Heft 
(1861) 11 11
Seite
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332 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

und waren bald am Bord des Dampfbotes, welches ſie ihrem neuen Wohnorte zuführte, untergebracht.

Das Glück was dem ehrlichen Schloſſermeiſter ſo lange den Rücken gekehrt hatte, ſchien ihm in Norris⸗ town günſtig ſein zu wollen. Nachdem er von dem Gelde, welches er aus dem Verkaufe ſeiner Werkſtätte in Philadelphia gelöſt, einen Laden in guter Lage ein⸗ gerichtet hatte, befand er ſich in ſechs Monaten im Beſitz einer größeren, einträglicheren Kundſchaft, als er in ſei⸗ ner Vaterſtadt beſeſſen. Schon fing die ſchwer geprüfte Familie wieder an, Muth zu ſchöpfen, der traurigen Vergangenheit nicht mehr nachzuhängen und mit fri⸗ ſchem Vertrauen in die Zukunft zu blicken, als ein un⸗ glückſeliges Verhängniß einen Tuchhändler von Phila⸗ delphia nach Norristown führte. Dieſer, voll von Neid über den Wohlſtand des ſeiner Anſicht nach vorſchnell freigeſprochenen Mannes, rühmte ſich in einem Gaſt⸗ hauſe der Stadt, daß er des Schloſſermeiſters Amos Sparks Zukunft auf ſeiner Zungenſpitze trage. Wie er vorausgeſehen, ward er von allen Seiten zum Er⸗ zählen gedrängt, welchen Aufforderungen er natürlich ſehr gern und ausführlich nachkam. Nur allzu bald ver⸗ breitete ſich die Kunde von den Vorgängen in Phila⸗ delphia in der Stadt, und nach kurzer Zeit ſah ſich die Familie Sparks zu einem zweiten Umzuge genöthigt. Sie ſuchen einen neuen Zufluchtsort auf, ſind aber auch hier nicht glücklicher als in Norristown, die Kunde ihres unverſchuldeten Unglücks verfolgt ſie überall. Vom Schickſal ſo unerbittlich verfolgt, verläßt die Unglück⸗ lichen endlich der Muth, noch länger gegen Verdacht und Verachtung zu kämpfen. Es bleibt ihnen nur noch eins zu unternehmen übrig, das Schloſſerhandwerk ganz aufzugeben, ſich von den Menſchen, die ihnen ſo vielen Kummer und Kränkungen zugefügt, zurückzuziehen und ſich nach den großen weſtlichen Einöden zu begeben, um hier von der Bebauung des Bodens und den ſelbſt er⸗ zielten Produkten ihr Leben zu friſten. Traurig treten ſie eines Morgens dieſe, wie ſie glauben, letzte Reiſe an und machen ihren erſten Halt ſpät am Abend unter dem ſchützenden Laubdach einer ſchönen uralten Sycomore, um ihr Abendeſſen einzunehmen. Jakob, welcher vor Traurigkeit nicht Theil an dem gemeinſchaftlichen Mahle hatte nehmen können, ſetzte ſich in einiger Entfernung unter einem zweiten Baume nieder. Um ſeinen ſchmerz⸗ lichen Gedanken eine andere Richtung zu verleihen, be⸗ gann er ein unterwegs eingekauftes Zeitungsblatt zu leſen. Plötzlich hören ihn die Seinen einen Freudenſchrei ausſtoßen er eilt zu ihnen und lieſt ihnen Folgendes in fliegender Eile vor:Philadelphia: Der Dieb der Million Thaler iſt entdeckt. Sparks war nicht ſchuldig. Der ſonſt ſo ruhige Mann nimmt das Blatt aus den Händen ſeines Sohnes und lieſt ſelbſt weiter.Kein anderer war der Dieb als der Zahlmeiſter der Bank ſelbſt. Im Augenblick, wo er hatte flüchten wollen, war er mit einem Mitſchuldigen feſtgenommen und, da die Summe bis auf eine fehlende Kleinigkeit bei ihm gefunden wurde, vollſtändig überführt worden.

Der Berichterſtatter fügte hinzu, daß der Direktor der Bank ſein Verfahren gegen den verleumdeten Sparks nun freilich zu ſpät bereue und den Kaufmann Strutt⸗ mann beſchuldige, einen großen Theil der Schuld an dem der Unſchuld zugefügten Unrechte zu tragen. Die Stimme des Volkes fordere einſtimmig, daß dem Ge⸗ kränkten Genugthuung gegeben werde und daß die Bank alles aufbiete, die Familie Sparks wieder auf⸗ zufinden, um ihr vollſtändigen Erſatz für den erlittenen unverſchuldeten Verluſt zu geben. Niemand vermöchte die Freude und das Glück der ſo ſchwer Heimgeſuchten bei dieſer unerwarteten Kunde zu ſchildern. In Aller Augen glänzten Freudenthränen und einmüthig knieten ſie nieder, ein heißes Dankgebet zu Gott emporſteigen zu laſſen.Laßt uns zurückkehren nach Philadelphia, rief endlich Fakob, nachdem der erſte Freudenrauſch verflogen.Ja, auf nach Philadelphia! ſtimmten ihm Alle freudig bei.

Der Tag ihrer Rückkehr, den Sparks dem ein⸗ zigen Freunde, welcher in Noth und Verleumdung ſich ihm ſtets treu erwieſen, angezeigt hatte, war ein feſt⸗ licher für die Familie Sparks und die Bewohner Philadelphia's. Eine Menge Menſchen gingen ihnen entgegen und führten ſie wie im Triumphe ein. Es war eine Sammlung veranſtaltet und ein Feſtmahl vorbe⸗ reitet worden, bei welchem die Sparksſſche Familie die Ehrenplätze einnahm. Nach der Tafel, welche durch viele ihnen zur Ehre und zum Lobe geſprochene Reden und Trinkſprüche belebt war, begleitete ſie die enthu⸗ ſiaſtiſche Menge mit Hurrahrufen nach ihrer alten klei⸗ nen Wohnung. Der bisherige Bewohner hatte ſie Sparks wieder freiwillig überlaſſen. Dem Vorſchlage, einen Proceß gegen den Bankdirektor einzuleiten, ſchenkte er kein Gehör und ſchlug ſelbſt das reiche Anerbieten desſelben, ihm eine jährliche Rente auszuſetzen, ab. Gern und dankend empfing er dagegen die Beſtellun⸗ gen wichtiger, jahrelanger Arbeiten, welche von ver⸗ ſchiedenen Handelsherren und der Behörde der Stadt bei ihm gemacht wurden. Bald arbeiteten unter ſeiner Leitung zahlreiche Gehilfen, und nachdem Jakob im Stande war, ihm viel von den Geſchäften, die ſich täg⸗ lich vermehrten, abzunehmen, blieb ihm zuletzt doch noch Zeit übrig, ſeinen Verbeſſerungen und Erfindungen, welche auszuführen ihm nun die Mittel nicht mehr fehlten, nachzudenken und dieſelben in's Werk zu ſetzen.

Von dieſer Zeit an wurde der Wohlſtand und das Glück der Familie Sparks nicht mehr geſtört. Sparks ſah alle ſeine Unternehmungen gelingen, genoß bis zu ſeinem Ende die Achtung und das Vertrauen ſeiner Mitbürger and bekleidete oft hohe bürgerliche Ehren⸗ ſtellen, zu denen man, wie es hieß, keinen beſſeren, recht⸗ licheren Mann als den Schloſſermeiſter Amos Sparks wählen könne.(Baz.)

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