324 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
5 „haben Sie auch Alles bedacht, Papa? Paſſe ich auch in die Cirkel der Reſidenz?“
„Pah!“ ſtieß der General etwas ärgerlich hervor; „was ſind das für Skrupel? Gib ſie auf, wenn ich nicht meine gute Laune verlieren ſoll.“
„Ihre Güte rührt mich, mein Vater,“ ſagte Alepander dankbar„Es iſt mein innigſter Wunſch, Hedwigs Jugend und Vorzüge nicht hier ausſchließ⸗ lich vergraben zu müſſen. Wir allein würden aber wenig Vergnügen in der Reſidenz finden. Ich weiß Ihr Opfer vollkommen zu würdigen!“
Theodor hatte kein Wort von dieſer Unterhal⸗ tung verloren, obwohl er, ohne die mindeſte Zerſtreut⸗ heit zu verrathen, mit ſeiner Mutter plauderte.
Das trauliche Familiengemälde hatte etwas dop⸗ pelt Gemüthliches, je mehr es mit dem immer toller tobenden Unwetter kontraſtirte. Es war inzwiſchen früh⸗ zeitig Nacht geworden. Der Regen hatte faſt gänzlich nachgelaſſen, aber ein orkanartiger Sturm heulte um das Haus und Schlag auf Schlag wechſelte mit bläu⸗ lichen, ſchlangenartigen Blitzen. Plötzlich folgte einem ſolchen blendenden Strahl ein ſo entſetzlicher Donner⸗ ſchlag, daß Alle, ſelbſt den General nicht ausgenommen, erſchreckt in die Höhe fuhren und unwillkürlich die Au⸗ gen ſchloſſen.
„Das hat gezündet!“ rief Alexander nach einer ſekundenlangen Pauſe.
„Und zwar ganz in der Nähe,“ bemerkte der Ge⸗ neral, an's Fenſter tretend. 1
„Dort iſt Feuer!“ rief Hedwig, nach dem Thale zeigend, wo in der That aus dem unheimlichen Dunkel der Wälder eine helle Flamme emporſchlug.
„Das kann nur die Thalmühle ſein!“ ſagte Alexander raſch, und gleichzeitig gab er den Befehl, ein Pferd zu ſatteln.
„Aber Du kannſt ja die Zügel nicht halten!“ rief Hedwig geängſtigt.
„Zur Noth kann ich es ſchon,“ entgegnete er ent⸗ ſchloſſen;„ich muß hin; die armen Leute werden ſich nicht zu helfen wiſſen und die Nachbarn brauchen in ſolchen Fällen immer eine Aneiferung.“
„Ich begleite Dich,“ ſagte Theodor;„könnteſt Du nicht im Tylburi fahren, während ich vorausreite 2
„Gott bewahre! Sieh, wie die Flamme ſich ver⸗ größert, wir kommen ohnedies wohl ſchon zu ſpät.“
In fünf Minuten waren die Pferde geſattelt und der ungeduldige Alexander winkte nur noch mit der Hand ein Lebewohl, ohne Hedwigs Klagen und Ein⸗ würfe zu hören; dann ſprengten Beide mit verhängten Zügeln fort, denn in einem ſolchen Falle unterſtützte Alexanders Gewandtheit ihn derart, daß er, wenn auch blos einer brauchbaren Hand ſich bedienend, doch ſattelfeſt und ſicher blieb.
Der Weg bis zur Thalmühle, die, wie Alexan⸗ der richtig vermuthete, bereits in vollen Flammen ſtand, betrug für die faſt fliegenden Pferde kaum zehn Minuten. Unweit der Unglücksſtätte ſtiegen die Reiter raſch ab und mit Empörung ſah Alexander, wie die Nachbarn des Müllers unthätig umher ſtanden,
theils durch Schreck verblüfft, theils feige und ſelbſt⸗ ſüchtig, die Habe eines Andern dem gierigen Element überlaſſend. Die Müllerin, ein Weib in mittleren Jah⸗ ren, ſtürzte händeringend auf Alexander los, der bereits in vollem Aneifern der unthätig Zuſehenden be⸗ griffen war.
„Um aller Heiligen Willen, gnädiger Herr, mein Kind, mein lahmer Sepp, er liegt in der Oberſtub'! Die Stiegen haben zu allererſt gebrannt, aber die Stub' muß noch ſicher ſein! Um des Heilands Willen, wer holt mir den armen Buben— er iſt lahm, er iſt des Todes!“
„Eine Leiter, raſch!“ rief Alexander, das arme Weib mit einem tröſtenden Blick beſchwichtigend; „welches Fenſter iſt s?“
„Du willſt doch nicht!“ ſagte Theodor haſtig; „Du, mit nur einem freien Arm!“
Zugleich begann er ſchon die inzwiſchen herbeige⸗ holte Leiter hinaufzuſteigen, die etwa fünfzig Sproſſen hoch, in die von Hitze, Rauch und Qualm verdichtete Atmoſphäre führte und an ein Fenſter im Obergiebel angelegt war. Rechts und links hatte der Brand bereits verheerende Fortſchritte gemacht. Das Unglück wollte, daß es eben ein Markttag im nächſten Städchen war und ſomit faſt alle thatkräftigen Männer aus dem Thale, den Müller mit eingeſchloſſen, ſich drüben be⸗ fanden. So fehlte mancher ſtarke Arm, mancher kräftige Wille. Der Blitz hatte im Hintertheil des Hauſes ge⸗ zündet und zunächſt das Mahlhaus, dann die Treppe zum Wohngebäude erfaßt. Der vordere Giebel, in der Mitte erhöht und nach auswärts gemauert, widerſtand am längſten— ſo ſchien es wenigſtens. Zu beiden Seiten glühten ſchon die Dachſparren und das Gerippen des Dachſtuhles begann ſich Stück um Stück loszutren⸗ nen. Ein ſolcher halbverkohlter Balken ſtürzte in dem Augenblick, als Theodor auf der Hälfte der Leiter⸗ ſproſſen angelangt, den Oberkörper zurück beugte, um einen Augenblick Athem zu ſchöpfen, da der Dampf ihn zu erſticken drohte. Der fallende Sparren traf ihn mit⸗ ten auf die Bruſt und ein Schrei von den Lippen der unten athemlos Lauſchenden betäubte den Ausruf, der dem Munde des Getroffenen entſchlüpfte. Er ſchwankte — aber er hielt feſt und erſtieg muthig den Reſt der Sproſſen. Das Fenſter mit gewaltigem Druck aufſtoßen und in das Zimmer ſpringen war Eins. Hier lag der lahme Knabe, ein Bild des Entſetzens. Sein Geſchrei war im Tumult des Feuers und der Rettungsverſuche für die Habe bisher machtlos verhallt; den ſchauder⸗ haften Tod in den Flammen vor Augen, unfähig, ſich zu regen, war der Knabe in eine Art Stumpfſinn ver⸗ fallen. Die Thür der Kammer war bereits verbrannt, die dünne Oberdecke glühte, dicker Qualm füllte die Stube und mit Mühe nur fand ſich Cheodor zu dem ärmlichen Lager des Knaben hin. Die hilfloſe Geſtalt auf die Arme nehmend, begann der muthige Retter ſeinen ſchwanken Weg zurück, begrüßt von dem Jubel⸗ geſchrei der athemlos Harrenden. B
Die verzweifelnde Mutter ſtürzte heck, ſinnlos auf den Knaben zu und überſchüttete ihn mit Liebkoſungen.


