20² Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
vorſingen ließ, oder auch nur Geſchmack an der künſtlichen Volkspoeſie zeigte, die von Adeligen aus ging und ſehr gehegt wurde— wie jett die Dorf geſchichtenpoeſie— ſo hörte man gleich Klagen und die Unverſchämtheit der zudringlichen Fahrenden wurde von den höfiſchen Dichtern als unerträglich gebrandmarkt; und ſo blieb dieſen Leuten, deren Handwerk ſogar als überaus ſündig verrufen war, blos im Bauern⸗ und niederen Bürgerſtande ein dankbares Publikum.
Aber auch der Bürgerſtand ſelbſt hob ſich im mer mehr, wurde immer reicher und angeſehener, und auch er mußte nun ſeine eigene Poeſie haben, die aber ſo langweilig und gekünſtelt war, als er ſelbſt mächtig und ehrenwerth.
So ſehen wir alſo nach zwei Seiten hin eine Scheidung der Stände und damit auch ihrer An ſchauungen und Bedürfniſſe, und begreifen, wie die Kunſtpoeſie, ſelbſt in zwei Zweige getheilt, die bei aller Verſchiedenheit doch ein Aehnliches haben, das Konventionelle, der Volkspoeſie entgegenſtand und ſie ihrer Rohheit mehr und mehr anheimfallen ließ, ja dieſelbe durch die fahrenden Sänger, die auch Produkte der Kunſtpoeſie vortrugen, ſelbſt theilweiſe verdrängte.
Beide Zweige aber verblühten allmälig, beide hatten hundertfach in immer ſchlechterer Form ge ſagt was ſie ſagen konnten: und wieder ſollte, zum zweitenmale, die Möglichkeit eines wahrhaft blü henden Volksgeſanges und bald auch dieſer ſelbſt eintreten.
Denn ſowohl beim Ritter⸗ als beim Bürger ſtande war das den Stand Charakteriſirende allmä lig ein Formalismus von Aeußerlichkeiten gewor den; inſofern dieſe noch von einigen feſtgehalten wurden, ward aus der dieſen Ständen früher eigen thümlichen Bildung Verbildung, das Aeußerliche konnte auf die Dauer das Innere des Menſchen nicht befriedigen. Die es aber kühn wegwarfen, traten ohnedieß dem Volke näher, das unterdeſſen langſam aber ſicher zu jener Höhe gekommen war, auf der das Weſen des Zeitgeiſtes vernehmlich wird, und es war alſo jene Gleichheit der innern Bedürfniſſe und der Bildung wieder hergeſtellt, die wir gleich anfangs als Bedingung des Gedeihens des Volksliedes wahrnahmen.
Gemüth und Phantaſie war nänlich bei allen vorherrſchend, die Gelehrſamkeit ein Monopol ein zelner, und durch die vielen kirchlichen und Volks feſte, ſo wie durch das patriarchaliſche Verhältniß zwiſchen Herr⸗ und Dienerſchaft vielfache Gelegen heit zu näheren Berührungen gegeben.
Sehen wir ſo deutlich die Wirkung der nie deren, lebensvollen Kreiſe auf die höheren, ſo müſ ſen wir auch nicht außer Augen laſſen, daß im Volke ſelbſt, in Folge der Wandlung, die es bereits durchgemacht hatte und noch mehr durchmachen ſollte, das Intereſſe für ſeine eigene Vergangenheit,
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die ſich nur noch abgeblaßt und verwirrt in ſeinen
Helden- und hiſtoriſchen Liedern ſpiegelte, mehr und mehr verloren gegangen war.
Die Theilnahme am Volkslied war alſo wirk⸗ lich eine allgemeine, Daß auch jetzt wieder viel Obſcönes und Gemeines mit einfloß, iſt natürlich; und ſo war ſchon durch dieſen allgemeinen, viel leicht aber noch mehr durch einen ganz beſonderen Umſtand der ernſteren, ſtrengeren Geiſtlichkeit Ver⸗ anlaſſung zu einer Reaktion geboten.
Es gab nämlich eine Klaſſe von Geiſtlichen, die unter dem Namen Vaganten oder Goliarden ſich ſchon ſeit dem 12. Jahrhundert in Deutſchland zeigten, ähnlich wie fahrende Sänger herumzogen und aus kirchlichen Hymnen und Sequenzen lächer⸗ liche Parodien verfaßten, die ſie dann mit ihren urſprünglichen Melodien geſungen haben mögen, wobei der Kontraſt des Weltlichen und Geiſtlichen ſehr komiſch wirken mußte. Um nun dieſen und ähnlichen Geſängen und dem durch ſeine Ausar⸗ tungen gefährlich ſcheinenden Volksliede überhaupt entgegenzuwirken, war man ſchon im 14. Jahrhun⸗ dert, vielleicht auch ſchon früher darauf bedacht, weltlichen Melodien geiſtliche Texte unterzulegen oder wohl auch blos die Texte umzzudichten. Die⸗ ſes Verfahren, das uns nicht als ein anſtößiges erſcheinen darf, da ja Geiſtliches und Weltliches überhaupt noch nicht ſo ſtreng geſchieden war und
da es ſich auch bei dem geſteigerten Bedürfniſſe nach Melodien für den kirchlichen Volksgeſang als der einzige Ausweg darbot, ſchuf eigentlich erſt das religiöſe Volkslied; und wenn wir auch Zuſammen⸗ ſtellungen, wie: Himmelreich, ich freue mich dein, Sommerzeit, ich freue mich dein; Ach, mein Gött, ſprich mir freundlich zu,— Ein Mägdlein ſprach mir freundlich zu; Auf meinen lieben Gott, trau ich in Angſt und Noth, Venus, du und dein Kind, ſind alle beide blind; O Gott im höch ſten Throne, Schürz Dich, Gretlein, ſchürz dich ꝛc. ꝛc. befremdlich finden, ſo erhob ſich doch aus dieſen Anfängen ſpäter ein Flor von ſelbſtän⸗ digen oder den Pſalmen nachgebildeten Geſängen, die die tiefe, heilige Begeiſterung, aus denen ſie entſprangen, auch jetzt noch Jedem wohl mitzuthei⸗ len im Stande ſind.
Trotz alledem aber erreichte das Volkslied eine immer größere Bedeutung, bis es von der Mitte des 15. Jahrhundertes an ſeinen eigentli⸗ chen Hochpunkt erklommen hatte. Und wie der Minne⸗ und Meiſtergeſang vorzüglich in den Rhein⸗ und Donaulanden geblüht hatte, ſo ſehen wir auch jetzt wieder die ganze Länge des Rheins herab, in der Schweiz, in Schwaben und Franken, in Baiern, Tirol und Oeſterreich das Volkslied beinahe aus⸗ ſchließlich gepflegt. Dagegen wurden in's Nieder⸗ deutſche wohl ſehr viele Volkslieder überſetzt, aber
nur wenig Originelles in dieſer Sprache geſchaffen.
Während aber die rheiniſchen und ſchwäbiſchen Lieder, ſowohl dem Texte als der Melodie nach, einen allgemeinen Charakter an ſich tragen, verſe⸗


