jahrhundertes von des Dorſſchneiders Künſtlerhand ausgefertigt, ſchlug mit ſeinen ſcheerenartig auseinandergehenden Schößen ihm beide Knöchel. Jede ſeiner Bewegungen war gemeſſenen, beinahe ſpießbürgerlichen Anſtandes, ſeine ganze Haltung hatte ſchon jetzt einen eigen⸗ thümlichen Anſtrich der Väterlichkeit! Darum wurde er von den flotten Brand⸗ und Kohlfüchſen verächtlich:„Philiſter“— von ſeinen Freunden und Bewunderern aber zärtlich„Vater Pafnuzi“ oder kurz„Nuzi“ genamſet.
Eine Eigenthümlichkeit kommt hier noch beſon⸗ ders zu erwähnen. Sein rechter Zeigefinger pflegte nach jedem wichtigen Worte oder Ereigniſſe auf eine radförmige Doſe von Schildkrot, das ehrwür⸗ dige Erbſtück ſeines Großvaters, zu tupfen; darauf klappte der Deckel und während ein ſchlaues Zwin⸗ kerfältlein am Auge ſichtbar ward, reichte er ſie dem Nächſten mit fettem Ausdruck der Stimme ſprechend:„Na, eine Priſe!“—
Aber das merkwürdigſte, ſeinen Ruf begrün⸗ dende Charakteriſtikon wurde indeß die durch fort⸗ währende Uebung bis in's Mirakulöſe geſteigerte Dehnbarkeit und Elaſtizität ſeines Magens ange⸗ ſtaunt und ein Verdauungsvermögen, das im vol⸗ len Wortſinne das eines Straußes war. Nament⸗ lich hatte er es im Vertilgen von Würſten zu unerhörter Virtuoſität gebracht.
Von ihm ging die Sage, daß er einmal beim Anblick eines Telegrafendrahtes in tiefes Nachden⸗ ken verſunken ſei. Seine Begleiter meinten, er re⸗ flektire über die Großartigkeit dieſer Erfindung, dieſen Triumph der Wiſſenſchaft, welche die Natur⸗ kraft nach ihrem Geſetze menſchlichen Zwecken unter⸗ ordnet und die Begriffe von Zeit und Raum auf⸗ hebt oder überfliegt. Man frug ihn, über was er ſinne?„Seht,“ entgegnete er mit den Augen blin⸗ zelnd,„nach X... iſt's eine Meile(ſie waren Alle im Begriff, dorthin einen Ausflug zu machen),
wenn das“— er deutete nach dem geſpannten Draht—„etwas niedriger hinge und eine Knack
wurſt wäre— wie gemächlich äße man ſich hin!“
Er war es, den wir in der„Kneipe“ feier⸗ lich beim Schall der geblaſenen Blechtrichter und gepaukter hohler Fäſſer zum Doctort Pafnuzius Gastronomiae promovirt, dem man die hölzerne
Butterbüchſe als Siegelhalter an's Diplom gebun⸗ den, die Preßwurſthaut aber als Ordensband an die Knöpfe ſeines ſtattlichen Frackes. Und ſiehe! er ſchritt Baccalauren, Kandidaten und Licentiaten zu weidlicher Erbauung alſo dekorirt des andern Tages in's Kollegium.
Doch meine man nicht, daß er nur der Kul⸗ tur ſeines Magens obgelegen und die nach Cicero „die Jugend nährenden Studien“ vernach⸗ läſſigt habe! Er war in vielen Zweigen und Fä⸗ chern derſelben zu Haus. Ich hörte ihn vor einem leeren Glaſe Kant's Ariom vom Nichtdaſein des leeren Raumes mit außerordentlichem Scharf⸗ ſinn widerlegen. Beim Anblick eines winzigen Knö⸗ chelchens, das ihm ein Kellner als Spanferkel vor⸗ geſetzt, hielt er Vorleſungen über Optik und ihre in Betreff räumlicher Größen ſo wohlthätigen Sin⸗ nestäuſchungen. Beim Verſchwinden ganzer Berge heimatlicher Backklöſe quollen ihm die tiefſinnigſten Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles Irdi⸗ ſchen von den Lippen. Mit bärtigen Söhnen Iſraels erprobte er um alte Stiefel und dergleichen, tief in's Leben greifende, den Fortſchritt unſeres Jahr⸗ hunderts bedingende Stoffe ſein ſpekulatives Inge⸗ nium. Am glänzendſten aber äußerte ſich ſein Ge⸗ nius dort, wo er in geiſtreich ſalbungsvollen De⸗ duktionen und Folgerungen darthat, wie die harmo⸗ niſche Ordnung unſeres Planeten als Organismus, nur durch zirkulirenden Uebergang und Umgeſtaltung der Dinge und Weſen, von Magen zu Magen beſtehend erhalten werde. Nach Dieſem erſchien ihm die höhere Stellung des Menſchen im Weſenreiche in der Fähigkeit, ſich das Meiſte und Mannigfachſte aus den übrigen Naturreichen mundgerecht zu prä⸗ pariren und beizubiegen begründet.
Einmal, da er von einer Ferienreiſe nicht u 5„..— 1N 9 heimkam, ſtrömte ich meine Sehnſucht nach dem „Vater“ in nachſtehender Pafnuzias mit homeriſchen Rhythmen aus:
Wo nur weileſt Du itzt, mein Nuzi, trauter Odyſſeus, Mächtiger Zwinger der Wurſt, ruhmvoller Klöſever⸗ nichter? Fern dem Itaca Düngersdorfs, dem ſcholligen Eiland, ESprich, wo weileſt Du nun?— verzehrt unnennbare Sehnſucht, Alſo hinausgeſpült in die ſtürmiſche Woge des Lebens, (Dich nach der Heimat nicht, der beglückenden? Hier ja träufelt Dir nektariſche Milch und ambroſiſcher Hummelhonig, Hier ja gackert das Huhn Dir im Korb und der röth⸗ lich bekämmte Düngerbeherrſcher ſorgt, auf daß nicht ſchwinde der Küchlein Pfannenzierende Brut; hier ſtrebt die gemüthliche Mutter Fettgans, ehrbaren Schritts, beſonnen aber entſchieden Fort in das Wellenhaus der ſchöngeſchenkelten Sänger.*) Hier auch gurrt Dein Braten im Schlag, ungeräucher⸗ ter Schinken Dehnet am Troge ſich, dem plätſchernden, ſüßen Behagens Voll und der Apfel ſchrumpft, der erquickende, unver⸗ dauet.
*) Fröſche.


