Heft 
(1859) 4 04
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verſetzt, ſo würden wir kaum im Stande ſein, unſere Füße emporzuheben, ſo ſchwer würden ſie durch die neun und zwanzig mal größere Anziehungskraft des Sonnenkörpers ſein. Fielen wir auf ihn nieder, ſo würden wir uns ſchwerlich wieder erheben kön⸗ nen, denn unſer Körper würde durch die Heftigkeit des Falles zerſchmettert ſein, ebenſo als wenn wir auf die Erde von einem hohen Gerüſte herabfielen.

Blühten unſere Blumen auf der Sonne, der ſchwache Stengel würde nicht im Stande ſein, die Blüthen zu tragen, die Aeſte unſerer Bäume würden durch ihre Schwere herabgedrückt brechen.

Schon aus dieſen wenigen Punkten können wir erſehen, daß, wenn die Sonne wie unſere Erde mit Geſchöpfen belebt iſt, ſie anders organiſirt ſein müſſen, es müſſen Cyklopen an Kraft ſein. Und auch an Größe, denn mit Recht können wir aus den entſprechenden Verhältniſſen, welche wir überall im ganzen Weltall wahrnehmen, ſchließen, daß ihre Größe im richtigen Verhältniß zur Sonne ſelbſt ſtehen wird.

Die Sonne ſcheint ſich in einem größten Kreiſe, deſſen Mittelpunkt unſer Auge bildet, von Oſten nach Weſten zu bewegen; in Wirklichkeit läuft ſie aber von Weſten nach Oſten und zwar in dem Zeitraume von 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Mi⸗ nuten und 45 Sekunden durch ſämmtliche Geſtirne des Thierkreiſes.

Wenn am 21. März die Frühlings⸗Nachtgleiche (Aequinoctium) eintritt, ſteht die Sonne im Widder. Auf der ganzen Erde iſt Tag und Nacht gleich. Die Sonne ſcheint höher zu ſteigen, die Tage werden länger, die Nächte kürzer, bis ſie am 21. Juni, der Sonnenwende(Solſtitium), das Geſtirn des Krebſes erreicht. Die Tage ſind bei uns am läng⸗ ſten, die Nächte am kürzeſten. Nun ſcheint die Sonne ſich wieder zu ſenken, bis ſie am 21. September in das Sternbild der Wage tritt. Es iſt Herbſt⸗Nacht⸗ gleiche(Aequinoctium) und zum zweiten Male im Jahre iſt für uns Tag und Nacht gleich. Die Sonne rückt weiter und erreicht am 21. Dezember, der Winterſonnenwende(Solſtitium), das Sternbild des Steinbocks. Die längſte Nacht und der kürzeſte Tag iſt für uns eingetreten.

Der Kreislauf der Sonne iſt vollendet. Sie ſchreitet dem Geſtirne des Widders wieder zu und mit jedem Schritt vorwärts wächſt das Hoffen des Menſchen auf längere, ſonnige Tage, auf Frühling und Blüthenduft.

Der Lauf der Sonne iſt nicht immer gleich⸗ mäßig. Während ſie im Januar in der Stunde 61 Minuten und 11 Sekunden fortrückt, rückt ſie im Juli in demſelben Zeitraume nur 17 Minuten und 11 Sekunden weiter, deßhalb vermögen unſere Uhren dem Sonnenlaufe auch nicht zu folgen.

Der obenangegebene Zeitraum, in welchem die Sonne ihren Lauf durch die Geſtirne des Thier⸗ kreiſes vollendet, bildet das aſtronomiſche Jahr, welches 5 Stunden 48 Minuten und 45 Sekunden

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Fr. Friedrich: Die Sonne. 109

länger iſt als unſere mechaniſche Zeitbeſtimmung, denn unſer Jahr enthält nur 365 Tage.

Dieſer ſich jährlich ergebende Ueberſchuß wird auf die Weiſe ausgeglichen, daß alle vier Jahre, wo der Ueberſchuß 23 Stunden und 12 Minuten, alſo einen Tag beträgt, ein Tag eingeſchaltet wird und zwar zwiſchen dem 23. und 24. Februar. Dieſer Tag heißt Schalttag, das Jahr Schaltjahr und zählt 366 Tage.

Eine äußerſt intereſſante Erſcheinung, welche für uns in periodiſch und regelmäßig wiederkehren⸗ den Zeitabſchnitten mit der Sonne vorgeht, ſind die Sonnenfinſterniſſe. Sie finden jedes Mal ſtatt, wenn der Mond zwiſchen die Sonne und die Erde tritt und durch ſein Vorübergehen vor der Sonnen⸗ ſcheibe uns das Licht für die Zeit des Vorüber⸗ gehens entweder ganz oder theilweiſe entzieht.

Es wird Manchem unerklärbar ſein, wie der kleine Mond im Stande iſt, den fünfundſiebenzig Millionen Mal größeren Sonnenkörper für uns zu bedecken. Dieß erklärt ſich leicht daraus, daß der Mond unſerer Erde viel näher iſt, als der Sonne. Ein kleines Haus iſt auch im Stande, uns einen hinter ihm liegenden und viel tauſend Mal grö⸗ ßeren Berg zu verbergen, ſobald wir uns dicht vor dasſelbe ſtellen. Entfernen wir uns davon, ſo wird natürlich der Berg ſofort für uns ſichtbar hervor⸗ treten.

Der Zeitpunkt, wann eine Sonnenfinſterniß eintritt, läßt ſich von den Aſtronomen bis auf die Minute und Sekunde genau und auf tauſend Jahre im Voraus berechnen. Ein neuer Beweis, welche Genauigkeit, welche Ordnung in dem großen Gan⸗ zen des Weltalls herrſcht. Eine Genauigkeit, der ſich der Menſch in ſeinen ſorgfältigſten und müh⸗ ſamſten Werken nicht einmal annähernd nahen kann.

Noch jetzt herrſcht im Volke über Sonnen⸗ finſterniſſe ein vielfacher Aberglaube, weil es das Natürliche dieſer großartigen Erſcheinung nicht kennt und ſich deßhalb auch die dahei hervortretenden einzelnen Erſcheinungen nicht zu erklären vermag. Noch jetzt deckt man in vielen Gegenden während einer Sonnenfinſterniß die Brunnen und Quellen zu, läßt Thiere während dieſer Zeit kein Waſſer ſaufen, weil man glaubt, daß das Waſſer durch die Sonnenfinſterniß vergiftet werde.

Die Sonnenfinſterniß übt aber auf das Waſ⸗ ſer nicht den geringſten Einfluß aus. Bei totalen oder ſehr ſtarken Sonnenfinſterniſſen ſuchen aller⸗ dings die meiſten Vögel, z. B. Hühner, Schwal⸗ ben u. ſ. w. ihr Nachtlager auf, Blumen, welche ſich des Abends ſchließen, thun es auch während der Finſterniß, und alle Gegenſtände erhalten eine eigenthümliche bleiche, faſt aſchgraue Färbung, ähnlich, als wenn ſie in einem dunklen Raume durch eine Spiritusflamme beleuchtet werden; aber dieß Alles wird durch das verdeckte Sonnenlicht,