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320 Erinnerungen. Zlluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
eines Kegels mit breiter, leuchtender Baſis. Sie nahm ihren Weg durch die Gärten und Weinberge, ſtrich dicht an dem Janikulus und der Porta San Spirito vorbei und ſtürzte ſich auf den Vatikan nieder. Die 89 Blitz⸗ ableiter, welche die Wohnung des Stellvertreters Chriſti beſchützen, empfingen die erſten Ladungen dieſer fürchter⸗ lichen Batterie; alsdann ſah man die Spitze des Kegels in dem großen Hofe von Sandamasko, auf welchen die Logen des Rafael münden, wirbeln, und ſogleich wurden die großen Glasthüren und die ungeheuren Fenſter der Galerien mit fortgeriſſen und zertrümmert. Alle Lichter gingen aus und die zahlreichen Bewohner des Vatikans, betäubt und halb erſtickt, glaubten an eine völlige Zer⸗ ſtörung. Das entſetzliche Getöſe und die furchtbaren Donner⸗ ſchläge, welche den Palaſt in ſeinen Grundfeſten erſchüt⸗ terten, ließen im erſten Augenblicke das Auffliegen einer Mine unter den Zimmern des Papſtes fürchten. Pius IX. war während des Aufruhrs der Elemente im Gebet ver⸗ ſunken.„Ich bin wie Hiob,“ ſagte er zu den Eintreten⸗ den,„der böſe Geiſt greift mich von allen Seiten an.“ In dem großen Konſtantius⸗Saale, wo ſich die Fresken von Giulio Romano befinden, ſind alle Fenſter zertrüm⸗ mert und nach außen geſchleudert worden. Stücke von den Glaskugeln, welche ſich in dem großen Ehrenſaale auf den Gaskandelabern befanden, waren in einem benach⸗ barten Hof wider eine Mauer geflogen und ſaßen zum Theil in derſelben feſt. Große genueſiſche Schieferſteine, von der Dicke eines Drittelzolls, welche das Belvedere be⸗ deckten, wirbelten wie Federn in der Luft herum. Zum Glück iſt keines der großen Gemälde von Rafael be⸗ ſchädigt worden. Das Arſenal hat wenig gelitten. Die Tiber iſt ausgetreten und hat das Land überſchwemmt. Baumſtämme, Trümmer und todte Thiere treiben auf ihrer Oberfläche; man will ſelbſt einen todten Schäfer, umgeben von ſeinen todten Schafen, haben vorbeiſchwimmen ſehen. Mehre Brücken und Kunſtwerke ſind fortgeriſſen worden.
Eine mertkwürdige Verwundung. Ein kräftiger 35jähriger Neger gerieth in einer Reismühle mit ſeiner Hand zwiſchen ein Rad und einen breiten Treibriemen. Die Maſchine erfaßte die Hand und den Vorderarm, riß den Neger mit äußerſter Geſchwindigkeit nach vorn, bis die Schulter an einen ungefähr 1½ Zoll vom Rade ent⸗ fernten Balken gerieth. Hierdurch erhielt der Neger einen Stützpunkt; die Maſchine aber bewegte ſich mit ihrer ganzen Gewalt weiter, zog natürlich am Arme, und ſo wurde— ohne Schmerzempfindung für den Neger— der ganze Arm nebſt dem Schulterblatt abge⸗ riſſen. Der Mann fiel von dem Rucke zu Boden, ſtand aber wieder auf und ging allein 30 Ellen weit zum Thore der Mühle hinaus. Da die äußere Haut glück⸗ licherweiſe oberhalb des Schulterblattes erhalten war, ſo fand ſich nur eine verhältnißmäßig kleine ovale Wunde von 6 Zoll Länge und 3 Zoll Breite. Es wurden Um⸗ ſchläge mit kaltem Waſſer gemacht, und nach ſechs Wochen war die Wunde vernarbt, die Heilung vollſtändig.— Dieſer glückliche Ausgang klingt faſt wie ein Märchen; doch iſt die Thatſache nicht etwa einem Journale, welches auf das Staunen ſeiner Leſer ſpekulirt, ſondern dem „Archiv f. Klin. Chir.“ entnommen, in welchem Dr. Gurlt in einem Bericht über die Leiſtungen der Chirurgie nicht nur dieſe Beobachtung, ſondern noch drei ihr ähnliche unter Angabe der Quellen anführt. Im Jahre 1737 wurden einem 26jährigen Müller von einem Rade Arm und Schulterblatt ausgeriſſen. Auch dieſer empfand dabei keinen Schmerz und ‚„war ſehr überraſcht, als er ſeinen abgeriſſenen Arm im Rade erkannte.“ Er ſtieg noch eine ſchmale Leiter hinab auf den Boden und ging circa 100 Ellen weit, um ſeiner Familie Mittheilung von dem erlittenen Unfalle zu machen. Nach zwei Monaten war er vollſtändig geneſen. Im Jahre 1832 betraf einen
. Bieo.—„Räuber!“ erwieder
13jährigen Knaben und 1833 einen an einer Spinn⸗ maſchine beſchäftigten Knaben derſelbe Unfall: auch ſier wurden vollſtändig geheilt.— Der Umſtand, daß trotz der ungeheuren Verwundung die Kranken im Augenblicke derſelben keinen Schmerz empfanden, wird durch die Schnelligkeit erklärlich, mit welcher der Unfall vor ſich ging. Auch alle Diejenigen, welche durch den ſcharfen Schuß einer Kugel verwundet wurden, verſichern überein⸗ ſtimmend, im Augenblicke der Verwundung keine Empfin⸗ dung gehabt zu haben.
