Heft 
(1861) 10 10
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314 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

webel iſt, denn bei ſeinem Erſcheinen ließ Jedermann ſeine Arbeit ſtehen, machte gegen ihn Front und ſalu⸗ tirte. Ich bekam, je weiter wir gingen, immer mehr Reſpekt vor meinem Begleiter. Endlich gelangte ich an meinen Beſtimmungsort. Das Feldwebelszimmer, oder auch die Kompagniekanzlei genannt, hatte eine ſehr ein⸗ fache Ausſtattung. Ein ſchwarzer Kanzleitiſch, ein lan⸗ ger, aus weichem Holze gezimmerter Kommißtiſch, zwei Betten, zwei Stühle das waren die Möbel. Einige Schließeiſen für Arreſtanten, einige alte Keſſel und Kaſſerolle, die ſich gleichfalls hier vorfanden, waren mir räthſelhaft, da ſie mir weder für unſern Gebrauch noch zur Zierde des Zimmers geeignet ſchienen. Am meiſten unter den genannten Mobilien intereſſirten mich die Betten, für die ich eine beſondere Gebrauchsanweiſung für nöthig erachtete, da ich weiter nichts als einen ge⸗ wöhnlichen Strohſack mit einem am Kopfende zuſam⸗ mengerollten Pack von Leintüchern und einer wollenen Decke bemerkte. Wie ſollten wohl ſo einfache und doch ſo verwickelte Dinge zu einem komfortablen Nachtlager hergerichtet werden? Vor der Hand dachte ich aber noch nicht ernſtlich an dieſe inneren häuslichen Angelegen⸗ heiten, ſondern hegte nur den Wunſch, mich baldmög⸗ lichſt meinen Angehörigen als ungariſchen Soldaten präſentiren zu können. Ich äußerte darum die Bitte, recht bald mit einer Montur bekleidet zu werden, und ſie wurde auch gewährt, obgleich in einer nicht gerade einem Kadetaſpiranten entſprechenden Weiſe. Alle Röcke und Hoſen, ſo wie die Schuhe des Magazins waren mir zu groß; daher blieb mir nichts übrig, als von einer im Wuchſe mir ähnlichen Perſon bereits getra⸗ gene Montuesſtücke mir zu entlehnen. Dieſe fanden ſich bei dem zweiten Feldwebel, deſſen Garderobe ſich eben nicht durch Ueberfluß und Feinheit auszeichnete. Ein alter Rock wurde ſeiner größten Zierde, der drei Sterne, beraubt; dieſer Rock, ein Paar ungariſche Hoſen und Schuhe und eine Holzmütze waren hinreichend, aus mir einen andern Menſchen zu machen.

Auf dieſe Art herausſtaffirt, mit einem kurzen Bajonnete, dem ſogenannten Zahnſtocher, behangen, wurde ich im Salutiren einepercirt. Raſch und leicht begriff ich dieſe Anfangsgründe der Kriegswiſſenſchaft. Nach dieſer erſten Lektion wurde mir die Erlaubniß auszugehen ertheilt, zugleich aber auch eingeſchärft, mit dem Zapfenſtreiche pünktlich zu Hauſe, das iſt, in der Kaſerne zu erſcheinen.

Nun fühlte ich mich bereits als Soldat und be⸗ trachtete mich mit Stolz und Wohlgefallen, wie ein Knäblein, das die erſten Höſelein angezogen, nach Mög⸗ lichkeit vom Kopf bis zu den Füßen. Da kein Trumeau⸗ ſpiegel ſich unter den Möbeln der Feldwebelswohnung vorfand, konnte ich freilich zu keinem rechten Ueberblicke meiner neugebornen Perſönlichkeit gelangen, ich war aber überzeugt, daß mir die Uniform reizend ſtehen müſſe, und ich erwartete, nicht wenige Erfolge daheim in der Vaterſtadt zu erzielen. In möglichſt militäriſcher Haltung ſchritt ich meinem Ziele zu und ſalutirte jeden vorübergehenden Officier mit rühmenswerther Fertigkeit. Auf meinem Vege begegnete mir ein Schulka⸗

