Heft 
(1859) 4 04
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Wiener Briefe.

K.(z. Das fröhliche Weihnachtsfeſt und Neujahr ſind dahin, all' ihre Freuden und Leiden haben wir durchgekoſtet und unſer unerbittliche Drang nach Neuem findet endlich wieder ſeine Befriedigung in dem ſoeben ſtattgehabten Regierungsanteitte des fröhlichſten aller gekrönten Häupter des Prinzen Karneval. Iſt auch der politiſche Himmel etwas getrübt, verliert der dießjährige Faſching durch den plötzlichen Abgang un⸗ ſerer wackern Garniſon gar manchen flotten Jünger des Frohſinns, ſo hoffen wir doch, daß er uns ſeine vielfältigen Freuden auch dießmal nicht entziehen werde: im Gegentheil, die tanzluſtige Jugend beutet die gegen⸗ wärtige Periode ſchon in reichſtem Maße aus und allent⸗ halben werden ununterbrochen neue Pläne zu fröhlichen Ballfeſten geſchmiedet, man tanzt und während des Tanzens denkt man ſchon an eine zweitnächſte Unter⸗ haltung und mehr. Trotz all' dieſem Getreibe erman⸗ geln die Theater nicht, uns mit Novitäten aller Art zu überſchütten. Obenan ſtehen die nun endlich zur Aufführung gelangtenFeenhände nach Scribe. Das Publikum nahm dieſes echt franzöſiſche Produkt ziemlich günſtig auf, da es ſich durch Eleganz des Dialogs und beſonders glänzendes Aeußere auszeichnet. Die Kritik nennt es allgemein ein reines Toiletten⸗ ſtück und dieſe Bezeichnung verdient es in der That, da die Hauptaufgabe des größten Theiles der weiblichen Rollen darin beſteht, prunkenden Kleiderſtaat zu ent⸗ wickeln. Im Hofoperntheater macht das bereits in Ber⸗ lin ſeit Jahren beliebte Ballet:Satanella ungeheue⸗ res Furore. Unſere Künſtler ſtehen auch in ihren Lei ſtungen jenen an der Spree durchaus nicht nach. Im Carltheater kam ſoeben eine neue Operette von Offen⸗ bach,Schuhflicker und Millionär zur Aufführung. Auch dieſe Kompoſition fand eben denſelben Beifall wie die zwei ihr im Verlaufe der dießjährigen Saiſon bereits voran gegangenen anmuthigen Singſpiele die⸗ ſes ſchnell beliebt gewordenen Tondichters. In der Jo⸗ ſefſtadt weiß Pepita immer noch ihre alten Rechte geltend zu machen und bezaubert immer noch ihre alten

Anbeter durch ihren feurigen El Ole, ihre mitgebrachte

Schweſter(?) ſcheint jedoch eine ſehr untergeordnete Rolle zu ſpielen. An der Wien, wo vor Kurzem die liebenswürdigen Geſchwiſter Ferni zum zweiten Male aufgetreten und einen ebenſo enthuſiaſtiſchen Bei⸗ fall wie das erſte Mal errangen, erwarb ſich dieſer Tage eine neue Poſſe von Feldmann:Drei Kandi⸗ daten oder dumm, dümmer, am dümmſten die ungetheilteſte Anerkennung. Der beliebte Luſtſpiel⸗ dichter ward nach jedem Akte ſtürmiſch gerufen. Di⸗ rektor Renz fährt fort, das ſeinen weltberühmten Cirkus beſuchende Publikum nach wie vor auf die angenehmſte Art zu amüſiren. Man ſieht alſo, daß trotz ſo manchen trüben Erfahrungen und beängſtigenden Ge⸗ rüchten unſere friedliebenden Mitbürger, auf die gute Sache und das unantaſtbare Recht unſeres Vaterlandes vertrauend, ſich in ihren harmloſen Ver⸗ gnügungen nicht ſtören laſſen und das Beſte hoffend, ruhig der nächſten Zukunft der Dinge entgegen ſehen.

Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Miszellen.

Literatur, Kunſt und Wiſſenſchaft.

