206 den in wenigen Stunden aus tropiſcher Hitze in ſibiriſchen Froſt übergehen.
Alle Weltkörper haben eine runde Geſtalt wie unſere Erde, ſind aber gleich dieſer nicht kugelrund, ſondern in Folge ihres Umſchwunges an den Polen abgeplattet, werden nach der Mitte zu ſtärker und haben am Aequator den größten Umfang und Durchmeſſer.
Fragen wir nun nach der Urſache, nach der gewaltigen Kraft, welche die Bewegung all' dieſer Weltkörper bewirkt und ihnen ihre Bahnen ange⸗ wieſen hat, ſo erkennen wir ſie in dem den Welt⸗ körpern inne wohnenden Streben, ſich ſeitwärts von anderen Körpern zu entfernen und in dem Vermögen, alle Gegenſtände außerhalb nach ihrem Mittelpunke anzuziehen. Die erſte Kraft wird die Schleuder⸗, Wurf⸗ oder Fliehkraft(Centrifugalkraft) genannt, die zweite die Anziehung oder Attraktion(Centri⸗ petalkraft).
Dieſe Kräfte wohnen allen Weltkörpern inne und durch ihre gegenſeitige Einwirkung ſind ſie ge— zwungen ihre Bahnen in beſtändiger Regelmäßig⸗ keit zu durchlaufen, denn dieſe Kräfte bleiben ſich ſtets gleich oder verändern ſich nur unbedeutend. Hiedurch halten ſich all' die Tauſende von Sternen gegenſeitig das Gleichgewicht und es iſt unmöglich, daß ſie zuſammenſtoßen.
Je größer ein Weltkörper iſt, um ſo größer iſt die ihm inne wohnende Kraft und um ſo größer die Einwirkung, welche er auf geringere Körper aus⸗ übt. Dieſe ſind deßhalb gleichſam von den grö⸗ ßeren zu Sklaven gemacht, welche ihren Bahnen folgen müſſen. So zwingt die größere Erde den kleineren Mond vermöge ihrer größeren Einwirkung, um ſie zu kreiſen, und die Erde wird wiederum durch die größere Sonne genöthigt, ihren Umlauf um dieſelbe zu vollbringen wie alle Planeten. Und ſelbſt die Sonne hat eine Bahn zu durchlaufen, deren Mittelpunkt dem menſchlichen Geiſte bis jetzt noch nicht deutlich bekannt iſt. Allen Annahmen nach hat ſie ihre Bahn um eine große allgemeine Cen⸗ tralſonne zu durchlaufen, welche alle Firſterne zu gehen haben.
Und wer gibt uns die Gewißheit, daß dieſe Centralſonne das letzte Glied in der unendlichen Kette ſei! Sie bildet für die Erkenntniß des menſch— lichen Geiſtes den Grenzſtein— aber gibt es in dem unendlichen Weltall auch eine Grenze! Der
Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Menſch glaubt wohl, wenn er die Sterne am Him-
melszelte überſchaut, daß ſ telpunkte derſe wähnt— wer weiß, wie unendlich viele Billionen Meilen wir von dem Mittelpunkte entfernt ſind. Wie bereits erwähnt, wohnt einem jeden Weltkörper eine Anziehungskraft inne, welche ſtets nach dem Mittelpunkte desſelben hinſtrebt und je nach der Größe derſelben eine verſchiedene iſt. So iſt die Anziehungskraft der Sonne eine neunund— zwanzig Mal größere als die unſerer Erde, während
eine kleine Erde im Mit
lben liege— der Menſch glaubt, er
die des Mondes nur ein Sechſtel ſo groß iſt als die der Erde.
Zu den intereſſanteſten Reſultaten hat die ge⸗ naue Unterſuchung der Anziehungskraft unſerer Erde geführt, denn von ihnen aus können wir auch auf die Stärke der Anziehungskraft anderer Weltkörper ſchließen und ſie berechnen.
Nicht blos den Weltkörpern als ſolchen wohnt eine ihnen eigene Anziehungskraft inne, ſondern ſelbſt ſchon größeren Theilen derſelben, welche bei manchen genauen Unterſuchungen und Berechnungen von außerordentlicher Wichtigkeit ſind. So hat ſchon jeder Berg der Erde, der ſich über 300 Fuß über den Meeresſpiegel erhebt, eine eigene Anziehungskraft. Beobachtet man nämlich ein in ſeiner Nähe auf— gehängtes Bléiloth, ſo wird man wahrnehmen, daß dasſelbe nicht genau die lothrechte Richtung nach dem Mittelpunkte der Erde zeigt, ſondern durch die Schwere und Anziehungskraft des Berges abge⸗ lenkt wird.
Auch Steine, welche man von hohen Thürmen fallen läßt, fallen nicht ganz ſenkrecht, ſondern ſtets um einige Linien nach Oſten zu. Dieſe Abwei⸗ chung wird indeſſen durch den Umſchwung der Erde bewirkt.
Auch die Schnelligkeit des Falles hängt allein von der Anziehungskraft der Erde ab. Die Alten glaubten, die Schnelligkeit des Falles richte ſich nach der Schwere der fallenden Körper, ſo daß 10 Pfund zehn Mal ſchneller fielen als ein Pfund. Dieß iſt falſch. Iſt die Schnelligkeit beim Fallen bei verſchiedenen Körpern verſchieden, ſo rührt dieß nur von dem Widerſtande her, den ihnen die Luft entgegenſetzt. In einem luftleeren Raume fallen alle Körper gleich ſchnell, ein Stein nicht ſchneller als eine Feder.
Die genauen und beſtimmten Geſetze, welche beim Falle obwalten, verdanken wir der Forſchung des großen Newton und ſie ſind zu intereſſant, um ſie hier nicht kurz zu erwähnen. Er hat zuerſt erkannt, daß alle Körper im luftleeren Raume gleich ſchnell fallen und hat das beſtimmte Verhältniß ihrer Schnelligkeit erforſcht. Fällt nämlich ein Stein in der erſten Sekunde 10 Fuß tief, ſo fällt er in der zweiten Sekunde 30. Fuß, in der dritten 50 Fuß, in der vierten 70 Fuß und in der fünften 90 Fuß. Daraus ergibt ſich das Geſetz, daß die Schnelligkeit des Falles ſich in jeder Sekunde im Verhältniß der ungraden Zahlen beſchleunigt.
Nimmnt man den ganzen Raum, den ein Stein durchfällt, nach der erſten Sekunde als 10 Fuß an, ſo iſt er nach der zweiten Sekunde 40 Fuß,
nach der dritten 90, nach der vierten 160 und nach
der fünſten 250 Fuß, denn die durchlaufenen Fall⸗
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räume verhalten ſich wie die Quadrate der Fallzeiten.
Auf die Geſchwindigkeit des freien Falles übt indeß der geografiſche Ort auf der Erde einen großen Einfluß aus, denn die Anziehungskraft der Erde iſt nicht auf allen Punkten ihrer Ober⸗
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