L. Korber: Das deutſche weltliche Volkslied. 201
—— beleeee ſchärft; letztere ſollten keine Liebeslieder ſchreiben müſſen ſcheiden; weiß Gott, wann ſie ſich wieder oder Jemanden ſenden; bald aber wurden auch die ſehen! Mit dem geliebten Manne flieht auch alle
Laien von dieſem Verbote getroffen, wenn auch Freude dahin.
en des nicht in ſo ſtrenger Weiſe. Fröhliche, leichtfertige, Dieſes und Aehnliches iſt der Inhalt dieſer unnig⸗ poſſenhafte Lieder, ſo lange ſie im Freien, in Häu⸗ Lieder, die auch im Aeußern, in Reim und Vers en Ge⸗ ſern oder auf den Gaſſen geſungen wurden, wären ihre Verwandtſchaft mit dem Volksliede nicht ver⸗ ſo auch wohl noch hingegangen; wenn man ſie aber in der leugnen; die Verſe ſind meiſt ähnlich der uralten Poeſte. Nähe von Kirchen oder gar in der Kirche ſelbſt, epiſchen Langzeile, wie ſie ſich im Laufe der Zeiten dungs⸗ ja ſogar unter Schmaus und Spiel und in aller⸗ veränderte und verkürzte, die Reime kaum ſo zu trennt, lei Vermummungen, woran dann noch endlich ſelbſt nennen, da gewöhnlich nur die Vokale dieſelben gleiche gar Frauensperſonen Theil nahmen, abſang, dann ſind und die Versausgänge alſo wohl ähnlich, aber 8 Vol⸗ war dieß allerdings ein Gräuel. Es waren dieß nicht gleich klingen, wo demnach jär und han, ſonders offenbar Ueberbleibſel des Heidenthums; ſo ging wünne und künne ohne Anſtand reimen. Auch nt dic⸗ es bei den Opferverſammlungen, Spielen und Fe⸗ ſind die Lieder meiſt kurz, oft nur einzelne Strofen. llle als ſten der Heiden zu— gegen dieſes unzüchtige Wir ſehen alſo anfangs keinen eigentlichen e dnd Weſen mußte— das verſteht ſich— eingeſchritten Gegenſatz in der Minne⸗ und Volkspoeſie; wohl
werden. Daß die trockenen Reimereien der Geiſtli⸗ aber ſinden wir perſönliche Berührungen zwiſchen chen dem Volke ſeine lebendigen, alten Geſänge Kunſtmäßigen und Volksdichtern, und erſt in der nicht zu erſetzen vermochten, ja daß aller Eifer der⸗ Zeit der Blüthe der höfiſchen Poeſie ſcheidet ſie ſich ſelben ſogar wirklichen Unfug nicht abſtellen konnte, ſtrenger von allem Volksmäßigen. Konventionelle iſt freilich natürlich. Vorſtellungen und Neigungen und eine große Vor⸗ Verboten wurden die Spottlieder, die auf Per⸗ liebe für Fremdes, Phantaſtiſches, Geſuchtes, auch ſonen und Vorfälle des Tages bezüglich, Schimpf⸗ in der Form, wird immer mehr der Charakter der
liches erzählten; ſchwankartige Erzählungen hinge⸗ höfiſchen Dichtung. gen, deren es genug gab, wurden ohne Anſtand Wir müſſen dieſe, ſo weit ſie Minnepoeſie iſt, geſungen. nun darum näher betrachten, weil ſie dieſelben Gat⸗ Unterdeſſen aber ging die Scheidung der tungen bietet, die wir ſpäter, wie geſagt, beim Stände ihren ruhigen Gang fort. Sang das Volk Voltsliede finden. Und ſo begegnet uns außer den ſeine Lieder, hegte es ſeine Sagen und Mähren, ſchon erwähnten Klagen über die Merker und Auf⸗ ja bildeten ſich durch Volksdichter die erſten An⸗ paſſer und dem Tageliede, die weitere Entwicklung ſcher Geſänge— ſo hatten die des letztern, das Wächterlied; es bewacht nämlich
