338 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Beſorgniß, es könne ein Korſarenſchiff ſein. Je länger er das Schiff beobachtete, je mehr hielt er ſich von ſeiner Befürchtung überzeugt, ja er zweifelte zuletzt gar nicht mehr daran, von Neuem in die Hände der Türken zu gerathen und dem Loſe, welchem er ſich entronnen glaubte, nochmals anheim zu fallen. Und trotz allen Ruderns ließ ſich eine Begegnung nicht vermeiden. Der Wind trieb das kleine Bot gerade dem Schiffe zu.
Andreas zitterte vor Furcht; aber er konnte ſeine Blicke nicht abwenden von dem Fahrzeuge, welches ihn einer vielleicht noch grauſameren Gefangenſchaft zuführen mußte. Diesmal ſollte er ſich umſonſt geäng⸗ ſtigt haben; die Bauart des Schiffes wich von der der türkiſchen weſentlich ab— es war ein portugieſiſcher Kauffahrer. Jetzt wußte ſich Jolky vor Freude kaum zu faſſen; er umarmte den Türkenknaben und ſchrie und ſang und ſchwenkte Tücher, um die Aufmerkſamkeit der Portugieſen auf ſich zu ziehen. In Sprechweite rief man ihn an; er mußte eine Menge von Fragen beant⸗ worten, ehe ihm geſtattet wurde, das Deck zu betreten.
Nachdem Jolky dem Kapitän genügende Aus⸗ kunft über ſich und ſein Abenteuer gegeben, reihte ihn dieſer den Matroſen ein, während der kleine Türke für den Kajütendienſt verwendet wurde. Allerdings war dieſe Arbeit nicht nach dem Geſchmacke des Schneider⸗ jünglings, aber er mußte doch Gott danken, dem un⸗ gleich drückenderen Joche und der Peitſche der muſel⸗ männiſchen Sklaverei entgangen zu ſein, unter civili⸗ ſirten Menſchen zu leben und hoffen zu dürfen, das Vaterland wieder zu ſehen. Jetzt lag dieſe Hoffnung freilich noch ſehr fern, denn Macao war das Reiſeziel und ſie warfen auch nach einer mehrmonatlichen Fahrt im März 1757 auf der Rhede El Tappa, die von vier felſigen Inſeln gebildet wird, und vor allen Orkanen Schutz gewährt, Anker.
So ſah ſich denn Jolky unerwartet von der Türkei nach China verſetzt, unter ein Volk, deſſen Le⸗ bensart und Sitten ihm völlig unbekannt waren. Nichts deſto weniger behagte es ihm in Macao ganz wohl die Stadt ſelbſt mit ihrem lebhaften Verkehr, ihren ſchönen Straßen, ihrer prächtigen Lage und allen ihren Eigen⸗ thümlichkeiten gewährte ihm viel Zerſtreuung, und er konnte ſich einem ſorgloſen Leben wenigſtens für einige Zeit um ſo leichter hingeben, als ihm der Verkauf ſeines türkiſchen Fahrzeuges die hübſche Summe von achtzig ſpaniſchen Thalern in die Hände gebracht hatte.
Voll Dank für alle ihm erwieſenen Wohlthaten nahm Jolky von dem menſchenfreundlichen Portu⸗ gieſen, der nicht ſo bald nach Europa zurück kehrte, Ab⸗ ſchied, und traf mit dem Führer eines chineſiſchen Fahr⸗ zeuges das Uebereinkommen, ihn mit nach Kanton zu nehmen. Den Türkenknaben wollte der Chineſe indeß ſchlechterdings nicht mit aufnehmen, Andreas über⸗ ließ ihn daher für eine mäßige Summe dem portugie⸗ ſiſchen Kapitän und ſege„ab.
