Heft 
(1861) 11 11
Seite
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330 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

beſtehend aus den Eltern, dem ſchon erwähnten Sohne und zwei Töchtern, zu leben genöthigt war, herrſchten Eintracht und Zufriedenheit in dem häuslichen Krei des würdigen Schloſſermeiſters. Frau Sparks hatte ihre Töchter ſchon frühzeitig den ihr ſelbſt innewohnen⸗ den Fleiß und weiſe Sparſamkeit gelehrt.

Eines Tages ereignete es ſich, daß der alte, reiche, ſehr geizige Kaufherr Struttmann den Schlüſſel zu ſeinem Geldſchranke verlegt oder verloren hatte. Da dies unglücklicher Weiſe an dem letzten Sonnabende des Monats geſchah und er bis Nachmittag vier Uhr eine bedeutende Zahlung zu leiſten hatte, ſah ſich der Geiz⸗ hals nach langem vergeblichen Suchen genöthigt, einen ihm nahe wohnenden Schloſſer kommen zu laſſen, der jedoch, nachdem er auf alle Arten vergeblich verſucht hatte, den Schrank zu öffnen, eingeſtand, daß es ihm unmöglich ſei dies zu thun. Der ungeduldige Kaufherr überhäufte ihn über ſeine Ungeſchicklichkeit mit Vor⸗ würfen.Meiner Treu, ſagte der Meiſter,ich meine, mein Handwerk zu verſtehen wie einer. Laßt ſie nur Alle herkommen und ſeht zu, ob Ihr einem Ge⸗ ſchickteren darunter begegnet ſich zum Gehen wen⸗ dend, fügte er leiſe hinzu,Einen vielleicht ausgenom⸗ men. Den ſcharfen Ohr des Herrn Struttmann war dieſe Bemerkung nicht entgangen und haſtig fragte er nach Namen und Wohnung dieſes Einzigen.Es iſt Amos Sparks und wohnt in dem ärmlichen Hauſe mit dem Schloſſerzeichen in dem nächſten engen Gäßchen.

Herr Struttmann zuckte verächtlich die Achſel und ſandte nach der Wohnung des Genannten, um ihn augenblicklich zu ſich zu beſcheiden, denn ſchon war es drei Uhr und keine Zeit mehr zu verlieren. In der größ⸗ ten Eile erſchien Amos Sparks in Begleitung ſeines Sohnes auf den Ruf des bedrängten Kaufherrn und ſchon eine Viertelſtunde nachher kniete Amos vor dem Geldſchranke. Es ſchien als habe er nicht beſſeres Glück als ſein Kollege und als ſolle es ihm auch nicht gelin⸗ gen, den wichtigen Schrank zu öffnen.Ein prächtiges Schloß, Herr Struttmann, ſagte er,aber ſo gern ich auch die innere Konſtruktion bewundern möchte, ſo unmöglich iſt es mir, es zu öffnen. Das war zu viel für den ungeduldig harrenden Struttmann, er machte ſeinem Aerger in heftigen Schmähungen über die Ungeſchicklichkeit des immer noch vor dem Schranke knieenden Meiſters Luft. Als Jakob, der ſeinen Vater über alles verehrte und liebte und etwas heißer Gemüthsart war, dieſe Schmähungen hörte, legte er die Hand auf ſeines Vaters Schulter und ſagte: Komm, laß uns gehen, ſchelten ſoll er Dich nicht länger.