Im Verlage von E. Meid inger Sohn& Komp. ſind unlängſt drei Werke bewährter deutſcher Novelliſten ausgegeben worden:Das Geheimniß der Mutter, Novelle von Robert Heller,Dichter und Apoſtel, Ro⸗ man in vier Büchern von Ernſt Willkomm, undVer⸗ loren und gefunden, Roman in zwei Bänden von Theodor Mügge.

Von Gutz kow's neuem Roman:Der Zau⸗ berer von Rom, genügten die aufgelegten 3000 Exem⸗ plare ſo wenig, daß ſie nach acht Wochen total vergrif⸗ fen waren, und dadurch eine zweite Auflage des erſten Bandes nöthig wurde, welcher in dieſen Tagen von der Brockhaus'ſchen Verlagshandlung ausgegeben wird.

M. G. Saphir'sKonverſations⸗Lexikon für Geiſt, Witz und Humor erſcheint in einer zweiten, von Adolf Glasbrenner redigirten, durchaus veränderten und reichvermehrten Auflage bei Robert Schäfer in Dresden, und zwar in 30 Bändchen, von denen das erſte ſchon Ende d. M. ausgegeben wird. Den Verlag des Werkes für Oeſterreich hat die Buchhandlung von Kober und Markgraf in Prag übernommen.

Die Bühne ſcheint ſich nun doch dieſen Winter auf das deutſche Originaldrama werfen zu wollen. Die Welſerin des Herrn v. Redwitz macht nach und nach die Runde über die Theater. Daß ſie in ihrer Heimat Augsburgnicht enden wollenden Beifall fand, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Gemäßigter war der Applaus in Hamburg und Leipzig. In Frankfurt iſt dasTeſta⸗ ment des Kurfürſten, wie überall, mit Anerkennung der mancherlei Schönheiten, aber ohne durchgreifenden Erfolg gegeben worden. Breslau brachte das neueſte Stück eines heimiſchen Poeten, Rudolf Gottſchall:Ma⸗ zeppa, das vom Publikum mit Beifall, von der Kri⸗ tik mit Anerkennung aufgenommen wurde. Herſch's Anna Liſe iſt in Weimar mit mäßigem Erfolge ge⸗ geben worden; es wird ſich jedenfalls nicht auf der Bühne halten.

Das Jahr 1859 iſt für das deutſche Schauſpiel in Wien ein bedeutungsvolles. Es ſind nämlich gerade 150 Jahre, daß dasſelbe in Wien ſtabil geworden. Da der eigentliche Gründer des deutſchen Schauſpieles in Wien, der berühmte Hanswurſt Joſef Stranisky war, ſo be⸗ ſchränkte ſich im J. 1709 dasſelbe vorzugsweiſe nur auf extemporirte Burlesken und hatte noch obendrein mit den italieniſchen Opern und Arlekinaden zu kämpfen, die ſeit 1705 in Wien einheimiſch waren. Erſt im Jahre 1747 gelang es dem Schauſpieler Weidner durch Gott⸗ ſched's Theaterreformation ermuthigt, ein regelmäßiges metriſches Schauſpiel von Krüger:Die otomaniſchen Brüder auf die Bühne zu bringen, das an ſich zwar ohne Werth, doch der Neuheit der Sprache wegen das Publikum anzog, weßhalb ſich der damalige Theater⸗ direktor bewogen ſah, die Bühne auf einen regelmäßigen Fuß zu ſetzen und mehrere Mitgliederfür ſtudirte Stücke zu engagiren.

Das germaniſche Muſeum in Nürnberg, das ſich raſch aus kleinen Anfängen zu einem bedeu⸗ tenden Inſtitute emporgeſchwungen, auf welches Deutſch⸗ land ſtolz ſein kann, findet immer mehr die nationale Anerkennung, die allein eine ſichere Baſis für dasſelbe bilden kann. Die ſächſiſche Staatsregierung hat einen Jahresbeitrag von 1000 Thalern bewilligt.

In Hamburg wird der Bau eines neuen Mu⸗ ſeums beabſichtigt, wofür binnen wenigen Tagen 70,000 Thlr. gezeichnet werden.