326 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
mußte die härteſte Natur erſchüttern. Wir wollen ihn einige Stunden der Ruhe überlaſſen und dann ſollſt Du Dich mit mir überzeugen, daß Du Dich zu ſehr von einer Kleinigkeit ängſtigen läßt.“
Gegen Abend endlich konnte Hedwig mit ihrem Gatten hinauf gehen. Theodor lag auf dem Sopha und ſah ſehr verſtimmt aus.
„Lieber Theodor,“ ſagte Hedwig haſtig,„ich habe mich ſchrecklich geängſtigt. Sagen Sie mir, daß Sie nicht ernſtlich leiden; daß wir Sie bald wieder unten ſehen werden!“
„Sie ſind zu beſorgt, Hedwig,“ entgegnete er, indem er ihre dargebotene Hand an ſeine heißen Lippen drückte.„Ich will mich bemühen, Ihnen keine weitere Unruhe zu machen.“
„Du beſtehſt auf Deinem Eigenſinn, keinen Arzt haben zu wollen?“ fragte Alexander.
„Wozu? Ich fühle mich fieberfreier.“
„Und auch ſonſt ſchmerzlos?“
„Ja.
Dieſe kurze Antwort befriedigte Alexander nicht und er konnte das nicht verbergen.
„Warum ſiehſt Du mich ſo forſchend an?“ fragte Theodor;„wenn ich nicht ganz ſo bin, wie ich ſein ſollte, ſo iſt dies in meinem Verdruß zu ſuchen. Ich habe etwas mir hr Theures bei dem Brande ver⸗ loren.“
„Du haſt es nicht verloren. Hier iſt's.“.
Mit dieſen Worten zog Alexander das Me⸗ daillon hervor und hielt es ſpielend in der Hand.
„Du haſt es gefunden!“ rief Theodor heftig
darnach langend;„gib, gib; ich bin ſo glücklich, daß ich es wieder habe!“ Dieſe in Unruhe und Verwirrung ausgeſtoßenen Worte frappirten Alexander. Er be⸗ hielt das Medaillon noch immer in der Hand und ſah es prüfend an. Theodor zitterte; ſein Athem flog.
„Du mußt es ausbeſſern laſſen,“ bemerkte Alex⸗ ander mit fortwährend geſenktem Blick;„ſieh’ es hat Schaden gelitten— hier, hier— und hier—“ und auf einmal wich die Feder dem Druck ſeiner Finger. Alexander zuckte und erblaßte, als hätte dieſe leicht aufſpringende Feder ihm einen ſcharfen Stich verſetzt. Geſchloſſen reichte er Theodor das Medalllon hin, der es zögernd, wie geiſtesabweſend nahm.
„Es hat Dich vielleicht vor einem ſchädlichen Stoße bewahrt,“ bemerkte Alexander mit Ruhe.
„Ein Stoß?“ fragte Hedwig, von dieſer ihr räthſelhaften Scene verwirrt;„es hat alſo eine Gefahr für Sie gegeben, Theodor?“
„Der Balken, der mich traf,“ antwortete er mit ſeltſamer Ironie,„prallte allerdings davon ab und verlor dadurch ſeine Kraft; aber als Talisman hat es ſich nicht bewährt. Gerade dadurch iſt mir ein Stoß verſetzt, den ich ewig nachfühlen werde.“
Dieſe letzten Worte waren ſo leiſe als unerklärlich. Hedwig verſtand ſie nicht und nahm eine neue Un⸗ ruhe mit ſich fort.„Alexander,“ bat ſie im Hinab⸗ gehen ſchmeichelnd,„habe Mitleid mit meiner Neu⸗ gierde, was enthält dieſes Medaillon?“
Er blieb ſtehen und ſah ſie erſtaunt, durchdringend an, als wollte er auf den Grund ihrer Seele ſchauen. Sie hielt ruhig dieſen Blick aus; der ihre ſprach nur
von unbefangener Neugierde.
„Nun; was enthält es?“
„Blos eine Haarlocke unſerer Mama, wie das meine.“
Mit dieſer edelmüthigen Lüge, die ſchwer über ſeine Lippen ging, ſtrafte Alexander ſich ſelbſt für den Verdacht an Hedwig und bedeckte großherzig eine Verirrung ſeines Bruders.
Jenes verhängnißvolle Medaillon barg das wohl⸗ getroffene, in Aquarell ausgeführte Miniaturbild Hed⸗ wigs!
Es dauerte mehrere Tage, bis Theodor ſein Zimmer wieder verließ. Man ſah, daß er mehr gelitten haben mußte, als er zugeſtanden. Auch verrieth es die ſtumme, ängſtliche Sorgfalt ſeiner Mutter. Er erſchien matt, trübe, einſylbig, träumeriſch. Finſtere Schatten ſchwebten zwiſchen ſeinen Brauen, verdunkelten ſeinen ſonſt ſo offenen Blick.
Wenn Hedwigs Auge oft mit ſtiller Trauer auf ihm ruhte, lächelte er aufmunternd und fuhr mit der Hand über die Stirn, daß ſie ſich glätte.
Seinem Bruder begegnete er mit einer Art ſchwer⸗ müthiger Innigkeit, aber offenen Blickes, wie früher, als läge nicht der leichteſte Schatten zwiſchen ihnen. Und Alexanders Herz vergab und vergaß gerne— in ſeinem Benehmen ſprach ſich auch nicht der leiſeſte Vorwurf aus. Hedwig war wachſam auf ſich ſelbſt, doch innerlich voll Kampf, voll Unruhe, voll Zweifel.
Der General allein war ſeelenvergnügt. Ausga⸗ nommen einen beſorgt fragenden Blick, den er zuwrilrn auf Theodor warf, befand er ſich con amore. Ihm entging es ganz und gar, daß irgendwo ein Häkchen ſei. Alles befriedigte ihn:— das Wild, dem er den Tod ſchwur, und das er in chevaleresker Weiſe ſtets ſelbſt der Herrin des Hauſes überbrachte; der feine Tiſch, der blühende Zuſtand des Gutes, die komfortable Wohnung, das liebliche Lächeln Hedwigs. Alepan⸗ der leiſtete ihm meiſt Geſellſchaft, da Theodor ſich häufig auf ſeinem Zimmer hielt oder einſame Gänge unternahm und Hedwig von Frau von Krüden in Anſpruch genommen ward. Die Generalin war tief unzufrieden mit der Lage der Dinge. Vergebens ſuchte ſie in die verſchloſſene Natur ihres Sohnes einzudrin⸗ gen; es gelang ihr nicht mehr ſo wie ſonſt.
„Theodor,“ ſagte ſie eines Tages, als ſie ihn düſter nachdenkend im Garten fand,„haſt Du mir nichts zu ſagen, nichts zu vertrauen?“
„Ich wüßte nicht,“ entgegnete er zerſtreut lächelnd; „weßhalb wollt Ihr Frauen doch immer Geheimniſſe erforſchen? Habe ich Dir nicht unlängſt einen Beweis meines ausſchließlichen Vertrauens gegeben, Mama?“
Frau von Krüden ſchüttelte mit traurigem Ausdruck den Kopf.„Dieſes Vertrauen iſt mir eine Qual, Theodor,“ ſagte ſie bittend;„wenn Du mir nicht geſtatteſt, gegen Deinen ſtarren Willen etwas zu thun, ſo vergehe ich in der Angſt um Dich! Du gehſt