Nein, nein, Ihr müßt bleiben und den Schrank öffnen, rief der empörte Kaufherr, denn ſchon zeigte die Uhr auf zwanzig Minuten vor vier Uhr.Ich ver⸗ ſpreche Euch ein Pfund Sterling, wenn der Schrank in fünf Minuten geöffnet iſt! Sparks, welcher be⸗ reits ſich der Thür genähert hatte, kehrte um und ver⸗ ſuchte, mehr von der Schwierigkeit der Sache als dem hohen Preiſe angezogen, nochmals das hartnäckige Schloß

zu öffnen. Ehe drei Minuten verfloſſen waren erklang es zu gleicher Zeit von ſeinen und ſeines Sohnes Lippen: Geöffnet! Und wirklich drehte ſich die eiſerne Thür leicht in ihren Angeln und zeigte das Innere des Schrankes, deſſen verſchiedene Abtheilungen mit hohen aufeinander gethürmten Kaſſenanweiſungen und vielen Stößen und Schichten Goldes angefüllt waren. Um ſich der Arbeiter nun ſchnell zu entledigen, reichte Strutt⸗ mann ihnen ein kleines Geldſtück hin und wollte ſich dem geöffneten Schranke nähern, als ihm Sparks ziemlich ruhig ſagte, daß er ſeinem Verſprechen nach ihm ein Pfund Sterling ſchulde.

Ein Pfund Sterling für ein Schloß zu öffnen! Ihr müßt von Sinnen ſein. Wann ſeid Ihr je für ſo leichte Mühe ſo gut bezahlt worden? Kaum einen Schilling habt Ihr verdient freut Euch Eures Glückes und geht.Nein, Herr! rief Jakob vorſpringend, wir werden nur gehen, wenn Sie uns das verſprochene Geld gegeben haben. In demſelben Augenblick warf er mit einer raſchen Bewegung, ohne daß ſein Vater es verhindern konnte, die kaum geöffnete Thür wieder in das Schloß. Struttmann erbleichte vor Schreck und Wuth er fühlte Luſt, ſich auf den Knaben zu ſtürzen, aber ein Blick nach der Uhr, die bis auf acht Minuten vor vier Uhr vorgerückt war, ließ ihn andere Seiten aufziehen. Er wußte, daß der Empfänger der zu zahlenden Summe ſchon im Komptoir ſeiner warte und daß eine Verlängerung des Auszahlungstermins nicht nur bedeutende Koſten verurſachen, ſondern auch ſeinem Kredit ſchaden würde. Er bezwang ſich ſo gut es eben gehen wollte und verſprach für nochmaliges Oeffnen be⸗ ſtimmt ein Pfund Sterling zu zahlen. Sparks näherte ſich ſchon dem Schranke, als Jakob ihn aufhielt und, zu Struttmann gewendet, ausrief:Geben Sie meinem Vater vorher das Geld!Unverſchämter Elender, ſchrie der Kaufherr außer ſich,ich werde Dich auf dem Gerichte zur Verantwortung ziehen und mich zu rächen wiſſen. Als er aber bemerkte, daß Sparks Miene machte, ſeinem Sohne nachzugeben, reichte er ihm ein Pfund Sterling hin und zeigte, als das Schloß wieder geöffnet war, ſtumm nach der Thür.Mein Herr, ſagte Sparks,wenn ſich mein Sohn heftig und unziemlich betragen hat, ſo verzeihen Sie es ſeiner Jugend und Unbeſonnenheit und erinnern Sie ſich, daß Sie ihn durch Ihre Ungerechtigkeit gereizt hatten. Ihn der Obrigkeit anzuzeigen wäre eine ſchlechte That, die Ihnen kein Heil bringen würde. Als Vater und Sohn wieder daheim waren, erzählten ſie den Ihrigen den Auftritt. Die beſorgte Mutter ſchalt den heißblüti⸗ gen Jüngling und küßte ihn unter Thränen, die böſe Ahnungen ihr erpreßten.

Ungefähr ein Jahr nach dieſen Vorfällen wurde in der Bank von Philadelphia eine Summe von einer Million Thaler geſtohlen. Mehrere verdächtige Perſo⸗ nen waren eingezogen, aber wegen Mangel an Bewei⸗ ſen wieder freigegeben worden. Zu Meiſter Sparks größtem Erſtaunen ſah er eines Morgens vier Polizei⸗