Heft 
(1859) 4 04
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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

ihm gar nicht munden wollte, verzehrt hatte, war er mit der Lebensgeſchichte und den Verhältniſſen ſeines neuen Bekannten vertraut geworden. Zuletzt hatte der⸗ ſelbe ihm noch offenbart, daß er Viehhändler ſei, am vergangenen Abende den Eiſenbahnzug verſäumt habe und jetzt, da er ſehr knapp bei Kaſſe ſei und das für das Fahrbillet beſtimmte Geld nicht angreifen dürfe, in einen Gaſthof nicht habe einkehren köunen, ſondern die Nacht in einem ſolchen Lokale zubringen müſſe. Das that unſerem Meiſter leid, er fühlte ein menſchliches Erbarmen und griff nach der Taſſe, um den letzten Reſt hinunterzuſpülen. Hu! welch ein Rieſeln durch alle Glieder! war es eine dunkle Ahnung deſſen, was ihm bevorſtand, oder war es die Wirkung eines infernali⸗ ſchen Gebräues, welches unter dem NamenKaffee kredenzt worden war? Wer vermag das zu ſagen? Allein er überwand das Grauſen und ſagte im gemüth⸗ lichſten Tone von der Welt:Freund, wenn es weiter nichts iſt und Ihr fürlieb nehmen wollt, dann kommt mit mir. Ich kann allerdings meine Frau nicht in ſpä⸗ ter Nacht noch wecken, großes Aufſehen im Hauſe ma⸗ chen und ein Bett aufſchlagen laſſen; allein ihr könnt in meiner Werkſtatt ſchlafen. An Unterlage und an Decke ſoll es Euch nicht fehlen. Und morgen trinkt⸗Ihr, bevor Ihr Euch auf die Reiſe begebt, eine Taſſe Fa⸗ milien⸗Kaffee mit mir, aber beſſer ſoll er Euch mun⸗ den, als dieſer hier. Brrr! Wer war mehr erfreut, als unſer Viehhändler bei ſeiner geſchmolzenen Kaſſel! Die beiden neuen Freunde traten nun ihren gemein⸗ ſchaftlichen Heimweg an. Der Viehtreiber wurde in der Werkſtatt auf Leder und Decken paſſabel weich gebettet und erhielt einen ſchönen warmen Düffelrock zum Zu⸗ decken. Am Morgen ging der Meiſter, wenn auch etwas verſchlafen, zur gewohnten Stunde nach der Werkſtatt, und war nicht wenig erſtaunt, die Thür derſelben geöffnet zu finden. Er trat näher und das Räthſel war gelöſt. Sein Gaſtfreund hatte den Kaffee nicht abgewartet, ſondern war ohne denſelben verſchwun⸗ den und hatte den faſt neuen Düffelrock und eine Menge ganz vortrefflichen und ſehr koſtſpieligen Handwerkzeu⸗ ges mit ſich fortgenommen. Er wunderte ſich, meinte aber bei ſich: es ſei am Beſten, zum böſen Spiele gute Miene zu machen und zu ſchweigen. So kam der Nach⸗ mittag heran. Da ſührte ihn ein Geſchäftsgang in eine ziemlich entfernte Straße, als er plötzlich eine Menge Menſchen zuſammenlaufen ſah; ein geborner Berliner, konnte er doch nicht in der Ferne bleiben; er mußte hingehen und mit eigenen Augen ſehen, was ſich da zugetragen hatte. Wie in der Regel, ſo war auch hier die Veranlaſſung zu dem großen Auflaufe eine ſehr geringfügige. Ein Bummler hatte in einem Brauntweinladen der Labung zu viel zu ſich genom⸗ men, das Krakehlwaſſer, wie der Berliner dasſelbe zu⸗ weilen benennt, hatte gewirkt, er fing Händel an und wurde hinausgeſchmiſſen; damit nicht zufriedengeſtellt, war er zum zweiten Male in den Laden eingedrungen, hatte einen Höllenlärm gemacht und war abermals hinausgeworfen. Auf der Straße nahmen ihn zwei Schutzmänner in Empfang, um ihm Zeit und Gelegen⸗ heit zum Ausſchlafen zu geben. Iſt man aber an Ort und Stelle, ſo will man auch Alles genau ſehen So wollte denn unſer Meiſter ſich den Krakehler näher an⸗ ſehen, und erkannte zu ſeiner Ueberraſchung in demſel⸗ ben ſeinen Gaſt von der vergangenen Nacht. Hat er in der Nacht mich begleitet, dachte er bei ſich, ſo will ich ihn jetzt auch begleiten, und folgte ihm nach der nächſten Wache. Hier erzählte er dem Revier⸗Lieutenant, was wir bereits wiſſen. Unſer Bummler wollte aber durchaus kein Viehhändler ſein und ſeinen Wirth nicht

