überall ſtocken die Geſchäfte und wohin ich mich auch wende, überall werde ich abgewieſen oder komme zu ſpät und werde vertröſtet auf gelegenere Zeit. Ich würde ſchon ein wenig hungern können, aber daß ich Dich, mein geliebtes Weib, das einſt beſſere Tage geſehen hat, daß ich unſern Jungen darben ſehen muß, das bricht mir das Herz. Ich will noch einmal jetzt mein Heil verſuchen, habe Geduld, ich bringe Hilfe, koſte es, was es wolle!“
„Du wirſt kein Unrecht thun, Matthew, auch nicht in unſerer Bedrängniß, aber warte, nimm dieß Medaillon, das letzte Andenken von meiner
verſtorbenen Mutter— ich will ihr Bild heraus⸗
löſen— es iſt nicht zu koſtbar, um das Leben un⸗ ſeres Kindes zu friſten.“
Matthew nahm das hübſche, zwar etwas alt modige, aber ſchwere Medaillon, und ging.„Es wird für eine Woche ausreichen und dann——“ murmelte er im Gehen.
Matthew war ein ſehr geſchickter Goldarbei⸗ ter und Graveur, aber es ſchien, als wenn ſeit ſei⸗ ner Verheiratung mit Eliſa Duncan alles Glück von ihm gewichen ſei. Er ſah ſein kleines Ver⸗ mögen von dem betrügeriſchen Bankerott eines be⸗ deutenden Handelshauſes der City verſchlungen; eine langwierige Krankheit feſſelte ihn an das La⸗ ger, während welcher Zeit ſein geliebtes junges Weib mit ihrem Erſtgebornen, einem ſtarken präch⸗ tigen Jungen, niederkam, deſſen Geburt ſeiner Mut⸗ ter beinahe das Leben gekoſtet hätte. Sie lag lange krank darnieder und ſo folgte ſich Schlag auf Schlag; es war, als ob das Geſchick nicht müde werden wollte, die kleine Familie zu verfolgen.
Kaum geneſen und noch ſchwach und matt von der überſtandenen Krankheit, fand er, da er ſeiner Selbſtändigkeit hatte entſagen müſſen, loh⸗ nende Beſchäftigung bei ſeinem alten Lehrmeiſter. Kaum aber hatten auf dieſe Weiſe ſeine Verhältniſſe ſich einigermaßen gebeſſert und ihm einen ſorgen⸗ freieren Blick in die Zukunft geſtattet, als der alte Lehrmeiſter vom Schlagfluß getroffen, plötzlich ver⸗ ſtarb und das Geſchäft aufgelöſt wurde, da nur weitläufige Verwandte ihn beerbten.
Da pochte wiederum bittere Noth an die Thür der kleinen Familie. Alles, was noch an den frü⸗ heren Wohlſtand erinnerte, alles nur irgend Ent⸗ behrliche mußte veräußert werden für einen Spott⸗ preis, um dem Hunger das armſelige Leben ab⸗ zuringen. Mehrmals hatten Matthew finſtere Ge⸗ danken beſchlichen; es gelüſtete ihn, die ſchmale Schranke zu überſpringen, welche das Diesſeit von dem unbekannten Jenſeit trennt. Aber das unſäg⸗ liche Elend, welches dann über ſein alleinſtehendes geliebtes Weib, über ſein hilfloſes Kind unfehlbar hereinbrechen mußte, hatte ihn noch immer von dieſer That der Verzweiflung zurückgehalten.
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Matthew blieb lange, lange aus, eine Ewig⸗ keit lang für die hungernde Mutter und das wie⸗ derholt nach Brod rufende Kind. Sie verſuchte es wieder in Schlaf zu bringen, aber es wollte ihr nicht gelingen, da das Kind daran gewöhnt war, mit der Flaſche voll warmer Milch in den Schlaf gelullt zu werden. Schreiend und weinend wollte es ſich nicht beſchwichtigen laſſen.
Endlich kehrte Matthew zurück. Neun blanke Goldſtücke und eine Menge kleinerer Münze ſchüttete er in ihren Schooß, dann kramte er allerlei Lebens⸗ mittel aus ſeiner Taſche und aus einem kleinen Beutel etwas⸗Zuckerbrod für den jetzt bald beru⸗ higten Jungen, und ſchließlich holte er auch wieder das Medaillon aus ſeiner Bruſttaſche hervor und band es ſchweigend ſeiner Frau um den Hals. Freudig bewegt gewahrte ſie nicht gleich, wie ſein Blick nicht minder umdüſtert war, als vorher.
Alle drei fielen jetzt erſt mit Heißhunger über die lang entbehrten Nahrungsmittel her und ſelbſt die ſorgenſchwere Stirn des jungen Mannes glät⸗ tete ſich, als er den Appetit ſah, welchen zu ſtillen ihm vergönnt geweſen.
„Nun noch dieſes ſchöne Stück Fleiſch, dieſe Kartoffeln, das wird eine herrliche Mittagsmahlzeit abgeben!“ rief die Mama.„Du haſt einen Wohl⸗ thäter gefunden, Du haſt wieder Arbeit!“ ſagte ſie dann. 8 „Ja, ich habe wieder Arbeik antwortete er, und ſeine Stirn wurde wieder düſter.„Iß und trink, da haſt Du Geld, hole Milch für den Jun⸗ gen,“ ſetzte er mit ungewohnt harter Betonung hinzu.
Sie ſchaute ihn verwundert an, dann nahm ſie von der Scheidemünze und ging, während ſie den Jungen ſeinem Arm übergab.
ein⸗ Die ihre
Von jetzt an ſchien der Wohlſtand wieder zukehren in dieſe ſchwer geprüfte Familie. Wangen der jungen Mutter rötheten ſich und Augen ſtrahlten wieder im alten Glanze. Der kleine Charley wuchs und gedieh, daß es eine Luſt anzuſehen war. Nur Matthew ſelbſt blieb ſtill und in ſich gekehrt, wie früher gar nicht ſeine Art geweſen war. Ein geheimer Kummer, den er tief verborgen in ſeinem Buſen trug, ſchien ihn zu drücken und ſeine Antworten auf die Fragen ſeiner
beſorgten Gattin lauteten beſtändig ausweichend; dann auch zwang er ſich bisweilen, eine Luſtigkeit
zu erheucheln, welche ſeinem Herzen fremd war. Mehr wie je beſtürmte er ſeine Frau, öffent⸗ liche Geſellſchaften zu beſuchen und er entwickelte hier oft einen Aufwand, welcher Staunen und Neid bei all' ſeinen Bekannten hervorrief, obgleich er nicht knauſerte und häuſig die ganze Geſellſchaft traktirte. Man flüſterte ſich allerlei in die Ohren,
doch eer bemerkte nicht die zweideutigen Blicke, nicht
die SRhelredan welche ihm nicht zu Ohren kamen.
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