Theater.
Unſer Rückblick über die Bühnenleiſtungen während der letztern zwei Wochen muß ſich nur, mit Ausnahme der zum Benefiz des Hrn. Haſſel gegebenen zwei kleinen Novitäten, auf bereits ſehr Bekanntes beſchränken, auch iſt diesmal keine Veranlaſſung gegeben, im Allgemeinen eine beſondere Anerkennung zu äußern; höchſtens könnte man in dieſem Zeitraum Frl. Brenners Leiſtung als „Dinorah“ in Meyerbeers gleichnamiger, plötzlich ohne beſondere Vorbereitung eingeſchobener Oper als den ein⸗ zigen Glanzmoment bezeichnen. Die neue Oper„Fauſt“ iſt wegen Erkrankung der Darſtellerin des„Gretchen“ zeitweiſe vom Repertoir verſchwunden, was zu bedauern iſt, da man bei öfterem Anhören dieſer intereſſanten Novität auf die einzelnen ſchönen Stellen mehr aufmerk⸗ ſam hätte werden können. Man ſubſtituirte hiefür die Ober„Czar und Zimmermann“ von Lortzing, auch gab
man desſelben Komponiſten„Waffenſchmied“, worin die
Titelrollen zu den beſten Leiſtungen der Herren Kren⸗ und Steinecke gehören. Namentlich letztere bewährte wieder ihre alte Zugkraft und es verdienten außer den genannten beiden Sängern ſowohl Herr Bachmann als Knappe„Georg“, als auch die Chöre, daß ihnen öfterer und lauter Beifall gezollt wurde. Die in unſerem Ein⸗ gangsbericht v. M. angeregten Mängel in der artiſtiſchen Geſchäftsführung der Oper traten in der oben berührten Repriſe der„Dinorah“ wieder einmal grell hervor; es iſt kaum begreiflich, wie jetzt ſolche Konfuſionen, wie z. B. im erſten Chor des zweiten Aktes bei einer Oper, die ſonſt in Deutſchland zu den beſten zählte, vorkommen können, abgeſehen von andern, lediglich dem erſten Kapell⸗
hier bei dem Mangel an Routine, an praktiſcher Erfah⸗ rung und an der richtigen Vorſtellung über den Kunſt⸗ werth einer Aufführung, etwaige Proben, ſelbſt wenn ſie mit dem beſten Willen gehalten werden ſollten, nicht allein aus. Die beiden, von Hrn. Haſſel zum Benefiz gewählten Novi⸗ täten:„Onkel Tannhäuſer“, Luſtſpiel von Gaßmann und„Lied Fortunio's“, Operette von Offenbach, wurden gut gegeben und unterhielten ſehr. Beide Novitäten wurden bald darauf mit richtigem Takte wiederholt und verſetzten das zahlreiche Publikum in eine offenbar noch weit animirtere Stimmung als das erſtemal, namentlich der„Onkel Tannhäuſer“, von dem man ſagen kann, daß Alles in ihm recht glücklich gegriffen iſt, außer eben dem Titel, denn faſt könnte man ſagen, daß der Name jedes Onkels eben ſo gut paſſen würde. Der Verf. hat mit dem Namen Tannhäuſer offen⸗ bar die Neugierde ſteigern wollen, und nach dieſer, aber auch nur nach dieſer Seite hat er auch den Tittel„glücklich“ gegriffen. Die Operette liefert einen neuen Beweis für die
vielgerühmte Geſchicklichkeit Offenbach's in geſchmackvoller Gruppirung und geſchickter Verwerthung des verſchiedenſten melodiſchen Materials, und wird gewiß noch lange ge⸗ fallen. Löblich war es, den Gedächtnißtag Schillers durch die Aufführung des„Don Carlos“(am 11. d. M.) zu feiern.
cch geſchah Recht. Warum habt Ih⸗ Redigirt
ier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag.
meiſter zu imputirenden Unrichtigkeiten; allerdings helfen


