Heft 
(1859) 4 04
Seite
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106 Verfluchter Mörder, mein Kind! ſchrie Matthew. Eine wohlthätige Ohnmacht befreite ihn für Augenblicke von dem Anblick der entſetzli⸗ chen Verſtümmelung ſeines geliebten Charley.

Jetzt ziſche nur, kleine Natter, das Ausplau⸗

dern wird Dir ſchon vergehen! hohnlachte der mit Blut bedeckte Andrew, während er den halbent⸗ ſeelten Knaben ſeinem ohnmächtigen Vater zuſchleu⸗ derte. Er hatte ihm die Zunge abgeſchnitten.

Matthew erwachte aus ſeiner todtähnlichen Ohnmacht im Kerker. Das Toben und das kläg⸗ liche Jammergeſchrei des kleinen Charley war bis zur Oberwelt gedrungen und hatte eine Mord⸗ that in jenen finſteren Räumen vermuthen laſſen. Herbeigerufene Polizeimannſchaft war durch die in der Verwirrung geöffnet gebliebene Thür einge⸗ drungen und hatte die Verbrecher nach gewaltiger Gegenwehr verhaftet.

Bald war den gefangenen Falſchmünzern der Prozeß gemacht, da ſie auf friſcher That ergriffen waren.

Am Vorabende des letzten Tages dachte Matthew mit tiefer Wehmuth an das Scheiden vom Leben, von ſeiner geliebten Gattin und ſeinem unglücklichen verſtümmelten Knaben, an das unſäg⸗ liche Elend, welchem die Armen nun wieder entge⸗ gen gingen.

Als er damals in der bitterſten Noth zum Juden gegangen war, um das letzte Kleinod, das letzte Andenken an frühere beſſere Tage zu ver⸗ äußern, um auf kurze Zeit Brod für ſich und ſeine Familie zu kaufen, hatte derſelbe die Verzweiflung des jungen Mannes, welcher ihm als ſo geſchickter Graveur bekannt war, benutzt, um ihm einen Vor⸗ ſchlag zu machen, deſſen Ausführung ihn mit einem Male aller Noth entrücken ſollte. Er ſolle die Stempel einiger Münzen von Zeit zu Zeit ſchnei⸗ den und die wenig anſtrengende Arbeit überreich⸗ lich belohnt erhalten. Matthew, dem die ſtren⸗ gen Strafen, mit welchen das Geſetz die Falſch⸗ münzerei belegt hatte, nicht unbekannt waren, ſchrak anfangs zurück, doch der ſchlaue Jude, welcher ſchon zu weit gegangen war, um wieder umzukehren, wußte ſeine Bedenken zu beſchwichtigen und ihn mit dem blanken Golde zu blenden, welches ihm ein Ende aller Noth verhieß.

Was war es denn auch eigentlich? Dort im ſchlimmſten Falle ein ſchneller Tod am Gal⸗ gen hier der gewiſſe Hungertod langſam und gräßlich ſeine Opfer beſchleichend es anſe⸗

hen zu müſſen, wie von den gräßlichſten Qualen gefoltert ſeine Lieben hinſtürben, ihn, der nicht ret⸗ ten konnte, um Hilfe, um Erbarmen anflehten und endlich im Delirium mit eigenen Zähnen das letzte welke Fleiſch ſich von den Knochen riſſen.

Er hatte eingewilligt. Nie Kb hatte ein

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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Wort ſeiner Gattin verrathen, welch' ein gefährli⸗ ches Handwerk ihren kleinen Wohlſtand begründete, um ſie nicht zur Mitſchuldigen zu machen. Wäh⸗ rend ſie ihn in einem der reichen Goldſchmiedsla⸗ den beſchäftigt glaubte und ſich glücklich pries, der Nahrungsſorgen enthoben zu ſein, ſaß er ſtunden⸗ lang in finſtere Träume verſunken über ſeinem lichtſcheuen Gewerbe und konnte die Befürchtung nicht loswerden, daß das Damollesſchwert, welches über ſeinem Haupte hing, endlich doch auf ihn herabſtürzen werde.

Jetzt waren dieſe Befürchtungen eingetroffen; ſchlaflos wälzte er ſich auf ſeinem harten Stroh⸗ lager umher.

Da raſſelten die Schlüſſel an der Thür ſei⸗ nes Gefängniſſes. Iſt's möglich! wäre die Stunde ſchon da! die letzte von der keine menſch⸗ liche Gewalt uns erretten kann mußte der Schritt jetzt ſchon gethan werden in das unbekannte Jen⸗ ſeits, aus dem noch Niemand wieder zurückgekehrt iſt und nicht einmal der Abſchied war ihm vergönnt geweſen von Weib und Kind.

Er fühlte, wie ſein Haar ſich ſträubte.

Zwei Perſonen traten leiſe ein; es war der Schließer und noch eine verhüllte Geſtalt. Der helle Strahl einer Blendlaterne fiel in die ihn umge⸗ bende Finſterniß.

Man gab ihm das Zeichen zu ſchweigen. Ein Bündel Kleider und etwas Wäſche legte man ihm hin unt ſagte, er ſolle ſich beeilen.

Matthew kleidete ſich wie im Traume um.

Wozu dieſe Heimlichkeit? War es nicht ſein Todtenhemd? Ein Hoffnungsſtrahl begann in ihm aufzudämmern.

Als er ſich umgekleidet, gab man ihm ein Zeichen zu folgen. Durch ein Labyrinth von Gän⸗ gen hindurch ſchritten die Drei durch das Wohn⸗ gemach des Schließers, wo derſelbe ſeinen Mantel überwarf, bis ſie endlich durch ein kleines Hinter⸗ pförtchen in's Freie gelangten.

Sie traten hinaus in die milde Nacht voll funkelnder Sterne; Matthew mußte gewaltſam ein Aufjauchzen unterdrücken. Er war frei!

Mit raſchen Schritten eilten die drei Männer durch die ſchweigenden Straßen der Themſe zu. Hier angelangt, fanden ſie einen Kahn am Ufer, in welchem ein Matroſe ſie bereits zu erwarten ſchien.

Da fiel es Matthew mit einem Male ſchwer auf's Herz, daß er England verlaſſen ſollte, ohne ſein Weib, ſein unglückſiches Kind noch einmal ge⸗ ſehen, noch einmal an's Herz gedrückt zu haben. Er blieb unſchlüſſig ſtehen, aber der Unbekannte drängte ihn vorwärts in's Boot.

Hier übergab er dem Schließer, der den Schlüſſel zu ſeiner Wohnung in den wogenden Strom warf, wie auch Matthew einen ſchweren Beutel und winkte zum Abſchied, indem er ſchwei⸗ gend ſich entfernte, wie er gekommen war, ohne den Dank des Betäubten abzuwarten.

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