Heft 
(1859) 4 04
Seite
116
Einzelbild herunterladen

4

116 Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Aber ſo weit kam es nicht, denn das Mäd⸗ chen fiel ihm mit einem Schrei in den Arm, oder vielmehr in die Arme und W. konnte glückſelig und freudig deklamiren:

Heil mir! jetzt iſt es heller Tag

72

In meiner frohen Seele!

Sie hielten ſich lange umſchlungen,

er ſprach:O meine Berthal

ſie ſprach:O mein Kuno! oder ſonſt welche Namen, die der Somnambulismus der Liebe errathen hatte, und der erſte Kuß ver⸗ einigte ihre Lippen.

Auf ewig Dein! Wenn Berg und Meer uns trennen, Wenn Stürme dräu'n,

Wenn Weſte ſäuſeln oder Wüſten brennen,

Auf ewig Dein!

ſprach Ritter Kuno, aber ſeine Zunge erſtarrte, die Arme, die ſeine Bertha umſchlungen hielten, ſanken ihm matt wie gelähmt herab und ſein Blick wurde ſtier, denn er hatte auf die hohe ſeattliche Figur eines noch ziemlich rüſtigen Mannes getrof⸗ fen, der von den Seligen unbemerkt, auf demſel⸗ ben unheimlichen Flecke ſtand, wo Kuno ſeiner Bertha erſchienen war.

Der Vater! ſchrie entſetzt Bertha und wäre gewiß in Ohnmacht gefallen, wenn ſie ſchon mehr Romane geleſen hätte.

Der Tyrann! drängte es ſich zwiſchen W.'s feſtgeſchloſſenen Zähnen hervor.

Aber er vergaß der Terzerollen, denn der Tyrann ſprach ſehr ernſt und feſt:

Mein Herr! Sie haben ſich in mein Haus eingeſchlichen und meiner Tochter den Kopf ver⸗ dreht, ich hätte alſo das Recht, Sie hinauswerfen zu laſſen. Runzeln Sie nicht die Stirne, denn ich bin nicht geſonnen, von meinem Rechte Ge⸗ brauch zu machen, nur muß ich Sie ernſtlich erſu⸗ chen, wenn Sie kein Freund von üblen Folgen ſind, den Weg, den Sie heute und vielleicht ſchon früher herein einſchlugen und den Sie gewiß auch wieder zurück finden werden, für die Zukunft zu ver⸗

geſſen. Ich hoffe, mein Herr, Sie haben miche

verſtanden!

Er nahm, ohne ein Wort weiter zu ſagen, ſeine Tochter unter dem Arme und verſchwand mit der Schamerglühten hinter den Gebüſchen.

W. ſah lange nach und ſeufzte:

Lebewohl! lebewohl! mit Dir auch zieht mein Herz! ae aeee,

Aber Ritter Kuno war eine Petiſche Seele!

Solche Hinderniſſe ſpornten ſeine romantiſche Ader.

Auch derTyrann mußte ſich durch dieſen Vorfall überzeugt haben, daß es wohl eine Unmög⸗ lichkeit ſei, ein Mädchen vor Romanen und vor der Liebe zu bewahren, wenn einmal die verhäng⸗ nißvolle Stunde geſchlagen hat, denn drei Monate

b

ſpäter weihte W. ſeiner Muzi⸗Ilſe eine wehmüthige Erinnerung, holte einen gewiſſen alten zerleſenen Roman hervor und unterſtrich mit Röthel folgende Stelle: Ritter Kuno aber und Frau Bertha hauſten noch lange, lange Jahre auf ihrer Burg.

während er die darauffolgende:

Und Kinder und Kindeskinder ſcharten ſich um ſie und pflegten ihrer treulich bis in's hohe Alter.

ununterſtrichen ließ, um der Zukunft nicht vorzu⸗ greifen.

Freund K. aber bekam faſt Luſt, ſich zu den Illuſionen zu bekehren, um auch eine poetiſche Seele zu werden.

Der Stiefelknecht. zt wär' ich aufgelegt zum Dichten,

223

Qh

Dde He 0

6 2

Drum, Muſe, ſteig' herab zu mir; H

Hab' ich genügt den Bürgerpflichten, So dichte ich für mein Plaiſir.

Man tadelt mich, jedoch ich hoffe

Noch zu beſiegen Spott und Hohn;

Es fehlt mir nur am rechten Stoffe, Die Gabe hab' ich zweifelsohn'.

Es geht ja allen großen Dichtern

Wie es dem Schuſter Schwätze geht; Hör' ich doch einen Schiller richtern, Und Göthe, heißt's, ſei kein Poet!

An Stoffen fehlt's; was ſoll ich ſchreiben, Das nicht ſchon längſt geſchrieben wär'? Und wollt' ich Fabelwerk betreiben, Trieb's Aeſop, Gellert und Lichtwer.

Sanctas⸗ 27

7