ſätze größerer epiſ 8 3 Edlen nicht minder ihre eigenthümliche Poeſie, die Einer die heimliche Zuſammenkunft der Liebenden
ſich indeß, ſo weit ſie deutſch war— denn auch und warnt ſie vor der Gefahr der Ueberraſchung. lateiniſche Dichtung wurde, namentlich an den Hö⸗ Oder es ſind Botenlieder, indem der Bote vor der 6 fen, gepflogen— nur allmälig vom Volkstone und Frau ſingt und in ihr Neigung für ſeinen Herrn der ganzen Form des Volksliedes entfernte. zu entflammen ſucht; oder die Lieder erſcheinen
Volksmäßige, ſeelenvolle Tiefe iſt der Charak⸗ ſelbſt als Boten und melden den Gruß aus der ter dieſer naiv⸗ſinulichen Lieder, von denen die älte: Ferne. So weit geht es noch immer; auch die blo⸗ ſten, die noch vor der Mitte des 12. Jahrhunderts ßen Bitten um Liebeserwiederung oder die Aus⸗ in Oeſterreich entſtanden, ſchon jene Gattungen vor⸗ brüche des Schmerzes oder der Freude ſind oft wahr gebildet zeigen, die wir dann im Minneliede in und natürlich; das Lob der Frauen im Allgemei⸗
Cdel⸗ reichſter Entfaltung und ſpäter im Volksliede ſelbſt nen aber, die Verherrlichung der Minne ꝛc. ſagen del be⸗ wiederfinden. Lernte ein Mädchen einen Ritter ken⸗ uns jett weniger zu und ſie finden ſich auch im en fel⸗ 4 nen und freute ſich deß: flugs kamen die Merker, Volksliede kaum wieder vor. Dafür ſind Reihen k die Aufpaſſer— verhaßtes Geſchlecht!— und ihr und Tänze, oft von ganzen Chören geſungen, ſehr
Neid und aus iſt's mit aller Freude. Oder liebten beliebt und namentlich hier die Verbindung der ſich Zwei recht innig und freute ſich die Frowe Liebesgefühle mit denen, die Frühlings⸗ und Som⸗ des erwählten Mannes— gleich neideten ihr dieß merpracht in uns erwecken, ſehr charakteriſtiſch; ſie ſchöne Frauen, obwohl ſie ja nie den Trauten findet ſich aber auch in den früher genannten Arten. einer andern begehrte. Dieſe geſammte Poeſie iſt alſo der Ausdruck
Daher muß man allerdings Rath ſuchen; kann des Weſens des damals an Bedeutung alles andere ſich der Abendſtern verbergen, warum ſollte man überwiegenden Ritterſtandes; wie er ſich ſtreng nicht Liebe verbergen können? Die Theure ſehe vom Volke ſchied, ſo war auch ſeine Poeſie nicht nur einen andern und nicht den Liebſten an, und für dasſelbe; mit Geringſchätzung blickte er auf
Ehriſten kein Menſch weiß, wie es mit den Zweien ſteht; die einfachen Geſänge der niederen Stände herab. geführt; ſo meint wenigſtens der Liebende.— Oder ver⸗ Auch die höfiſchen Dichter, oder vielmehr dieſe e höhere brachten Zwei eine ſelige Nacht, ſo kommt ein lei⸗ mehr als die eigentlichen Großen, hatten dieſe n gegelt diges Vöglein, das ſich auf die nächſte Linde ſetzt Verachtung des Volksgeſanges; und wenn ſich ja nde dieß und dort den Tag verkündet; es hilft nichts, ſie ein Mächtiger von einem fahrenden Sänger etwas einge⸗ 4 Erinnerungen. 1859. 26
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