Auch Kanton ſah er nach einer ſehr glücklichen Fahrt vor ſich. Mehr die Neugier, eine chineſiſche Stadt zu ſehen und der jugendliche Uebermuth als die Noth⸗ wendigkeit hatten ihn hierher verführt. Und wirklich
fand er des Sehenswerthen genug, denn Kanton mit ſeinen vierhundert Pagoden, ſeinen in das Waſſer ge⸗ bauten Häuſern und ſeinen zu Wohnungen dienenden Jonken bot einen Anblick, wie wohl kaum eine andere Stadt der Welt. Aber Jolky' Neugier wurde um ſo raſcher befriedigt, je ſchneller ihm die Chineſen ſeine ſpaniſchen Thaler abzunehmen verſtanden. Er war bald wieder ſo arm wie er nur je geweſen, und er mußte auf Mittel bedacht ſein, nicht blos ſein Daſein zu friſten, ſondern auch dem chineſiſchen Reiche zu entfliehen. Es gab kaum eine andere Hilfe, als bei den Holländern Dienſte zu nehmen, doch ſollte dies nur die letzte Zu⸗ flucht ſein; das Soldatenleben ſtimmte zu wenig mit des Jünglings zwangsloſen Gelüſten überein, um ſich ihm ſo leichthin zu überliefern.
In ſeiner Bedrängniß und von der Hoffnung ge⸗ tragen, daß ſich doch wohl noch ein anderer Ausweg finden werde, ſuchte er den holländiſchen Konſul de Viet auf und erzählte dieſem, wie er von Wien aus⸗ gewandert, um nach Paris zu gehen und wie er ſtatt dahin zu gelangen nach den unglaublichſten Irrfahrten bis hierher verſchleudert worden war.
Wenn Jolky vielleicht geglaubt hatte, durch ſeine Erzählung die Theilnahme des Konſuls zu erwecken und durch ihn die Mittel zur Heimreiſe zu erhalten, ſo ſollte er ſich arg getäuſcht ſehen. Der phlegmatiſche Holländer gab ihm nur den Rath, unter die Truppen einzutreten, und von der Noth gedrängt trat er ein.
Aber der Dienſt war beſchwerlich; die Truppen⸗ zahl war gering und Jolky kam kaum vom Wacht⸗ poſten fort. Das behagte ihm keineswegs, und als im November ein holländiſches Schiff im Hafen lag, das nach Batavia ſegeln ſollte, erwirkte er ſich die Erlaub⸗ niß, dorthin zu reiſen, um dort bei der Miliz Dienſte zu nehmen.
Batavia, dieſe berühmteſte aller holländiſchen Pflanzſtätten, eine Hauptſtadt und der Sitz eines Ge⸗ neralſtatthalters, gefiel Jolky ungleich beſſer. Er ſah ſich wieder unter Europäern, deren Sprache er ſich leicht aneignete, allein mit ſeinem Loſe war er deßhalb doch nicht zufrieden, er hätte gar zu gern die ſchwere Mus⸗ kete von ſich geworfen, um wieder zu der leichten Nadel ſeines Handwerkes zu greifen.
Bald ſollte ſich dazu eine Gelegenheit bieten. Der Hauptmann der Miliz hatte das Unglück, von ſeinem P. abgeworfen zu werden. Einen Schaden an ſei⸗ n eibe hatte der Officier zwar nicht genommen, aber ſeine Uniform war in einem troſtloſen Zuſtande und ganz beſonders waren ihm die Hoſen quer über das Knie zerriſſen. Andreas trat aus dem Gliede und bat um die Erlaubniß, den Schaden heilen zu dürfen. Seine Arbeit war ſo ſauber und fand ſo viel Beifall, daß der Hauptmann ihm noch weitere Beſchäftigung zutheilte und vom Wacheſtehen ganz befreite. Es dauerte nicht lange, ſo hörte der Vorſteher der oſtindi⸗ ſchen Handelsgeſellſchaft von der Parra von dem ſeltſamen Miltzſoldaten, der ſich auf das Schneider⸗ handwerk verſtand. Ein ſolcher Mann war ſchätzbar, er ließ ſich beſſer im Hauſe verwenden als vor dem


