Heft 
(1859) 4 04
Seite
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Robert Byr: Ritter Kuno. 115

W. nahm das Buch und blätterte darin, dann deutete er auf eine Stelle und deklamirte:

Nun iſt ſo held Dein Angeſicht, Wie Nöslein Deine Wangen, Wie eine Lilie ſchlank und licht So biſt Du aufgegangen!

und er hielt ſchwärmeriſch inne, dann begann er aber wieder friſch und leicht:

Ich freue mich, Redwitz in Ihren Händen zu ſehen er gehört für Mädchen. Was iſt's, das Ihnen von ihm am beſten gefällt?

Amaranth! ſprach das Mädchen, durch das Lob ihres Lieblings zutraulicher geworden,und dieß hier iſt auch nicht ſo übel! und ſie las mit leiſer Stimme, obwohl nicht ohne Ausdruck:

Mir iſt ſo ſelig um's Gemüth,

Ich möcht' ein Kindlein werden,

Und wo im G as ei Blümlein blüht, Mich lagern auf der Erden;

Und möcht' in ſeinem Hauch und Glanz Mich ſtundenlang verſenken,

Und mit ihm Aug' im Auge ganz

An Gottes Liebe denken.

W. ließ ſie die zwei nächſten Strophen gar nicht weiter leſen, denn er rief enthuſiaſtiſch:

Ach fürchte nichts, es gibt noch edle Herzen, Die für das Hohe, Herrliche erglüh'n!

Ich habe mich nicht getäuſcht, fuhr er in ungebundener Rede fort,zog's mich doch zu Ihnen wie ein Magnet. Ich wußt' es ja, ich müſſe eine verwandte Seele finden!

Sie leſen gerne? fragte das Mädchen im⸗ mer offener werdend.Nicht wahr, es iſt ein hoher Genuß, das alles ſo zu finden, wie wir's ſchon lange ſelber dachten?

Gewiß, gewiß! wenn wir uns, ſo zu ſagen, ſelbſt gezeichnet finden. Und darum liebe ich auch die Romane ſo ſehr!

3Ach, Romane! ſeufzte das Mägdelein.Wie

Und hält Sie dabei eingeſperrt, denn ich habe Sie noch nie in der Stadt geſehen.

Ja, eingeſperrt bin ich. Außer alle Jahre einmal auf vier Wochen zur alten Muhme nach C. komme ich nicht aus dem Hauſe und dem dazu gehörigen Parke. Mein Vater ſagt, ich ſei noch zu

Pjung für die Welt.

Der Tyrann! brummte Ritter Kuno, wäh⸗ rend ſeine Augen blitzten und ſeine Rechte in die Taſche fuhr, um ſich des Daſeins ſeiner Terzerollen zu verſichern.

Ach nein, böſe iſt der Vater gar nicht im Gegentheil, er iſt recht lieb, aber trotdem würde er doch recht böſe werden, und dabei erröthete ſie wieder,wenn er wüßte, daß ich jett mit einem wildfremden Herrn Soldaten ſchon ſo lange ſpreche.

Und wollten Sie mich deßhalb fortſchicken? fragte mit bittendem Blicke W. und ſetzte wehmü⸗ thig hinzu:Ich gehe, wenn Sie's befehlen!

Nein! ſprach ſie kaum hörbar und ſah zur Erde nieder.

Nein? deklamirte entzückt W.Nein?

Ach dieſes Nein iſt himmliſch ſüßer Klang!

Sie befehlen mir nicht zu gehen! nicht! ach, und dennoch muß ich fragen:

Warum ſchlägt ſo laut mein Herz,

Iſt es Wonne, iſt es Schmerz?

Weßhalb denn Schmerz? fragte ſte, indem ſie verwundert den Blick zu ihm aufſchlug.

W. ſtürzte auf ein Knie nieder, wir glauben das rechte war's aus militäriſcher Gewohnheit, ſeine Hand, ebenfalls die rechte, agirte vom Herzen aus Telegrafenzeichen und glühend ſprach er:

Ich liebe Dich, Du Holde! doch verrathen

Darf Niemand meines Buſens dunkles Wiſſen, Denn heilig ſind der Liebe Blüthenſaaten!

Das Mädchen, deſſen Namen wir ſo unga⸗ lant waren, noch nicht zu erforſchen, war wie in

ſehne ich mich nach Romanen! Erſt zwei habe ich geleſen:Das Blutgericht um Mitternacht und Guſtav Lindorm, aber die waren ſo ſchön, daß ich, während ich ſie las, die Nächte hindurch kein Auge zuthun konnte. Dieſe beiden Bücher, die fand ich oben am Dachboden unſeres Hauſes hinter einem alten Schranke, ſie waren ſchon ganz gelb geworden, aber deßhalb gefielen ſie mir doch recht ſehr. Der Vater will nicht, daß ich mich mit Romanen beſchäftige und da mußte ich denn nur ganz im Geheimen leſen.

So! und warum will denn der Vater das nicht? 3 Er meint, da ſtehe lauter dummes Zeugs darin, was den jungen Mädchen den Kopf ver⸗

drehe. Er iſt durch eigenen Fleiß von einem armen Geſellen zum reichen Fabriksbeſitzer gewor⸗ den und da lobt er nur dasPraktiſche und hat mir ſtrenge verboten, etwas anderes zu leſen als die Bücher, die er mir ſelbſt gibt.

Abendröthe getaucht und wandte das brennende Antlitz zur Seite. Ich dacht' es ja! begann W. bitter mit dem Kopfe nickend.Wo ſind meine Träume? Ach, ich ſah ſie fortgeriſſen, Treiben in der Wellen Tanz! Unglücklich iſt meine Liebe, Mir bleibt nichts mehr als der Tod! Und ſterb' ich denn, ſo ſterb' ich doch Durch Sie, durch Sie, Zu Ihren Füßen doch! und W. zog eine jener unglücklichen Terzerollen aus der Taſche und erhob ſie gegen ſeine Stirne. unſchädlich durchgegangen, wie bei einem unſerer Bekannten, den eine feindliche Kugel in den Unter⸗ leib traf, ohne zu tödten, denn die Eingeweide waren vor Hunger und Leerheit zuſammengeſchrumpft und die Kugel ging glücklich durch die Zwiſchen⸗ räume.

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Hätte er losgebrannt, die Kugeln wären⸗

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