Heft 
(1859) 7 05
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2⁰00 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Haltung und Beſonnenheit verloren hatte. Doch dieſer ließ ſich nicht mehr halten, ſondern ſchüttelte fluchend mit dem Kopfe, daß das Blut weit um⸗ her ſpritzte.

An mir iſt der erſte Schuß, brüllte er,ich bin der Geforderte! und ſchon krachte der Schuß doch der Engländer ſtand unverſehrt und kalt⸗ blütig, wie er ſtets geweſen. Die Kugel war hoch über den Kopf hinaus in's Weite gegangen.

Hölle und Teufel! rief Wlkofſ; das rothe, blutunterlaufene Geſicht wurde aſchfarben, ſeine Arme ſanken ſchlaff hinunter und das ſchadenfrohe, boshafte Auge des Renommiſten wurde matt und irre. Seine Stunde hatte geſchlagen; dieß verrieth das Beben der Glieder, das Schlottern ſeiner Kniee. Mit ſtierem Blicke ſah er nach dem ſo ſchwer ge⸗ kränkten Engländer, der ſich nun hoch aufrichtete und mit feierlicher Stimme begann:

Meine Herren, bevor ich von meinem Schuſſe Gebrauch mache, habe ich Ihnen und dieſem Elen⸗ den noch ein Wort zu ſagen. Dieſer Schurke, die⸗ ſer Niederträchtige, fuhr er fort, indem er auf den nun zum Feigling umgewandelten Kapitän hinzeigte,hat vor einem Jahre hier auf dieſem Platze meinen Neffen, einen Knaben noch, gemor⸗ det. Seiner niedrigen Leidenſchaft hat er einen edlen, hoffnungsvollen jungen Mann, den Erben meiner Würde und meiner Güter zum Opfer ge⸗ bracht. Ich bin aus meinem Vaterlande hierher gereiſet, um meinen theuern Arthur zu rächen und dieſen Elenden für immer unſchädlich zu ma⸗ chen. Dieß iſt meine Waffe, ſage ich noch einmal, und ſich zu Wlkoff wendend, rief er mit einer Donnerſtimme, indem er mit dem Finger auf ſeine

Stirne zeigte:Sieh! hierher! Bube! darauf fuhr er langſam mit der Piſtole in die Höhe ein Blitz ein Knall und der Mör⸗

der Arthur's lag mit dem Geſichte auf dem Boden. Wie der Engländer auf ſeiner Stirne ge⸗ zeigt, ſo ging die Kugel über der Naſenwurzel zwi⸗ ſchen den Augenbrauen mitten durch den Kopf des Unglücklichen.

Ein Schrei des Schreckens entfuhr den Lip⸗ pen der Anweſenden.

Der Engländer hatte ſich in Kurzem wieder angekleidet und ſeinen Knotenſtock zur Hand genom⸗ men, dann grüßte er höflich die Augenzeugen ſeines Vergeltungswerkes und ging gemeſſenen Schrittes, ſo kalt, ſo ruhig wie er hierher gekommen, von dannen.

Eine Stunde nachher fuhr eine elegante Reiſe⸗ kaleſche, in welcher Lord Woodſtock mit zwei in tiefer Trauer gekleideten, blaſſen damen Hed⸗ wig und ihrer Mutter ſaß, aus dem Hotel zum großen Czaar nach Weſten gegen England zu.

Das deutſche weltliche Volkslied.

Von T. Korber.

Thie Volkslieder, dieſe aus dem Herzen des 2 Volkes entſprungenen und eines der innig⸗ S= ſten Bedürfniſſe desſelben befriedigenden Ge⸗ Os ſänge, ſind, wie bei allen Völkern, ſo auch bei den Deutſchen der Anfang aller Poeſie,

In jenen Zeiten, wo kein großer Bildungs⸗ unterſchied die Vornehmen von den Niedern trennt, wo gleiche Gefühle, gleiche Anſchauungen, gleiche Ahnungen vom Ewigen die Geſammtheit des Vol⸗ kes erfüllen, ertönt aus dem Munde des beſonders Begabten oder durch den bedeutenden Moment dich⸗ teriſch Erregten das Lied, deſſen Inhalt Alle als Ausdruck ihres Innern erkennen, das daher auch leicht und ſchnell Eigenthum eines Jeden werden kann. Iſt alſo, dem Charakter der älteſten Perio⸗ den eines Volkes gemäß, der Inhalt dieſer Lieder meiſt religiöſer und kriegeriſcher Art, werden Gott⸗ heiten, Stammhelden oder Heerführer gerne von Allen gefeiert denn ihr Inneres in der Weiſe reiferer Nationen zu beſchauen haben dieſe kräftigen Kinder noch nicht gelernt ſo tritt doch ſchon frühe das erotiſche Element hinzu, und Liebesaben⸗ teuer eines kriegskundigen und gewaltigen Helden ſind auch da ſchon ein beliebter Gegenſtand der Dichtung.

Wir erfahren, für die urälteſten Zeiten von Römern, für die ſpäteren von einheimiſchen Schrift⸗ ſtellern das Vorhandenſein ſolcher religiöſen und hiſtoriſchen Lieder bei den verſchiedenſten germani⸗ ſchen Völkern. So lebte das Andenken des Ar⸗ minius bei den Deutſchen lebhaft fort, ja ſogar dieſelben Geſänge, die zu ſeiner Zeit geſungen wur⸗ den, ertönten vielleicht noch nach Jahrhunderten durch Deutſchland. In der Nacht vor dem Kampfe ließen es die Germanen an fröhlichem Sange nicht fehlen, ſo wenig als beim feſtlichen Mahle; Trink⸗ oder Schmauſelieder indeß kannten ſie nicht.

Bei der unmittelbaren Theilnahme der Edel⸗ ſten konnte das Lied ſich wohl rein und edel be⸗ hauptet haben. Anders aber ward es in dem fol⸗ genden Zeitraum.

Wie das Volk ſich nach Innen und Außen weiter entwickelte, wie die höhern Stände mehr und mehr aus der Maſſe hervortraten, ſehen wir als⸗ bald die Bedeutung des Wortes Volk, ſehen wir damit auch das Volkslied ſelbſt und nicht zum beſſern ſich verändern. Der Gedanke des Unedlen bei dem einen, Unedles und Unreines bei dem andern ſind die natürlichen Folgen.

Von oben herab endlich ward das Chriſten⸗ thum, nicht überall in milder Weiſe, eingeführt; alles Heidniſche ſollte verſchwinden und die höhere Geiſtlichkeit wie die Könige ſelbſt eiferten gegen das Abſingen weltlicher Lieder. Erſt wurde dieß Verbot den Geiſtlichen und den Nonnen einge⸗