Alexander Hutſchenreiter: Der Schreiber. 99
bleich— einen Augenblick ſtockten die Pulſe— auf
eine Stelle und immer wieder auf dieſe eine ſtarrte
regungslos das Auge. Da ſtand:
„Laut Urtheil des Peſter k. k. Kriegsgerichtes iſt Graf Béla Daröczy des Hochverraths für ſchul⸗ dig erkannt und zu zehnjähriger Feſtungsſtrafe ver⸗ urtheilt worden. Zugleich wurde die Strafe der Konfiskation über das ſämmtliche liegende Ver⸗ mögen des Verurtheilten ausgeſprochen. Durch be⸗ ſondere a. h. Gnade iſt der Familie des Verur⸗ theilten das Schloß Daroͤczfalva noch fortan be⸗ laſſen worden.“
„Graf Daröczy ein Hochverräther! Un⸗ möglich!“ rief Ladislaus. Aber da ſtand es ja, die grauſamen dunklen Lettern ſprachen es nur zu gewiß aus, ein Irrthum war hier undenkbar. Viktorine, die reiche Magnatentochter, nun das Kind eines Sträflings! Ladislaus ſah im Geiſte die Mutter— er ſah Viktorine in un⸗ endlichem Jammer die Hände dem Vater reichen, bevor er in die traurige Verbannung ſchied— für eine Ewigkeit! Sind zehn Jahre nicht eine Ewig⸗ keit für einen Greis? Und— wenn er wieder⸗ kehrte, würde es dann für ihn und die Seinen noch kin Leben, noch einen Tag, eine Freude geben?
Ladislaus ſprang auf. Im Augenblicke war in ihm ein Entſchluß zur Reife gekommen. Schnell warf er ſich in die Paradeuniform und verließ mit raſchen Schritten das Zelt.
Nach einer Stunde kehrte er zurück. Eine Schrift lag in ſeiner Hand. Der Colonel hatte dem verdienſtvollen Kapitän Urlaub auf zwei Mo⸗ nate ertheilt; die Umſtände hatten günſtig dazu mitgewirkt, denn eben war in Folge der heutigen Schlacht ein Waffenſtillſtand abgeſchloſſen worden.
7.
Der Herbſtſturm ſchüttelte die letzten gelben Blätter von den Bäumen der uns wohlbekannten Allee des Daroͤczfalver Schloſſes. An die ge⸗ ſchloſſenen Fenſter des Hauſes ſchlug der ſchwere, kalte Novemberregen, nichts unterbrach die trübe, melancholiſche Stille. In den weiten Höfen des Schloſſes war es wie todt— erſtorben das frohe Treiben von ehedem. Dort unter jener Thüre ſtand der alte Miska und rauchte ſein Pfeifchen. Allein es ſchien ihm nicht zu munden und er warf es unmuthig auf die nächſte Kommode.
„Iſt das ein Leben,“ begann er, ſich an ſein Weib wendend, das am Fenſter ſaß und ſpann— „iſt das ein Leben, ni, ni, a fenne— ſo öde und todt. Und unſer arme Herr, deſſen Gewiſſen ſo rein iſt wie die Pflugſchar, wenn ſie aus der Furche kommt! Und das arme Weibsvolk da dro⸗ ben, wie ſich das härmt und weint— a fenne—
es bricht einem völlig das Herz!“ Der Alte wiſchte
ſich mit der Hand über die Augen.„Ja„aut.a 8
noch unſer alter Schreiber da wäre, 18, ewe d
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noch einen Troſt für die arme junge Gräfin. Das iſt das Einzige, was unſerem guten Herrn zur Laſt fällt, daß er den lieben jungen Mann wegen ſo einer Liebeshiſtorie mir nichts dir nichts aus dem Dienſte entfernt hat. A fenne— hätt' ihm das Mädel auch geben können. Damals hat mir auch drei Tage lang nicht ein Glas Wein und keine Pfeife geſchmeckt——— daß———
Da erklangen die Töne eines Poſthorns luſtig durch die Stille. Der Alte horchte verwundert auf; ſo etwas war hier ſchon lange nicht gehört worden, ſeit man den Grafen fortgeführt. Jetzt rollte ein Wagen unter das Thor, und ehe der Haiduk hin⸗ ſpringen konnte, um den Schlag zu öffnen, ſprang ſchon ein hochgewachſener Offizier, deſſen Geſicht, ſo wie die fremdartige, prächtige Uniform er nicht kannte, aus der Kaleſche. Als aber Miska die Stimme des Ankommenden hörte, welcher nach der Gräfin fragte, da durchbebte es den Alten mit freudiger Gluth und mit dem Rufe:„A fenne, Herr Schreiber!“ faßte er des Offiziers Hände und ſchüttelte ſie treuherzig. Dann ſprang er, einem Jünglinge gleich, die breite Treppe hinauf, um den theuren Gaſt zu melden. Aber Ladislaus, ſchneller als er, faßte ihn bei der Hand, und den Finger auf den Mund legend, verbot er Miska, des Gaſtes Namen zu nennen.
In demſelben Zimmer, in welchem Ladislaus einſt Abſchied genommen von der Gräfin, ſaß die Trauernde mit ihren Töchtern.
Auf Miska's Meldung trockneten die Frauen haſtig ihre Thränen. Was wollte ein Fremder in dem Heiligthum ihres Leides?
Ladislaus trat ein. Die Gräfin vermochte ſich dieſer gebräunten, etwas veränderten Geſichts⸗ züge, dieſer fremden Tracht nicht zu entſinnen; aber Viktorine hätte den Geliebten unter Tauſenden wieder erkannt.
„Er iſt es, Ladislaus!“ rief ſie und eilte ihm entgegen. Als Gräfin, hoch über dem armen Schreiber ſtehend, hatte ſie ihm ja ihre Liebe ge⸗ ſchenkt, ſollte die Tochter des Gefangenen ſich dieſer Liebe ſchämen?
„Ladislaus,“ ſprach die Gräfin, nachdem auch ſie ihn erkannt hatte,„trügt mich nicht meine Ahnung, ſo kommen Sie als Tröſter und Hel⸗ fer in der Noth. O wie ſchwer hat uns Gott geprüft. Ladislaus, wiſſen Sie————?“
„Ich weiß,“ ſprach Ladislaus, ohne das Ende von den Worten der Gräfin abzuwarten⸗
„Mein Gemal ein Hochverräther, er, der mit blutendem Herzen den unſeligen Bürgerkrieg be⸗ klagte, an dem er keinen Theil hatte! Er fiel durch die Tücke und Rache eines Mannes, den er einſt geliebt hatte wie einen Sohn.“
„Wer, wer iſt der Elende?“ drang La⸗ dislaus jetzt in die Gräfin. Dieſe zog ihn lang⸗ ſam an’s Fenſter.
„Kennen Sie,“ ſprach ſie leiſe,„den Grafen Szatmäar, Viktorinens einſtigen Bräutigam?“
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