Heft 
(1859) 4 04
Seite
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102 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Jenes Zimmer zur Rechten, in das wir jetzt treten, iſt von Männern angefüllt, deren düſterer Anblick zu dem finſteren Ausſehen des Gemaches vollkommen im Verhältniſſe ſteht. Welch' tiefe Stille herrſcht in dem Gemach, nur unterbrochen durch den Eintritt eines neuen Ankömmlings oder die Stimme des Auditors, welcher aus dem anſtoßen⸗ den Saale manchesmal heraustretend, die Anwe⸗ ſenden der Reihe nach vor die Unterſuchungs⸗Kom⸗ miſſion ruft, die dort ihre Sitzungen hält.

Treten wir in ein anderes Gemach. An einem neben dem Fenſter ſtehenden Tiſch ſitzt ein Ge fangener den Kopf in die Hände geſtützt. Sein Blick ſucht durch's Fenſter die Ferne zu gewin⸗ nen vor ihm liegt ein Brief es iſt eine Frauenhand, welche dieſe Zeilen bebend geſchrieben.

Der graué Bart, die gebleichten Haare geben dem kühnen, geiſtvollen Antlitz einen ehrwürdigen, düſteren Ausdruck, der durch eine tiefe Furche, vom Kummer über die gebräunte Stirne gezogen, noch vermehrt wird.

Und wie er ſo hinausblickt in die weite Ebene, die ſich nach Süden und gen Oſten hin ausbrei⸗ tet da ſtreckt er ſeine Arme verlangend aus, ſeine Seele weilt fern von dieſen Räumen, auf den Flügeln der Sehnſucht hat ſie ſich erhoben und iſt hingeeilt zu den weinenden Lieben, die der Strom der Ereigniſſe im wilden Brauſen getrennt hat.

Da ertönt Geräuſch an der Thüre. Unwillig wendet der Einſame das Haupt. Warum ſtört man ſeine Träume? Aber die Erſcheinung, die ſich ihm darbietet, hatte er nicht erwartet. Es iſt nicht der Kerkermeiſter, der ihm den gewöhnlichen Mor⸗ genbeſuch abſtattet ein Mann tritt vor ihn in ſchimmernder Uniform. Unbemerkt von dem Er⸗ ſtaunten blicken zwei Frauenköpfe durch die halb⸗ geöffnete Thüre. Der Eintretende überreicht ſchwei⸗ gend dem Gefangenen eine Schrift. Als der Letztere ſie haſtig entfaltet hatte und dann den Inhalt zu leſen begann, fingen ſeine Hände zu zittern an und eine ungeheure Aufregung bemächtigte ſich ſeiner.

Frei! rief er,frei! o Gott, ich wäre frei! aber das iſt unmöglich, fuhr er in zwei⸗ felndem Tone fort,es iſt Blendwerk, das meine Augen trügt!

Nicht Blendwerk, entgegnete der Offizier mit einer vor Rührung bebenden Stimme.

Bei ihrem Klange brach eine Fluth von Erin⸗ nerungen in das Gemüth des Greiſes. Die Hände falteten ſich über dem herabſinkenden Haupte zu⸗ ſammen, die Augen hatten ſich geſchloſſen. War die Stimme, die er vernahm, die eines Todten, welcher aus dem Grabe ſich erhebend, ihm in den Weg ſeines Lebens trat und Rache forderte dafür, daß er mit Schimpf hinausgeſtoßen worden aus dem Kreiſe der Glücklichen? Doch nein, es ſprach die Verſöhnung aus ihr, Vergebung, die ihm Frei⸗ heit kündete und brachte. Brachte? Ja, denn ein Blick auf das Papier überzeugte ihn

vollends von der freudigen Wahrheit. Die Wucht der Eindrücke war zu groß, als daß er ſie ſogleich zu tragen vermocht hätte. Er verſank wieder in ein ſtummes, aber nicht trauriges Hinbrüten.

Da fühlte er ſich von liebenden Armen um⸗ fangen. Die WorteBéla!Mein Vater! ſchlu⸗ gen wie Himmelsklänge an ſein Ohr. War er im Gefängniſſe? Sind es nicht die theuerſten, verlo⸗ ren geglaubten Schätze, von denen er im Wachen und im Schlafe geträumt und die er nun an das pochende Herz drückt? Sein Weib, ſeine Kinder?

Mit ſtummer fragender Geberde deutete jetzt Graf Bela, indem er die Gräfin anblickte, auf den Offizier, der in das Dunkel des Hintergrun⸗ des zurückgezogen die Szene betrachtete, nicht nur betrachtete, ſondern mitfühlte und darin lebte.

Ja ſieh' ihn hier, begann die Gräfin mit Wärme,ſieh' ihn, Ladislaus, den Retter unſer Aller! Mit Gefahr ſeines Lebens hat er das Werk Deiner Befreiung unternommen.

Und nun erzählte die Gräfin in Kurzem den Hergang der Ereigniſſe ihrem Gemale, der mit ſteigender Theilnahme, mit fieberhafter Ungeduld aufhorchte. Und als die Erzählung am Schluſſe war, da ſtand der Greis von ſeinem Sitze auf, nur einen Augenblick ſpiegelte es ſich in ſeinen Augen, wie wenn ein Widerſtreit von Gefühlen ſtattfände; aber plötzlich öffinelezunudie verſchränkten Arme und mit dem Rufe ind ein edler Mann! ſchloß er Ladislaus in dieſelben.

10.

Diealte Veſte Daroczfalva hatte wieder ein feſtliches Gewand angezogen. Zigeunermuſik drang aus ihren Räumen, die Höfe waren ange⸗ füllt von den Gefährten der Gäſte, in den Stäl⸗ len ſtampften und wieherten die herrlichen Roſſe, deren Wärter in feſtlicher Tracht, den Federhut kühn auf die Seite geſtülpt, die herrſchaftlichen Mägde nach den elektriſirenden Klängen herum⸗ wirbelten, hoch aufjauchzend und erhobenen Armes, wie dieß nun ſchon unumſtößliche Bedingung des Csardästanzes iſt, während Andere anderen Ge⸗ nüſſen zuſprachen, indem ſie an dem Weine ſich gütlich thaten, welcher perlend aus den weitbauchi⸗ gen Fäſſern entquoll, und die nach altungariſcher Manier in großartigem Maßſtabe zubereiteten Bra⸗ ten und das in purpurrothen Meeren ſchwimmende Paprikafleiſch vertilgten.

Da ich meine Leſer nicht anders als über die Stiege in die Salons der Herrſchaft führen kann, ſo erwähne ich, daß das Stiegenhaus bis zu den Gemächern erfüllt iſt von dem Geſinde, welches neugierig dahin ſtrömt, um ſich an dem Vergnü⸗ gen derurak(Herren) zu weiden. Es herrſcht auf dem Lande und insbeſondere in Ungaru nicht jene ſtrenge Kontinentalſperre, welche Leid und Freud' der Herrſchaft und ihrer Diener ſo hart von einander