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kennen. Als er indeſſen merkte, denn er war plötzlich nüch⸗ tern geworden, daß er mit dem Leugnen nicht durch⸗ kommen würde, räumte er ein, bei unſerem Meiſter die Nacht in der Werkſtatt zugebracht zu haben; aber den Düffelrock und das ſchöne Handwerkzeug wollte er nicht mitgenommen haben. Nach ſeiner Ausſage war er plötzlich gegen Morgen erwacht. Alles um ihn her war finſter, der Ort ſelbſt war ihm unbekannt; er wußte nicht, was mit ihm geſchehen war; das Eine war ihm nur erinnerlich, daß er viel Punſch getrunken hatte. Jetzt griff er nach der Taſche, richtig, das Feuerzeug war da; er zündete ein kleines Licht an und erblickte ſich in einer wildfremden Werkſtatt. Wie er hineinge⸗ kommen war, wußte er nicht; aber das wußte er, daß er mehrmals wegen Diebſtahls beſtraft worden und je⸗ denfalls in den Verdacht eines verſuchten Diebſtahls kommen mußte, wenn man ihn bier beträfe. Ihm blieb alſo nichts übrig, als die Werkſtatt von innen aufzu⸗ ſchließen und aufzuriegeln und das Weite zu ſuchen. Allein das Letze war leichter gedacht, als gethan! Die Hausthür war verſchloſſen, und er nicht im Beſitz eines paſſenden Schlüſſels. Er wandte ſich daher nach dem Hofe und tappte hier ſo lange umher, bis er ein heimliches Gemach entdeckte, welches zwar keinerlei An⸗ nehmlichkeiten bot, ihn aber wenigſtens bis zum Auf⸗ ſchließen der Hausthür vor Entdeckung ſchützte. Als die⸗ ſelbe aufgeſchloſſen war, ſuchte er das Freie. Wie der Diebſtahl und von wem derſelbe ausgeführt worden, wollte er hiernach nicht wiſſen können; allein er meinte, erklären ließe derſelbe ſich ſchon, da er in ſeiner Be⸗ ſtürzung die Thür zur Werkſtatt zuzumachen vergeſſen hätte. Dieſe Ausrede war von einer Zuverſichtlichkeit begleitet, welche darauf ſchließen ließ, daß der Gaſt auf der Flucht ſich den beſten Erfolg von derſelben ver⸗ ſprach. Als ihm aber hinterher die Frage vorgelegt wurde, wie er zu dem Gelde gekommen, was man bei ihm vorgefunden und das für ſeine Verhältniſſe nicht unerheblich war, wurde ſein Geſicht merklich länger. Er erklärte indeſſen mit Beſtimmtheit, daß ſeine Mut⸗ ter ihm das geliehen habe, damit er ſich einen ordent⸗ lichen Rock anſchaffen und eine gute Schlafſtelle miethen könne. Die angeſtellten Ermittelungen haben dieſe Be⸗ hauptung nicht bewahrheitet. Unſer Mann wird alſo in der Klemme ſitzen bleiben.

Buchſtaben⸗Rebus von Joh. Jaroſch.

M Rmng

7⁵ℳ. Räthſel.

c., 3/ Eingeſendet von Konſt. Mandrovis.

Groß und einſam ſchweb' ich in den Lüften, Doppelt leb' ich in den Felſenklüften; Dieſes Erdenrund berühr' ich nicht.

Klein erſcheine ich am blauen Himmel, Klein erblickt man mich im Sterngewimmel, Größer, wenn der Mund von Liebe ſpricht; Unter Menſchen ſucht man mich vergebens, Ob ich gleich der Anfang jedes Lebens

Und an jedem Ziel der Letzte bin.

Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt. Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag.

Ausgegeben am 1. Februar 1859.