merad mit ſeinen Eltern, der gleichfalls die Abſicht hatte, in mein Regiment als Kadetaſpirant einzutreten. Kaum hatte ich die Geſellſchaft erblickt, ſo warf ich mich, des guten Eindruckes gewiß, ſtolz noch mehr in die Bruſt. Er aber wurde merkwürdiger Weiſe bei meinem Anblicke verlegen und es war mir zweifelhaft, ob er mich in meinem Glanze beneidete, oder ob ich ihm ſehr wenig zu meinem Vortheile verändert vorkam. Natür⸗ lich war ich mehr für die erſte Anſicht, obſchon die zweite die richtige war, da die alten, gänzlich unpaſſen⸗ den Kleider mich förmlich verunſtalteten und der un⸗ ſichere Gang und die gezwungene Haltung alles Unge⸗ ſchick eines Rekruten verriethen. Die Eltern des Kame⸗ raden betrachteten mich mit mitleidigem Blicke und ſahen bald auf meine plumpen, ſchwerfälligen Schuhe, bald auf das grobe Tuch meines Waffenrockes. Sicher wurde ich, nachdem ich mich ihnen empfohlen hatte, dem Söhnlein als abſchreckendes Beiſpiel vorgeſtellt. Da der Kamerad in der That nicht Soldat geworden iſt, ſo bin ich zu der Annahme berechtigt, daß mein Anblick ihn von ſeiner Vorliebe für den Militärſtand geheilt haben mag.

So beſchaffen war die erſte Wirkung, die ich auf das Civil hervorbrachte.

In kaum günſtigerem Lichte mochte ich mich zu Hauſe präſentiren; denn mein Papa, der mich für den erſten Augenblick gar nicht erkannte, erſchrak faſt, als ich mich als ſeinen vielgeliebten Sohn zu erkennen gab, und meine Mutter war einer Ohnmacht nahe. Ich ſchob das Alles auf das Ungewohnte der Neuheit, aber als wir uns ſpäter zu einem Spaziergang anſchickten, fiel es mir doch bedenklich auf, daß ſich mein vierjähriges Schweſterlein, welches als Pythia für das grüne Regi⸗ ment entſchieden hatte, ſtandhaft weigerte, von mir ſich führen zu laſſen. Sie ſchien ſich vor mir wie vor einem Popanz zu fürchten..

Nichts deſto weniger zog ich auf dem Spaziergange die Aufmerkſamkeit der Damenwelt in hohem Grade auf mich. Beweis deſſen war mir, daß ſich die meiſten bei meinem Vorübergehen wiederholt umkehrten, als wollten ſie ſich die Gewißheit verſchaffen, ob der auf⸗ fällige Marsſohn derſelbe ſei, der wenige Tage vorher im ſchwarzen Frack und weißer Atlaskravatte auf dem Beamtenballe mit ihnen eine Quadrille oder einen Walzer getanzt hatte. Ja, ja, es war derſelbe, aber da⸗ mals nur noch ein Studioſus, aber jetzt in völlig ver⸗ änderter und wie ich meinte weit verbeſſerter Auflage, ein Kandidat der höchſten Officiersſtellen.

Der Abend verfloß raſch und mit ängſtlicher Ge⸗ nauigkeit berechnete ich die Zeit, welche ich nothwendig hatte, um in der Kaſerne pünktlich zum Zapfenſtreich einzutreffen. Ich, derſelbe, der oftmals genug gegen unſere Hausordnung gemurrt hatte, die mir nicht er⸗ laubte, über zehn Uhr auszubleiben, fügte mich nun willig und gewiſſenhaft dem Rufe der Trommel, die

mich um neun Uhr in die Kaſerne kommandirte. Des

Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich.

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