336 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
zwei bis drei Mal auf den Spiegel, dann aber iſt Alles ſtill, wie zuvor. Stumm und lautlos war der Tapfere in den Tod gegangen, die Ordre, der er ſich Angeſichts eines ſchrecklichen Unterganges klar bewußt blieb, ſchloß ihm den Mund. Aber dieſer traurige Un⸗ fall konnte das Unternehmen nicht aufhalten; die Letzten folgten und gelangten glücklich hinüber, und Görtzke eilt in das Lager zurück, um an der Spitze der Seinigen ſich zum Eindringen bereit zu halten. Kaum ſitzt er im Sattel, da knallen Schüſſe aus der Stadt; der bekannte Siegesruf:„Hoch, Brandenburg!“ tönt durch die Nacht, die Thore fliegen auf und mit Hurrah dringen die Trup⸗ pen in die durch jene tapferen Freiwilligen ihnen geöff⸗ neten Straßen. Nach kurzem, blutigem Gefecht ſind die ſchlaftrunkenen Schweden beſiegt, niedergemacht, gefan⸗ gen, und der rothe Adler flattert von den Wällen des eroberten Demmin.
Als am andern Morgen der General die fünf⸗
undzwanzig Freiwilligen vortreten laſſen wollte, konnten
nur noch acht erſcheinen, von den anderen waren vier ſchwer bleſſirt, die übrigen, auch der Wachtmeiſter, wa⸗ ren todt. Die Leiche des Ertrunkenen war im uner⸗ gründlichen Moor verſunken, ſein Vordermann wie ſein Hintermann waren geblieben, und ſo iſt ſein Name nie ermittelt worden.
Der Ruhm des preußiſchen Heeres erhielt ſich in jenem und dem folgenden Jahrhundert ungeſchwächt. Während man aber in faſt allen Ländern Preußen ſich zum Muſter nahm, begann der Geiſt aus ſeinen Trup⸗ pen zu weichen. Unter Friedrich dem Großen ſelbſt, in den letzten Jahren des ſiebenjährigen Krieges, verſchlech⸗ terte ſich der preußiſche Soldat. Die alten Kernſcharen hatten ſich ſtark gelichtet und waren durch Ueberläufer, Kriegsgefangene und Landſtreicher erſetzt worden. Um dieſe Menſchen im Zaume zu halten, bedurfte es einer ſtrengen entwürdigenden Zucht. Nach dem Hubertsbur⸗ ger Frieden kam der Kamaſchendienſt in Flor, geiſtloſe Officiere gaben Alles auf Aeußerlichkeiten und Schnurr⸗ pfeifereien, doch hielt ein Reſt der alten Tüchtigkeit noch in den erſten Revolutionskriegen vor, und erſt als Na⸗ poleon die Franzoſen in ſeine beſſere Schule genommen hatte, konnte in der Schlacht bei Jena der zerſchmet⸗ ternde Schlag auf die„Schüler des großen Friedrichs“ geführt werden. Das Söldlingsheer verſchwindet nun, ſeine Stelle nimmt das Volksheer ein, deſſen Geſchichte mit dem Feldzuge von 1809 beginnt. Aus dem Kern der Bevölkerung herausgenommen und in dieſe nach kurzer Dienſtzeit zurückkehrend, iſt dieſes Heer, obgleich man es gern zu einem getrennten Körper machen möchte, weſentlich ein Beſtandtheil des Volkes. Vom höheren kulturgeſchichtlichen Standpunkte aus läßt es ſich deß⸗ halb bezweifeln, ob von 1809 an von einer Geſchichte des Soldatenthums noch wird die Rede ſein können. Welchen Werth als Bildungselement das Heer gerade jetzt hat, deuteten wir bereits an.
Ein Abenteurer wider Willen. Erzählt von Emil Dietze. (Fortſetzung.)
Fhe portugieſiſche Hauptſtadt war eben jetzt ganz beſonders ſehenswerth; im November vorher war ſie von dem allbekannten Erdbeben heimgeſucht
9 worden, und von den grauenvollen Verwüſtungen, welche dasſelbe angerichtet, zeigten ſich noch überall die ſe aſwech Spuren. Jolky be⸗
nutzte die müßige Zeit, in der Stadt und in ihrer nächſten
Umgebung umherzuſchlendern; aber dies ſetzte ihn in
die traurige Nothwendigkeit, vom Morgen bis zu ſeiner
Rückkehr am Abend zu hungern, denn er beſaß nichts,
um ſich irgend einen Genuß verſchaffen zu können. Dies gab ihm den Muth, den Kapitän um eine klingende
Belohnung, die er für ſeine während der langen Fahrt
geleiſteten Dienſte wohl beanſpruchen zu dürfen glaubte, zu bitten.
„Was!“ ſchrie ihm dieſer entgegen,„Geld wollt Ihr haben? Iſt es nicht genug, daß ich Euch mitge⸗ nommen und die ganze Zeit über unentgeltlich beköſtigt habe?“ Und der Mann lachte ſo höhniſch, daß unſer armer Teufel ſich voller Scham und Verdruß und mit dem Vorſatze, einem ſo undankbaren Manne nicht ferner zu dienen, zurückzog.
Jolky hatte nun zwar volle Muße, ſich die Ruinen von Liſſabon anzuſehen, allein daran dachte er nun kaum noch; ſeine Gedanken beſchäftigten ſich jetzt weit mehr damit, ein Schiff aufzufinden, deſſen Führer ihn beſſer lohnte. Fahrzeuge gab es im Hafen genug und von allen Gattungen. Andreas lief von einem zum andern, auf keinem bedurfte man eines Schneiders. Da ſchlich er denn recht traurig einher, und wenn ſich nicht ein paar gutherzige Matroſen ſeiner angenommen und ihm von ihrem Ueberfluß einige Brocken mitgetheilt hätten, er hätte, ohne daß ein Hahn darum gekräht, in Liſſabon verhungern können.
Einer ſeiner Gutthäter gehörte einem Malteſer⸗ ſchiffe an, das in wenigen Tagen unter Segel gehen ſollte. Ermuthigt von ſeinem ſeemänniſchen Freunde, machte er noch einen Verſuch bei deſſen Kapitän. Der Erfolg war kein beſſerer als alle ſeine bisherigen, er wurde kurz abgewieſen. Jolky ließ indeß ſeinen letzten Retkungsanker nicht ſo ſchnell fahren; er legte ſich auf Bitten. Lange wollten auch dieſe nicht fruchten; aber endlich erreichte er doch, was er wünſchte: Aufnahme und Ausſicht auf Lohn für ſeine Arbeit.
Wie es beſtimmt war, trat das Fahrzeug ſeine Fahrt wenige Tage darauf in Begleitung eines größeren Schiffes an. Das Wetter war heiter, der Wind günſtig: Alles ging vortrefflich bis zum ſechsten Tage. Eine kräftige Briſe, die ſich am Morgen erhoben hatte, trieb die beiden Fahrzeuge raſch vorwärts. Da gewahrten ſie gegen Mittag in ziemlicher Entfernung ein ungeheuer großes und zwei kleinere Schiffe, die, wie ſie bald zu ihrem Schrecken erkannten, Naubſchiffe waren. Schnell⸗


