Heft 
(1859) 4 04
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Emil Lichtappel: Der Falſchmünzer und ſein Kind. 103

abgrenzt. Daher drängt ſich Kopf an Kopf vor der Doppelthüre des Salons und nur der alte Miska ſteht ein gewaltiger Cerberus in voller Montour an derſelben, um die allzu Wißbegierigen zurückzudrängen, indem er, ſein gewöhnlichesNi, a fenne murmelnd, bald dieſem, bald jenem einen Klaps verſetzt. Aber umſonſt verſuchte er es, heute ein ernſtlich böſes Geſicht zuwege zu bringen, denn die Freude hat ſich des guten Alten ganz und gar bemächtigt. War doch jetzt Alles wieder in der gu⸗ ten alten oder vielmehr in neuer, noch beſſerer Ordnung, denn früher. Doch warum der Erzäh⸗ lung vorgreifen?

Am oberen Ende des Salons ſchauen wir eine freundliche Gruppe. Dort ſitzt der alte Graf mit ſeiner Gemalin und Bertha, daneben La⸗ dislaus an der Seite Viktorinens. Der Ka⸗ pitän hält des Mädchens Hand in der ſeinen, er darf dieß nun öffentlich thun, er, dem früher ein verſtohlener Händedruck zum Verbrechen geworden. Welche Seligkeit ſtrahlt aus ſeinen Blicken! Hat er nicht Alles, was er in glühenden Träumen nur geträumt erreicht? Voll Entzücken ſchaut er in Viktorinens lieblich erröthendes Antlitz, welche die Augen auf den Boden heftet; gedenkt ſie des Myrtenkranzes, der auf ihrem Haupte ſchimmert? Nun iſt der Mann, an dem ſie mit ganzer Seele hängt, nicht mehzaader verſtoßene Flüchtling, dem ſie insgeheim die Roſe in die Hand gelegt, deren Blätter jetzt das Medaillon an ihrem Buſen fül⸗ len, die Roſe ihres Daſeins hatte ſich duftend wieder erhoben!

Der alte Graf aber iſt heute wieder jung ge⸗ worden. Hei, wie er den Schnurrbart dreht, gerade ſo wie einſt, da dieſer noch blond geweſen, die Zunge ſchnalzt und die Augen funkeln voll jugend⸗ licher Lebensluſt, da er die Gräfin um den Leib faſſend ausruft:Einje Mama, laß uns auch noch einmal Kinder ſein mit den Kindern! und in den Reihen der Tanzenden verſchwindet.

Ni, a fenne, murmelte jetzt der alte Miska und eine Thräne benetzte die greiſe Wimper,ei, da habt Ihr's, kann ein Fohlen beſſer ſpringen, als unſer alte Herr? Und der Alte vergaß einen Augenblick ſein Cerberusan und tänzelte ſporen⸗ klingend luſtig unter der Thüre umher.

Sollen wir noch Weiteres unſerer Erzählung hinzufügen? Etwa, daß Ladislaus ſeinen ehren⸗ vollen Abſchied von der franzöſiſchen Armee mit dem Majorstitel bekam daß ihn ſeine Beſucher meiſt an ſchönen Abende geſchmackvollen Kiosk, den eine alte Eiche überſchattet und ein junges Wäldchen umgebt, Kreiſe der Seinen ſinden? Unter dieſer großen Ciche hatte er, auf die vort vorbeiziehende Straße ſchauend, Vikto⸗ rine zuerſt erblickt. Das kleine Wäldchen, das ringsum gepflanzt iſt, nengen die Leute jetzt allge⸗ meindas Schreiberwäldchen.

Der Falſchmünzer und ſein Kind. Omne 95 nee, I+ Novetketre von Emil Lichtappel. M

0 Für die letzten Pfennige habe ich unſerm kleinen Charley ſo eben etwas Zwieback d und Milch gekauft und Du haſt ſeit ge⸗ ſtern Mittag nichts gegeſſen, ſagte ein bleiches jugendliches Weib mit faſt kind⸗ lichen Zügen, auf welche indeß Entbehrung und Gram bereits tiefe Furchen gegraben hatten, zu ihrem Mann, der mit troſtloſer Miene und geſenk⸗ tem Haupte, die gefalteten Hände zwiſchen den Knieen, hinter dem lauwarmen Ofen ſaß.

Ihr ward keine Antwort zu Theil.

Auch ſie ſchwieg und näherte ſich dem Fen⸗ ſter, welches der ſchneidende Froſt bis auf eine kleine Oeffnung mit Eisblumen überzogen hatte, und ſtarrte hinaus in die wirbelnden Flocken da draußen, bis aus dem Winkel hinter dem Oſen der kleine Schläfer erwachte, ſich die Augen rieb und 2 ama. Mama! rief.

Sie wendete ſich um, ihre Augen waren feucht, ſie hatte geweint.Ich komme, mein Kind! ſagte ſie und wickelte es aus den Tüchern und Lappen heraus, mit denen ſie es ſorgſam vor der Kälte zugedeckt hatte. Es war ein hübſcher Junge von ungefähr zwei Jahren, der ſich ſo rothe Bäckchen geſchlafen hatte und noch immer ſchmeichelnd:Papa! Mama! rief, während er ſich an die Mutter ſchmiegte, welche ihn jetzt auf ihren Schooß nahm,

Brod! rief er dann und ſie eilte, ihm das ſchon bereit gehaltene kärgliche Frühſtück zu geben. Bald war es verzehrt, aber der kleine Magen war noch nicht befriedigt, Charley ließ wiederholt noch ſeinen Ruf nach Brod erſchallen.

Warte nur, Kind, Du ſollſt gleich mehr haben, Mama muß erſt mehr holen. Hier, ſpiele ſo lange ein wenig! Sie ſtellte ihn an ſeinen kleinen Tiſch, gab ihm eine kleine aus bunten Lappen zuſammen⸗ gewickelte Puppe hin und ging dann mit leiſen un⸗ hörbaren Schritten in die anſtoßende Kammer.

Ein leiſes Schluchzen wurde vernehmbar durch die nur angelehnte Thür. Dasſelbe weckte endlich den jungen Mann aus ſeiner Apathie. Er ſtand auf und ſtrich ſich die Haare von der hohen Stirn zurück, und öffnete dann die Kammerthür, während er den Arm um ſeine junge Frau legte, welche ihre brennend heißen Thränen in das Kopfkiſſen barg.

Haben wir denn gar nichts mehr zu verkau⸗ fen, Eliſe? feagte er leiſe. Ach, er wußte ja nur allzu gut, daß alles Werthvolle längſt zum Juden gewandert war.Du haſt Recht, ſo geht es nicht mehr, aber wie Abhilfe ſchaffen? Ich habe mich ſchon lange um Arbeit beworben, und weiß Gott! ich würde auch die ſchwerſte nicht ſcheuen und mich auch der niedrigſten nicht ſchämen, aber alle meine Bemühungen ſind bisher vergeblich ge⸗

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U ſollen wir denn heute Brod nehmen?