Heft 
(1859) 4 04
Seite
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110 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

welches nur ſchwach und in gebrochenen Strahlen zu uns dringt, hervorgerufen.

Die Thiere führen keinen Kalender, in dem ihnen die Sonnenfinſterniß vorher angezeigt wird, ſie ſuchen, wie täglich bei eintretender Dämmerung, ihr Nachtlager auf. Iſt aber die Sonnenfinſterniß vorüber, ſtrahlt das volle Sonnenlicht wieder auf die Erde nieder, dann kommen auch die Thiere wieder hervor und die Blumen öffnen ſich wieder, bis der Abend ſie wie immer von Neuem ſchließt.

Seit Jahrhunderten, ja Jahrtauſenden hat man geglaubt, die Sonne ſtehe ſtill in dem großen Weltenraume und auch jetzt iſt dieſer Glaube noch ziemlich allgemein verbreitet. William Herſchel verdanken wir die große Entdeckung, daß die Sonne außer ihrer Achſendrehung mit ihrem ganzen Sy⸗ ſteme in fortwährender Bewegung iſt. Die tüchtig⸗ ſten Aſtronomen haben ſeitdem dieſer Entdeckung ihre ganze Aufmerkſamkeit gewidmet und nach den mühevollen und ſorgfältigen Unterſuchungen Mäd⸗ ler's können wir es jetzt als beſtimmt annehmen, daß die Sonne mit ihrem Syſteme, wie überhaupt alle die Millionen Sterne, welche wir am Himmel erblicken, um eine große, gewaltige Centralſonne ihre unermeßliche Bahn durchläuft.

Wo dieſe Centralſonne iſt? Bis jetzt iſt ſie noch nicht genau erforſcht. Man vermuthet ſie nach allen Unterſuchungen in dem prachtvollen Siebenge⸗ ſtirn, in der herrlichen Gruppe der Plejaden. Die Aleyone iſt der heliſte Stern in dieſer Gruppe und ihn ſieht man als den Centralpunkt, als die große Centralſonne für all die Millionen Sterne, welche wir erblicken, an.

Aber welche Bahn iſt es, welche unſere Sonne um dieſes Centrum zu durchlaufen hat? So weit es bis jetzt berechnet iſt, würde ſie dieſelbe erſt in 18 ½ Millionen Jahren vollenden. So weit reicht keines Menſchen Auge und Alter! Und wie viel tauſend und tauſend Generationen müſſen auf uns folgen, ehe ſie ſagen können, jetzt hat die Sonne ihre Bahn einmal vollendet, ſeitdem der Menſch die Entdeckung derſelben gemacht hat!

Wer weiß, ob, wenn die Erde überhaupt dann noch beſteht, es noch Menſchen auf ihr gibt! Wer kann ſagen, daß eine Geſchichte von 18 Millionen Jahren möglich iſt!

Dieſe Gedanken machen uns in's Endloſe abirren. Richten wir lieber unſer Auge und unſern Geiſt auf Näherliegendes, um zu erkennen, wie unendlich viel und zugleich wie unendlich wenig wir noch erforſcht haben!

Größer noch als die Sonne am Hinmel iſt unſere Geiſtesſonne, unermeßlicher noch ihre Bahn. Da weiß Niemand, wo ſie beginnt und wo ſie endet, da kennt Niemand ihr Centrum. Wir ſagen wohl, das iſt die abſolute Wahrheit, aber ohnmäch⸗ tig ſtehen wir davor und fragen wieder:Was iſt wahr?

Die Ruinen Carthago's. ie kleinſten Ruinen ſind die traurigſten. Große Ruinen haben etwas impoſantes, das die (ec melancholiſche Gegenwart durch ein lebhafte⸗ 20)5 res Bild der großen Vergangenheit erſetzt. Wer die großen Trümmer Roms erblick, denkt wohl zuerſt an die vergangenen Tage, in denen ſolche Rieſenbaue entſtanden, an ihre Schö⸗ pfer, und erſt ſpäter an die todte Stille rings⸗ umher. Wo aber nichts mehr übrig blieb, als einige unbebeutende, formloſe Steinhaufen, wo man nicht mehr mit Gewißheit ſagen kann, da oder dort ſei jene unvergeßliche Weltbegebenheit geſchehen, wo ſelbſt die Archäologen, dieausdauernder als die Rache und zudringlicher als die Hyäne geſcholten werden, an jener beſtimmten Spur verzweifeln: dort pflegt der Eindruck für die Menſchenwürde ſehr unerfreulichu ſein.

Es gibt 4 feigen und niedrigen Zug im Menſchen, der ihn ſtets drängt, den Sieger zu er⸗ heben, den Beſiegten zu verachten und jeden Aus⸗ ganz für ein Gottesurtheil anzuſehen. Wahr iſt der Flucht in der Weltgeſchichte: Weh dem Beſiegten! Der Unterlegene verſchwindet in den Annalen, und ungerächt fallen heißt auch unvermißt und ungefeiert dahinſinken.

Vielleicht iſt kein Ort der Welt, wo ſich dieſe Bemerkungen ſo aufdrängen wie in Carthago. Das praktiſchere und kriegeriſche Volk ſiegte, vom Be⸗ ſiegten hinterblieb nur der Hohn und der böſe Leumund des Siegers oder ſein unfreiwilliges Ge⸗ ſtändniß. Wir Alle wiſſen, wie in dieſem Lichte die beſiegten Götter und Helden zu Kobolden und Räubern werden.

Alle Ruinen pflegen drei Epochen durchzuma⸗ chen. Kein größeres Gebäude, um ſo weniger eine Stadt, verſchwindet wohl auf einmal, es bleiben ſtets einige Ruinen, die erſt die Zeit und ſpäter Be⸗ ſchädigungen allmälig von der Erdoberfläche ver⸗ tilgen, bis alles begraben und vergeſſen iſt. In der erſten Periode befinden ſich die römiſchen Ruinen in Algier, Armenien, in der zweiten Carthago und unlängſt noch die Städte Meſopotamiens. Dann erſt kömmt die eigentlich archäologiſche Periode, wo die Ruinen als ſolche aufgeſucht, erforſcht und re⸗ ſtaurirt werden, die unwillkürlich an Sainte Beuve's Worte erinnert:Der ſchöne akademiſche Moment um eine untergegangene Nationalität zu rekon⸗ ſtruiren iſt, wenn von ihr nichts mehr übrig iſt, als eine unentzifferbare Schrift auf zerbrochenen Töpfen.

Bei Carthago kam noch eine beſondere Wuth hinzu, um ſeine Ruinen mehr zu vernichten, als aller römiſche Haß. Das energiſcheſte und charakter⸗ feſteſte Volk der Welt hatte kaum vor 24 Jahren denjenigen mit den gräßlichſten Flüchen belegt, der das von ihm zerſtörte Carthago wieder aufbauen