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98 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
dem feurigen Italiener, der ſtolz einherſchreitende Spanier neben dem von der Heimat träumenden Polen. Es iſt dieß die Fremdenlegion. Der Durſt nach Ruhm, politiſche Unzufriedenheit hat dieſe bunte Geſellſchaft zuſammengewürfelt und ihren Mit⸗ gliedern die blinkende Waffe in die Hand gegeben. Zu den Zelten, welche ſich in dieſer Abtheilung des Lagers befanden, ſchritten zwei Reiteroffiziere. Ge⸗ nüge es zu ſagen, daß der Eine ein hoher, ſchöner Mann, ernſten Antlitzes war, der das Kreuz der Ehrenlegion auf der Bruſt ſicher der noch kaum vernarbten⸗Stirnwunde verdankte, mit welcher ein Beduinenſäbel dieſe gezeichnet; während des ande⸗ ren, an Geſtalt kleineren Kriegers volles, rundes Geſicht ſo luſtig in die Welt hineinblickte, als ob es überall nur einen Kommerz und Krampampoli gäbe, mit welcher Anſicht auch das alte Burſchen⸗ lied vollkommen übereinſtimmte, das er vor ſich hinträllerte:
„Und fehlt's an Geld zuweilen, So heißt es dann verkeilen“ ꝛc.
Die beiden Offiziere hatten ihr Lagerzelt er⸗ reicht. Nachdem ſie der blutigen Kleider und Waf⸗ fen ſich entledigt, ſtreckte ſich der Erſterwähnte auf ſein Lager, der Andere aber machte ſich ſogleich an die Vernichtung eines ziemlich bedeutend ausſehen⸗ den Abendmahls.
„Hör' mal, Bruder Kapitän,“ begann der Eſſende jetzt im reinſten ſächſiſchen Dialekte,„hör' mal, willſt Du nich mithalten? Ich habe hier meinem Burſchen eene janz famoſe Hammelskeule abjekeilt, die er einem Beduinen, der nich mit ihm theilen wollte, jenommen. Du wirſt doch wohl, meine ich, auch einigen Hunger verſpüren— denn, bei meinem Bart! wie der alte Götz von Berlichingen ſagt,'s war'n tüchtiges Stück Arbeit heute! Ja, ja,'s gab'nen heißen, aber glücklichen Tag, wir haben die braunen Kerle daranjekriegt, daß es eene Art hat.“
„Glücklicher Tag,“ erwiederte der Andere und betrachtete die mit Blut bedeckten Säbel, welche der Diener eben hinaustrug,„Du willſt wohl ſa⸗ gen, es ſei Blut gefloſſen?“
„Ne“, erwiederte der Dicke,„ſchon wieder die alte Melancholie, Freund Bruder! Bei meinem Bart, hätte ich Dich nich ſchon hundertmal und auch heute wieder bewundert, wie Du jener braunen Mumie, die eine ſolche Luſt nach Deinem Schim⸗ mel bezeigte, die ſpärlichen Haare ſo ſäuberlich weg⸗ raſirteſt, wie der feinſte Barbier in Dresden; hätte ich's nich jeſehen, wie Du dann eenen Andern ſo prachtvoll tranchirt haſt, wie der ſchwäbiſche Ritter in Uhland's Schwabenſtreichen:
„Und zur Rechten und zur Linken 1 Sah man einen halben Türken herunterſinken.“—
bei meinem Bart! hätte ich das nich jeſehen und mir darob ſo das Herz jelacht, daß ich jubelnd in
den Kampf ſprengte, wie der Bummler in die Schnapsboutique: ſo würde ich Dich eher für eenen finſteren Mönch halten, als für eenen Krieger. Man ſieht nun einmal, daß Dir der Krieg gegen das Unkraut, das die Kartoffel oder den Roggen zer⸗ ſtört, beſſer behagt, als der Kampf gegen dieſe Menſchen oder vielmehr Teufel will ich ſagen, denn mit einem Menſchennamen kannſt Du doch, trotz all Deiner Humanität, eene ſolche Bagage von luft⸗ gepöckelten Skalpirern, meiner Seele! nich beehren. Aber jetzt komm und iß, ſonſt, bei meines Vaters Bart! ſtehe ich nich gut dafür, ob dieſer Hammels⸗ braten da nich ganz in deutſchem Vaterlande na⸗ turaliſirt wird!“
Wie maſchinenmäßig ſtand der Angeredete auf, und nachdem er ſchweigend der Forderung des Ma⸗ gens Genüge geleiſtet, kehrte er wieder zu ſeinem Lager zurück und ſchloß die Augen..
Wohl mochten es liebe, aber keine freudigen Bilder ſein, die vor ſeinem Geiſte vorüberzogen— denn er ſeufzte. Ein fernes, ſchönes Land— nicht ſeine Heimat— aber ein Land, welches er henſo liebte, wie dieſe, lag vor ihm jene zarte Mäd⸗ chengeſtalt, welche ſo traurig, e vebrochene Lilie an der weinenden Mutter e den blühenden Garten dahinwandelt— er hat alles dieſes verlaſſen— muß es meiden— ein thaten⸗ reiches Leben aufſuchen, um ſich vor der Ver⸗ zweiflung zu retten! Er hat es nun erreicht, die⸗ ſes thatenreiche Leben— den Waffenruhm— die Ehre— aber ſein Gemüth iſt dasſelbe geblieben, das Blut kühlte nicht ſeinen Schmerz— anekelnd iſt ihm der Anblick der Leichen! Der Kapitän liebte zwar ſeine Kameraden und hatte das Be⸗ wußtſein, auch von ihnen geachtet zu werden; wenn ihn aber der Gedanke an die Vergangenheit er⸗ faßte, ſo betrachtete er ſein jetziges Leben wie ein Buch, welches der Leſer intereſſelos durchblättert, um den Inhalt ſchnell wieder zu vergeſſen.
Jetzt erſchien des Kapitäns Diener und brachte ein Packet. Es waren Briefe, Zeitungen aus Eu⸗ ropa. Dort brauſte damals jener gewaltige Sturm, es geſtaltete ſich jener Umſchwung esi ge wel⸗ cher die alten Verhältniſſe in den H warf. Die verblühte Jungfrau Europa wollte wieder ju⸗ gendlich werden und ſehnte ſich nach neuem Schmucke. Der Kapitän nahm die Zeitungen aus dem Vater⸗ lande und begann zu leſen. Sein luſtiger Kame⸗ rad ſchlief und ſchnarchte ſo gründlich, daß ihn höchſtens eine Bombe geweckt haben würde.
Nach und nach begann zwar der Lauf der politiſchen Ereigniſſe wieder ein geordneterer zu werden, ſo wie der Strom, welcher ſich über die Länder ergoſſen, nach unendlicher Verwüſtung der⸗ ſelben in ſein Bett zurückkehrt; aber die Sühne ſo mancher Thaten koſtete Blut! Mit Wehmuth überzählte Ladislaus die Urtheile, welche die ſtra⸗ fende Gerechtigkeit in Ungarn, ſeiner zweiten Hei⸗ mat, geſprochen. Plötzlich aber wurde ſein Antlitz


